Ich habe zeitlebens kein Gefühl für mein Selbst, ich habe wie kein Selbst, wie nennt man das?
In manchen Kreisen würde man das
erleuchtet sein nennen. Denn wenn es nach den großen spirituellen Traditionen Indiens und Asiens geht, ist das Selbst tatsächlich eine Illusion, oder zumindest das Ego. Jedoch kenne ich das von dir beschriebene Gefühl sehr genau, und es fühlt sich überhaupt nicht nach Erleuchtung an, sondern vielmehr nach einem Defizit. Manchmal würde ich den spirituellen Suchern, die unbedingt ihr Selbst loswerden wollen, gerne zurufen, dass sie froh sein sollen, ein Selbst zu haben. Ich hätte gerne
mehr Selbst, für mich wäre es ein Gewinn.
Es ist wie im Supermarkt, da ist alles; was ich aber in meinen Wagen packe, entscheide ich ganz allein.
Ich bin mir, wie gesagt, nicht sicher, ob wir das das selbst entscheiden. Eine negative Meldung hat für mich mehr Gewicht als zehn positive Meldungen. Aber das suche ich mir doch nicht aus! Sonst würde ich es andersrum machen...
Ich denke, man muss auch sehen, dass Schopenhauer - wie alle, deren Name "übrigblieb" - ein Kind seiner Zeit war. Das triste Leben in Armut war für breite Bevölkerungsschichten vorprogrammiert. Seine finanzielle Situation ließ es zu, dass er mit Abstand (und von oben, d. h. ohne selbst in der Situation gefangen zu sein) auf die Dinge schauen konnte und - was menschliches Leben betraf - recht düstere Bilder "malte".
Also für mich ist Schopenhauer
zeitlos - und das war ja auch sein oberster Anspruch, eine Philosophie der Welt zu entwickeln, die unabhängig vom Zeitalter zutreffend ist. Das Leiden hat sich lediglich verschoben. Heute gibt es weniger Armut - dafür aber eine Epidemie der psychischen Krankheiten, vor allem im depressiven Spektrum und im Bereich der Angststörungen.
Jeder Mensch sehnt sich nach Beachtung, nach Wohlwollen, nach Wertschätzung, nach LIEBE.
Liebe ist für mich so was mich das
Selbst. Ich kann mit dem Begriff etwas anfangen, im theoretischen Sinne. Aber im praktischen Sinne ist es mir fremd.
Übrigens die Haltung von Schopenhauer zur Liebe ist, wie die zu den Frauen, recht eigenwillig.
Er meint: Alle wahre und reine Liebe ist Mitleid, und jede Liebe, die nicht Mitleid ist, ist Selbstsucht.
Mitleid hingegen, das kenne ich sehr gut. Es ist neben Angst und Abscheu das dominanteste Gefühl, das ich empfinde.
Natürlich kann man auch
zu viel Mitleid haben, und natürlich wendet man das dann auch zu oft auf sich selbst an, aber auch hier gilt wieder: Wer sucht sich das aus? Wie Schopenhauer sagte:
Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will. Wenn also jemand viel Mitleid haben "will", hat er sich das nicht ausgesucht, sondern er ist eben mit
diesem spezifischen Wollen zur Welt gekommen. Darauf hat man keinen Einfluss mehr, wenn man erst mal in der Welt ist.
Ich hatte die letzten paar Tage irgend eine Seuche mit heftigen Hustenanfällen, solange bis man Bauchmuskelkater vom Husten hat, das ist besonders spaßig, da musste ich dann direkt über die Jämmerlichkeit des menschlichen Daseins lachen, während ich mich hustend vor Bauchmuskelmerzen gewunden habe, aber durch das Lachen wurde der Bauchmuskelkater noch schlimmer. Eine sehr ikonische Szene, deshalb liebe ich das Leben.
Warum erwähne ich das überhaupt? Ganz einfach, weil es wieder meine Grundthese beweist: In diesem Leben ist nichts sicher und alles mögliche kann jederzeit passieren. Ein paar Tage bevor ich so jämmerlich dagelegen bin, war ich topfit und dann BAM liegt man da. Das Schlimmste war allerdings die Atemnot, die ich nach den Hustenanfällen hatte und das damit verbundene Kopfkino. Denn da wird einem klar: Dieses jämmerliche körperliche Dasein hängt jederzeit am Tropf des funktionierenden Luftholens und wenn das auch nur eine halbe Minute lang aussetzt, dann ist Schicht im Schacht. Dazu kamen natürlich noch die Gedanken:
Das hast du jetzt von deiner Einstellung, das ist sicher Covid und jetzt kommst du auf die Intensivstation. Aber ein Covid-Test erwies sich als negativ. Trotzdem habe ich mir in diesem Gedankensturm geschworen, mich jetzt doch impfen zu lassen, denn ein solches Erlebnis will ich nicht nochmal haben, egal durch was verursacht, auch wenn es vielleicht Nebenwirkungen bei der Impfung gibt. Ist das nun eine emotionale Überreaktion oder rationales Schlussfolgern?
So oder so, mich bestätigen solche Erlebnisse nur in meiner Grundansicht, dass das irdische Leben eine permanente Katastrophe ist und die Hoffnung allein im metaphysischen Bereich liegt.
Manche haben traumatisches erlebt, manche empfinden die Geburt als traumatisches Erlebnis und spalten es vom Selbst ab.
Die eigene Geburt oder die ihres Kindes?
Ich vermute mal, mit "die Geburt" ist die eigene Geburt gemeint - und das halte ich für weit hergeholt, spekulativ oder esoterisch.
Oder für eine Kopfgeburt, sei es vom Patienten oder vom Therapeuten.
Nach allem, was wir über die menschliche Psychologie und Neurologie das Menschen wissen, gibt es keine Erinnerungen aus dem Zeitraum vor dem 3. Lebensjahr. Und fragt man einmal Menschen, so rein privat und aus Interesse, was denn ihre frühesten Erinnerungen sind, so setzen die ersten Erinnerungen, vereinzelt, in diesem Alter oder später ein.
Ein Trauma aufgrund eines Erlebnisses, für das es unmöglich ist, sich daran überhaupt nur zu erinnern?
Das kann es nicht geben.
Das ist eine Scheinerklärung, eine Schimäre, für viel weiter oben in der Psyche liegende Leichen im Keller.
Also ich kann mir durchaus vorstellen, dass eine Kaiserschnitt-Geburt für das Kind traumatisch sein kann. Das muss man sich mal vorstellen: Die Natur hat eigentlich alles genau getaktet, das Ungeborene geht unbewusst davon aus, noch einige Tage oder ein bis zwei Wochen im geschützten Umfeld des Mutterleibes zu sein bevor es auf die erste große Mission geschickt wird und dann --- wird es plötzlich von einer Horde maskierter Gestalten mit Scheren und anderen metallenen Werkzeugen in der Hand in ein gleißendes Neonlicht herausgerissen. Hallo??!!! Wenn das kein traumatisches Erlebnis ist, was dann? Und dass ein Trauma auch auf der unbewussten Ebene wirken kann weiß man doch wegen
verdrängten Erlebnissen, die zu Traumata werden.
Das sind ja Aussichten, da kann man glatt zum Chris werden.
Ja, zu einem "Chris-Kind" der besonderen Distanzierungsart.
Es sollte niemand zum Chris werden, das geht auch gar nicht, weil auch ihr zwar tun könnt, was ihr wollt, aber nicht wollen könnt, was ihr wollt. Was man aber tun könnte, ist, die pessimistische Betrachtungsweise dieser gefallenen Welt nicht vorschnell zu verurteilen, denn nur weil sie gegen den Lebenswillen geht, muss sie nicht falsch sein. Der Lebenswille ist die dominanteste Kraft im ganzen Universum. In jedem Einzelwesen steckt der ganze Lebenswille des Kosmos. Deshalb hängt selbst noch jeder Bettler an seinem armseligen Leben. Und auch ich hänge an meinem Leben, das streite ich gar nicht ab. Aber ist dieses
daran hängen vielleicht mehr eine
Sucht, ausgelöst durch irrationale Begierden?