AW: Parmenides - Das Problem des Seins
Hallo K. M.,
Würde ich das so behaupten, nämlich dass es keine absolute(n) Wahrheit(en) gibt, dann wäre das ja wieder eine solche und somit widerspreche ich mir ganz einfach selbst.
Was ich andeuten wollte, das ist der Umstand, dass die Vorstellung eines idealen Rechtszustandes sehr problematisch ist, sowohl als Ziel wie auch als konkreter Leitgedanke eines Rechtsverständnisses. Wenn man hingegen das Recht als dynamischen Prozess sieht, also als lebensnahe (und eben zwischenmenschlich sich ereignende) Angelegenheit, so scheint diese konstruierte Idealisierung von Recht und Gesetz nicht länger notwendig zu sein: das Recht steht für den fortwährenden Versuch des Menschen, ein strukturiertes Miteinander zu ermöglichen und die Idee, dass durch Rechtsmittel eine (ewige) Wahrheit erstrebt wird, geht damit an der sozialen Wirklichkeit vorbei.
Das ist sicherlich richtig, jedenfalls dann, wenn man auf die Verschiedenheit des kulturellen Wertedenkens und darauf basierenden divergenten Verhaltensmustern abzielt. Aber was allen Kulturen gleich ist, das ist die Tatsache, dass die Menschen stets bemüht zu sein scheinen, mit der sie umgebenden Umwelt (und damit Lebenswirklichkeit) trotz des sozialen Gefüges möglichst adäquat umzugehen. Der Relativismus, der sich aus der Tatsache ergibt, dass das Wertedenken der Menschen je nach Kultur sehr unterschiedlich (und sogar völlig konträr) sein kann, ist also meiner Vermutung nach immer an etwas orientiert, das selbst nicht relativ geartet sein kann. Denn wie bereits B. Russell sehr treffend sagte: "Wenn alles relativ wäre, gäbe es nichts, wozu es relativ sein könnte."
So kann also durchaus unser Verständnis von Wahrheit je nach Kultur/Wertedenken enorm verschieden sein, aber das, worauf die Idee basiert - die Grundlage/Bedingung für unsere Verstehensmöglichkeit -, wäre von diesem Wahrheitsverständnis als dessen Bezugsbereich zu differenzieren.
Als konkretes Beispiel:
Bei den Polynesiern war es erwünscht, dass eine Frau möglichst viele Sexualkontakte pflegt, dies steigerte ihre Attraktivität und ihr Ansehen enorm. In vielen anderen Kulturen wurden und werden Frauen, die sexuell aktiv sind, sehr gering geschätzt. Was ist aber nun hiervon richtig und was falsch, welcher kulturelle Wahrheitsanspruch ist wahr und welcher unwahr?
Eine Gemeinschaft muss sich für bestimmte Lebensweisen entscheiden, die zur Verfügung stehenden Lebensmöglichkeiten werden also notwendig begrenzt. Deshalb muss ich feststellen, dass die soziale Absicht, die hinter dem kulturellen Tun steht, der eigentliche Wertelegitimator wäre und nicht das bloße Tun selbst. Ob also eine Polynesierin besser handelt als eine Frau aus einem (als Beispiel) christlichen Kulturkreis, das ließe sich nicht an ihrem tatsächlichen sexuellen Verhalten ermessen, sondern an der Tatsache, dass sie ihr Verhalten an interkulturellen Wertvorstellungen orientiert, die wiederum auf konkrete Lebenswirklichkeiten bezogen sind.
Wenn nun also bspw. eine christliche Frau kundtut, dass sie absofort mit jedem Mann verkehrt, der ihr begegnet, da sie gehört hat, dass Polynesierinnen dies ebenfalls tun, dann wäre das - so meine Ansicht - durchaus ein kritikwürdiges Verhalten, da sie die jeweiligen zwischenmenschlichen (also kulturellen) Beweggründe, die für das verschiedene Tun verantwortlich sind, unberücksichtigt lässt und stattdessen Tun mit Tun begründet.
Du siehst also: für mich ist Werterelativismus kein Wahrheitsrelativismus, vielmehr sind Werte an einer konkreten Umwelt orientiert, von der wir nicht zuletzt selbst ein dynamisch-spezifischer Teil sind.
Somit wäre diese Aussage zu modifizieren. Es gibt also nicht "eine Unzahl an Wahrheiten", sondern eine Unzahl an Wahrheitseinstellungen (Richtigkeiten), die in jeder Kultur - so meine Vermutung - eine soziale Notwendigkeit (Verantwortlichkeit) aufscheinen lassen: die Lebenswirklichkeit wird begrenzt, um das soziale Miteinander zu sichern.
Der Umstand, dass hierbei dogmatische Verhärtungen eintreten und Verhaltensweisen enstehen können, die vielleicht sogar eine Beeinträchtigung des Miteinanders darstellen, würde ich als vielleicht notwendiges (jedenfalls aber kaum vermeidbares) Übel ansehen. Aber auch dieser Problematik begegnet der Mensch scheinbar sehr effektiv, indem er seine eigenen Werteinstellungen fortwährend modifiziert und somit auf sich verändernde Lebenswirklichkeiten einstellt.
Was sollte denn eine unwahre Handlung überhaupt sein? Ich vermute, dass Denkhandlungen solche Vorstellungen erzeugen können, die - den vielfältigen Denkmöglichkeiten sei Dank - auf jene konkreten Möglichkeiten, auf die sich sich vermeintlich beziehen, nicht zutreffen. Aber sobald jemand praktisch handelt, ist dies ja ein konkretes Phänomen und damit per se wahr. Ob allerdings die Absicht, die eine Handlung veranlasste, richtig und also der jeweiligen gesellschaftlichen Ordnung entsprechend ist, das ist wiederum (s.o.) eine ganz andere Frage.
Das hat mit Wahrheit im Sinne von Wirklichkeit nichts zu tun, sondern bezieht sich auf bekannte gesellschaftliche Phänomene (bspw. Korruption, Klassentrennung usf.), die aber jederzeit problematisierbar sind.
Bewähren kann sich etwas (bspw. eine Theorie) nur dann, wenn die zuvor getätigten Vermutungen/Annahmen sich in der (experimentellen) Anwendung als wahr erweisen. Das heißt jedoch nicht, dass deshalb diese Theorie erst durch die Bewährung wahr geworden ist (also eine neue Wahrheit erschaffen wurde), sondern nur, dass wir sie erst durch die Bewährung als wahr erkennen können.
Wahrheitsansprüche können mit Gewalt verbunden sein, das ist nicht zu bestreiten, aber eine Notwendigkeit ist das ganz gewiss nicht. Wenn wir nun an Stelle von Wahrheitsanspruch den Begriff Geltungsanspruch setzen, dann scheint das eine glücklichere Bezeichnung zu sein, die Missverständnisse (Vermengungen) vermeidet.
So wird auch klarer, was eigentlich relativ ist: die Geltung und damit die jeweilige Richtigkeit eines Gesetzes, das sich - wie bereits gesagt - fortwährend verändert und in diesem Veränderungsprozess primär an der Lebenswirklichkeit (Wahrheit) zu orientieren versucht.
Beste Grüße,
Philipp
Hallo Phillip!
Deine Antwort auf meine (im vorigen Beitrag gestellte) Frage;
..................... Würde ich das so behaupten, nämlich dass es keine absolute(n) Wahrheit(en) gibt, dann wäre das ja wieder eine solche und somit widerspreche ich mir ganz einfach selbst............ (Dein Zitat)
akzeptiere ich so nicht ganz, denn Du selbst lehntest gorgianische Wortumkehr als Beweisführung ab, - doch auch in der Zweideutigkeit Deiner Antwort könnte man herauslesen, dass ein denkender Mensch sich einer Absoluten Denkposition, - somit als (einzig richtigen) Wahrheitsbegriff, nicht zufrieden geben kann.
--------------------------------------------------------------------------------------------------
Du siehst das Recht als Dynamischen Prozess, - somit einen idealen Rechtszustand als problematisch an – das tue ich auch. Und wenn die „ewige Wahrheit“ als Anspruch an der sozialen Wirklichkeit vorbeigeht, ist es Deiner Meinung somit ebenfalls fragwürdig.
- auch ich denke so
Dann frage ich Dich, wer bestimmt dann: „den Weg, welches das Recht gehen solle“ ?
(- wie Du es formulierst)
- nach welchen Kriterien, wer, vor allem mit welchen politischen Mitteln soll das (einzig offenbar nicht „wahre“, - darin sind wir uns wohl einig) - Recht dann durchsetzen?
Denn ist nicht der Krieg dann als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln wiederum bestimmend für den Rechtsanspruch und der Rechtsanspruch infolge sich wiederum durch den kriegerischen Sieg erst beweist und auch bewahrheitet?
(wie heißt es so schön: der Sieger bekommt immer Recht)
Du siehst also: der Kreislauf ist nicht zu durchbrechen.
Du sagst:
........... Eine Gemeinschaft muss sich für bestimmte Lebensweisen entscheiden, die zur Verfügung stehenden Lebensmöglichkeiten werden also notwendig begrenzt. Deshalb muss ich feststellen, dass die soziale Absicht, die hinter dem kulturellen Tun steht, der eigentliche Wertelegitimator wäre und nicht das bloße Tun selbst. Ob also eine Polynesierin besser handelt als eine Frau aus einem (als Beispiel) christlichen Kulturkreis, das ließe sich nicht an ihrem tatsächlichen sexuellen Verhalten ermessen, sondern an der Tatsache, dass sie ihr Verhalten an interkulturellen Wertvorstellungen orientiert, die wiederum auf konkrete Lebenswirklichkeiten bezogen sind. ............ (Dein Zitat)
Wiederum bestimmt damit eine sog. „Großkultur“ als (von wem immer angesetzten) Maßstab über kleinere Gemeinschaften als eigenständige Kulturen.
Wer ist Dein „Wertelegitimator“?
· Die Millionen unglücklichen Menschen im Westen?
· Die Umweltzerstörung?
· Alle vom „Westen“ aus begangenen Weltkriege?
· Die Hungersnöte und das soziale Ungleichgewicht zum großen Teil ausgelöst durch christlich- europäisch- wie amerikanische Kulturkreise?
Rein sachlich gesehen, müsste man die christliche Kultur schon aus Sicherheitsgründen gegenüber der gesamten Menschheit und der durch diese Kultur kaputten Erde auf der wir leben doch sehr hinterfragen.
Du sprichst auch das westlich- christliche Sexualverständnis an, in „unserem“ Wertesystem;
- warum pilgern dann Millionen unglücksselige Menschen nach Asien um dort (vor allem sexuelle) Heilung zu erfahren?
Wenn nun Dein „Werterealismus“ real in Zahlen ausgedrückt so aussieht, dass es für sehr viele „im Westen“ dann das schönste in ihrem Leben ist zu verreisen, möglichst weit weg (der Flug- und allgemeine Reiseverkehr sind beispielhaft dafür) nahezu einem Fluchtverhalten aus der eigenen Kultur gleicht, kann dieses Werteziel im sog. Westen nicht die alleinige Antwort sein.
Du schreibst:
......... Somit wäre diese Aussage zu modifizieren. Es gibt also nicht "eine Unzahl an Wahrheiten", sondern eine Unzahl an Wahrheitseinstellungen (Richtigkeiten), die in jeder Kultur - so meine Vermutung - eine soziale Notwendigkeit (Verantwortlichkeit) aufscheinen lassen: die Lebenswirklichkeit wird begrenzt, um das soziale Miteinander zu sichern ............ (Dein Zitat)
Dann haben alle außerkulturell lebenden Menschen Deines christl. Rechts- und Kulturrahmens eine von vielen „falschen“ Wahrheitseinstellungen – weil sie die „eine“ (richtige?) christl. Wahrheit noch nicht „entdeckt“ haben?
Du schreibst:
......... Aber auch dieser Problematik begegnet der Mensch scheinbar sehr effektiv, indem er seine eigenen Werteinstellungen fortwährend modifiziert und somit auf sich verändernde Lebenswirklichkeiten einstellt. ....... (Dein Zitat)
Für diese ständige „Modifizierung“ unzähliger unsinniger Gesetze wurden und werden Tausende Menschen sinnlos gequält und hingerichtet, auf dass es sich später als bedauerlich falsch erwies?
Wer gibt diesen Leuten (der Justiz), -nämlich wirklich- das Recht dazu über andere (und sehr oft falsch) dann zu entscheiden? –
Der (blutige) Weg im Christentum ist das nicht zu erreichende Ziel?
Dein Zitat von B. Russell:
........ "Wenn alles relativ wäre, gäbe es nichts, wozu es relativ sein könnte." ......... (von Dir zitiert)
wiederum: Du selbst lehntest gorgianische Wortumkehr als Beweisführung ab
Du schreibst:
........... Wenn wir nun an Stelle von Wahrheitsanspruch den Begriff Geltungsanspruch setzen, dann scheint das eine glücklichere Bezeichnung zu sein, die Missverständnisse (Vermengungen) vermeidet. ......... (Dein Zitat)
Dann stimmt Du mir damit zu, dass „Wahrheit“ mit: „Geltung“ also mit sozialer Stellung und Bezahlung unweigerlich zusammenhängt.
Macht und Recht, wie Bruder und Schwester, welche sich zwar ständig streiten, aber unzertrennbar verbunden sind, entstammen letztendlich der selben Quelle: Dem Vorteils des einen gegenüber dem anderen Spezies in der menschlichen Gemeinschaft.
Die größten Gewalttäter der Menschheit waren und sind immer jene, welche Einigung aller Kulturen und aller Menschen auf Erden anstrebten und streben.
Es gibt kein aus Menschen (-somit auch Gottes-) Hand gemachtes Gesetz dass aus sich heraus Gewalt legitimieren kann und gleichzeitig den (noch dazu fortwährenden) Frieden verspricht; denn das ist immer (wie letztendlich jedes Gesetz) eine Lüge in sich.
Aus diesem Verhältnis von Macht und Recht war für mich immer verständlich:
Dass Terror kleiner Staaten gegenüber sich unerträglich verhaltenden Supermächten absolut legitim ist; ich sehe an Anschlägen, sofern diese dem eigenen Kulturkreis in großer Not und Bedrängnis geratenen, zur Besserung deren sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen beitragend, absolut nichts Verwerfliches.
Denn Du selbst gibst es zu:
........ Wahrheitsansprüche können mit Gewalt verbunden sein, das ist nicht zu bestreiten ......... (Dein Zitat)
Wie meine feste Überzeugung ist:
Alles ist relativ
Mit besten Grüßen
K. M.