AW: Parmenides - Das Problem des Seins
Hallo K. M.,
Inwiefern "gestehe" ich das ein? Ich sehe hier den schlüssig greifenden Zusammenhang nicht. Ich halte es für sehr problematisch, den "Rechtsanspruch im Staat" mit einem autoritativen Gewaltanspruch zu verbinden. Schließlich besagt nicht allein die sogen. 'Radbruchsche Formel', dass das positive Recht in erster Linie und noch vor allem Machtanspruch die Gerechtigkeit (und also Gleichheit) zu erstreben habe.
Dass das (die Gerechtigkeit) wiederum einen Idealzustand der völligen Interessengleichheit meinen kann, der in vielerlei Hinsicht problematisierbar ist und vor allem auch in der tatsächlichen Umsetzung große Probleme aufwirft, das ist nicht zu bestreiten. Aber es wäre gleichsam übereilt, solche Probleme als Beweis dafür herzunehmen, dass die Gewalt (die ja von den meisten Menschen nach Möglichkeit vermieden wird) ein legitimes Wahrheitsfindungsmittel darstellt. Das ist meines Erachtens eine sehr einseitige Ausrichtung.
Diese Überschneidung zwischen Recht und Religion ist - wie Du es selbst erwähnst - vermutlich eine rein gedankliche (bildhafte) und nicht mehr. Sie basiert - ich sage das ganz offen - auf einem sehr engen Verständnis von Religion und Recht.
So behauptet diese Sichtweise, dass sich Religion wie Recht als einheitliches "geistiges Konstrukt" vorfinden lässt. Diese These ist jedoch sehr zweifelhaft, denn wenn man die Vielfalt an Rechtsformen und Phänomenen beäugt, dann gewinnt diese These gewiss nicht an Gewicht. Vielmehr ist zu vermuten, dass sich viele Konstrukte (Ideen) mit ähnlichen Zielsetzungen beschäftigen, nämlich ein ausgewogenes Miteinander aller Menschen in der Praxis zu verwirklichen.
Das heißt also: die Ideen (Konstrukte) sind sehr unterschiedlich und mitunter konträr angelegt, was wohl auch daran liegt, dass wir schlicht die Komplexität der Umwelt (des sozialen Gefüges), in der wir uns vorfinden, nicht ausreichend zu überschauen vermögen.
Man könnte also annehmen, dass das Recht das (bzw. ein) Mittel ist, mit dem der Mensch versucht, das zwischenmenschliche Miteinander befriedigend zu gestalten. Hierbei steht die Idee (resp. Ideologie) nicht am Ende, sondern bildet - so sehe ich das - in der Regel den vielfältigen Prozess der Überlegungen wider, die der Mensch unternimmt, um die soziale Wirklichkeit weitgreifend genug beeinflussen zu können.
Was ich stattdessen am Ende vermute, das ist nicht mehr als ein Gerechtigkeitsgefühl, welches - das will ich nicht ausschließen - eine Grundlage in der evolutiven Entwicklung des Menschen haben mag und in den wohl meisten (wenn nicht gar allen) Gesellschaften - trotz der Vielfalt an Traditionen und Lebensformen - sich darin manifestiert, dass Kriege und Gewaltkonflikte stets - wenn auch mitunter permanente - Randerscheinungen sind.
Dies impliziert, dass es einen obersten Quälgeist gibt, der die Menschheit seit Anbeginn unterjocht und versklavt: "den Herrschenden". Aber wer soll das sein? Das hieße doch, dass es typischerweise (generationenübergreifend) die Opfermenschen gibt und demgegenüber die Tyrannen.
Das ist meines Erachtens ein stark simplifiziertes Konstrukt, das der sozialen Wirklichkeit nicht gerecht wird. Hier wird nämlich allein ein Gesellschaftsphänomen (in dem Fall die Autokratie) herausgegriffen und einfach behauptet, dass das die Grundlage des menschlichen Miteinanders sei, die letztlich jedes (auch aktuelle) politische Bemühen bestimme. Dabei ist doch wesentlich plausibler davon auszugehen, dass das lediglich eine mögliche Form des Miteinanders ist, die - das zeigt auch der Lauf der Menschheitsgeschichte - in vielerlei Hinsicht durch andere Gesellschaftsformen abgelöst wurde.
Schon die Differenz, die sich zeigt, wenn man Diktaturen (bspw. Nordkorea) mit Demokratien (bspw. Deutschland) vergleicht, lässt meines Erachtens sehr leicht deutlich werden, dass die Autokratie als System nicht mit autoritativen Randphänomenen vermengt werden sollte. Auch in einem Rechtsstaat leben viele Menschen miteinander, die ihre jeweils eigenen Interessen verfolgen und über verschiedene (intellektuelle) Möglichkeiten verfügen. Das bedingt (begünstigt) freilich immer auch einseitige autoritäre Strukturen und Machtkonstellationen, die aber in einer Demokratie durchaus problematisiert und reguliert werden können, in einem autokratischen System ist das eher nicht der Fall.
Beste Grüße,
Philipp
Hallo Phillip!
Ich bezog meinen Vergleich auf Dein Statement:
.......... So gesehen ist nichts schlimm daran, dass das Recht/Gesetz immer auch fragwürdig ist. Wenn man diese Fragwürdigkeit als fundamentales Problem ansieht, dann vielleicht deshalb, weil man der Idee anhängt, dass es eine absolute und letzte Wahrheit geben müsse......... (Nr.: 73)
Ich leitete (vielleicht irrtümlich) eine „nicht absolut letzte Wahrheit“ als Deine Schlussfolgerung im Diskurs ab.
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Denn diese ("die letzte Wahrheit“) halte ich meinerseits für einen vollkommenen Unsinn (und für nicht möglich, außer man ist gläubig) deshalb:
Wahrheitsansprüche (Plural) sind immer dem jeweils befindlichen Kulturkreis verschieden (man denke nur an Gesetze, wo das eine erlaubt und förderlich scheint, gilt dasselbe Verhalten in einem anderem Kulturkreis als verboten und verwerflich);
Der historische Zeitrahmen: was damals so gehandhabt wurde, gilt heute genau umgekehrt (gemessen an einer Vielzahl an Gesetzen)
Dementsprechend gibt es eine Unzahl an Wahrheiten- und Ansprüchen darauf, - weil Wahrheit nicht nur als moralische Instanz, sondern im rechtlichen Sinne der Wahrheitsbegriff unzertrennbar mit Richtigkeit auch in der Rechtsauffassung- und Handlung wird und unweigerlich damit zusammenhängt
Ein Gericht kann nicht unwahr handeln, auch kein Richter, - Wahrheit ergibt sich infolge aus der Richtigkeit- sprich dem Recht- der Rechtshandlung (nicht umsonst auch der selbe Wortstamm: richtig und recht)
Damit wird „Wahrheit“ immer auch zum sozialen Faktor, also: „wie viel Wahrheit man sich (auch finanziell) leisten kann“ – und diese Wahrheit dazu noch mit dem jeweils politischen Konsens zusammen passt (oder nicht, je nach dem: wie wahr, oder wie un- wahr entschieden wird).
Wenn sich also etwas „bewährt“, dann „bewahrheitet“ es sich gewissermaßen auch; in beiden Worten ist nicht umsonst die „Währung“ (auch Geldwährung) also ein zu bewahrendes Gut, auch im materiellen Sinne beinhaltet.
Bei Wehrung (von z. B.: Wehrburg), bei sich wandelndem Vokal; wenn etwas „bewehrt“ wird, im militärischem Sinne, schließt sich irgend wann auch sprachlich der Kreis zum Wahrheitsbegriff im kulturellen Kontext im Laufe der Geschichte dieses Begriffs;
- der immer jeweils verschiedenen Kultur, - mit dem jeweils anderen, dem halt dazu passenden „Wahrheitsanspruch“:
Als Fundament der verschiedenen Wahrheiten setzt sich damit vorraussetzend zusammen (in jeder Kultur):
1. dem Militär, der Polizei
2. der Justiz, der Gerichtsbarkeit
3. dem Geld, dem wirtschaftlichen „Wahrheitsnutzen“
4. den Medien zur jeweiligen (kulturell- verschiedenen) „Wahrheitsverkündung“ (od. Wahrheitsverkündigung) in der Öffentlichkeit
Deshalb streben „Weltreligionen“ die Welteroberung (oder moderner: Globalisierung) auch an, um die eigene: „einzige Wahrheit“ (eben auch mit militärischen Mitteln) als für alle anderen (unterworfenen) Kulturen für gültig zu erachten.
„Wahrheitsanspruch“ ist (- sprüche sind) deshalb für mich immer mit Macht und (auch Waffen-) Gewalt verbunden –aus meiner Sicht ist der Begriff ("Wahrheit") deshalb: sehr relativ.
Damit auch kurz der Versuch der Unzertrennbarkeit von Religion und Recht darzustellen.
(dies auszuhebeln, haben sinnloser Weise die Nationalsozialisten und nahezu zeitgleich die Kommunisten versucht; deshalb gibt es kein „Recht“ ohne Kirche, dadurch hat im sog. „christlichen Kulturrahmen“ der Papst, wenn auch rein formal, das letzte Wort)
Tyrannen halte ich für jene, welche mit Waffengewalt gegen jede Meschlichkeit "ihr" Recht erkämpfen
Mit besten Grüßen
K. M.