ein kleiner Unterschied besteht schon. Während ein "austherapierter" Krebskranker für die "Restzeit" außer Schmerzen kaum noch etwas zu erwarten hat, ist in den Augen der Psychater oder Psychotherapeuten, der depressive Patient (in der Regel) kein - auf ewig - hoffnungsloser Fall.
Es hat auch schon plötzliche Verbesserungen bei Krebspatienten gegeben, die man schon aufgegeben hatte. Dies wäre nun ein gutes Argument gegen Suizidbegleitung (Sterbehilfe) überhaupt. Ich weiß, dass dies ein heikles Thema ist, selbst wenn man die spirituelle Ebene ausklammert. Deshalb will kaum jemand sich damit befassen. Aber was ist schon 100% sicher im Leben? Nichts, außer eben, dass es irgendwann enden wird. Also wieso wird um das einzige, dessen wir uns sicher sein können, ein solches Schweigegelübde abgelegt in unserer Gesellschaft? Das ist doch paradox. Da also niemals mit 100%iger Gewissheit gesagt werden kann, ob jemand wirklich hoffnungslos verloren ist, sollte man dieses Argument vielleicht einfach vergessen und mehr
individuelle Verantwortung in die Hand des Betroffenen legen. Was ist denn wenn jemand sagt: "
Ich weiß, dass es eine winzige Chance gibt, dass es mir irgendwann besser gehen wird, aber ich will trotzdem sterben". Hat das dann nicht mehr Gewicht als die Expertenmeinung?
Ich verstehe dich schon, nur bist auch du - in meinen Augen - kein Mensch, der sich bereits aufgegeben hat.
Nein, das habe ich ja auch niemals behauptet. Zudem kannte ich mal jemanden, der sich wirklich aufgegeben hatte, also weiß ich, wie das aussieht.
In der Vorstellung der meisten, ist der depressive Mensch eher introvertiert und in seinem Handlungsspielraum erheblich eingeschränkt. Du scheinst das Gegenteil zu sein; du gehst mit hochgekrempelten Ärmeln und offenen Kragen drauf los und willst eine Lösung oder zumindest einen verwertbaren Anhaltspunkt. Mir gefällt das, weil es signalisiert, dass da ein Mensch ist, der für eine Leben kämpft, das auch lebeswert ist.
Ja, aber du kennst ja nur meine Schreibe, also mein Denken. Mein
Denken ist sehr
straight-forward und vielleicht auch kämpferisch, aber im alltäglichen Leben bin ich sehr introvertiert. Das ist ja kein Widerspruch, im Gegenteil, das eine gleicht das andere aus. Und ich würde mein Leben als
gerade noch so lebenswert bezeichnen, allerdings liegt das daran, dass ich fast alle Energie in die Erhaltung des Status Quo stecke. Also ich laufe sinnbildlich auf einem Laufband. Wenn ich stehen bleibe, falle ich um. Allerdings trifft das natürlich im kleineren Maßstab auf jeden zu, denn ich weiß: Das Leben ist hart, da braucht es keine Depression dazu.
Ich möchte hier von dir auch keine Auskünfte erfragen, die zu erfragen, mir nicht zusteht, nur würde mich schon interessieren, ob deine Depression genetischer Vorbelastung entspringt oder durch deine Lebensumstände entstanden ist.
Natürlich musst du darauf nicht antworten.
Ich gebe hier ja nun schon wesentlich mehr preis als die meisten anderen, aber auch ich habe meine Grenzen. Lass es mich so sagen: Es ist vermutlich eine Mischung aus beidem und noch mehr, es ist sehr kompliziert. Außerdem verbirgt sich hinter dem Begriff Depression viel mehr, als der Durchschnittsmensch sich vorstellen kann. Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Antriebslosigkeit... ja, das ist das, was im Zentrum steht. Aber es kommt ja noch viel mehr als
Bonus obendrauf. Ich habe hier mal aus dem Wikipedia-Artikel zu
Depression einige mögliche Zusatzsymptome herauskopiert:
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Die Zusatzsymptome sind:[15]
- verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
- vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen (Insuffizienzgefühl)
- Schuldgefühle und Gefühle von Minderwertigkeit
- negative und pessimistische Zukunftsperspektiven (hoffnungslos): Charakteristisch sind übertriebene Sorge um die Zukunft, unter Umständen übertriebene Beunruhigung durch Bagatellstörungen im Bereich des eigenen Körpers (siehe Hypochondrie), das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, der Hilflosigkeit oder tatsächliche Hilflosigkeit
- Suizidgedanken oder -handlungen: Schwer Betroffene empfinden oft eine völlige Sinnlosigkeit ihres Lebens. Häufig führt dieser qualvolle Zustand zu latenter oder akuter Suizidalität.[17]
- Schlafstörungen
- verminderter Appetit
Mögliche weitere Symptome
Ferner kann zusätzlich noch ein somatisches Syndrom vorliegen:
- mangelnde Fähigkeit, emotional auf die Umwelt zu reagieren
- frühmorgendliches Erwachen: Der Schlaf ist gestört in Form von vorzeitigem Erwachen, mindestens zwei Stunden vor der gewohnten Zeit. Diese Schlafstörungen sind Ausdruck eines gestörten 24-Stunden-Rhythmus. Die Störung des chronobiologischen Rhythmus ist ebenfalls ein charakteristisches Symptom.
- Morgentief: Häufig geht es dem Kranken vormittags besonders schlecht. Bei einer seltenen Krankheitsvariante verhält es sich umgekehrt: Es tritt ein sogenanntes „Abendtief“ auf, das heißt, die Symptome verstärken sich gegen Abend und das Einschlafen ist erschwert oder erst gegen Morgen möglich.
- psychomotorische Hemmung oder Agitiertheit: Die Hemmung von Bewegung und Initiative geht häufig mit innerer Unruhe einher, die körperlich als ein Leidgefühl wahrgenommen wird und sehr quälend sein kann (stumme Exzitation, lautlose Panik).[16]
- deutliche Appetitlosigkeit,
- Gewichtsabnahme, Gewichtszunahme,
- auch kann sich das sexuelle Interesse vermindern oder erlöschen (Libidoverlust).
Depressive Erkrankungen gehen gelegentlich mit körperlichen Symptomen einher, sogenannten Vitalstörungen, Schmerzen in ganz unterschiedlichen Körperregionen, am typischsten mit einem quälenden Druckgefühl auf der Brust. Während einer depressiven Episode ist die Infektionsanfälligkeit erhöht. Beobachtet wird auch sozialer Rückzug, das Denken ist verlangsamt (Denkhemmung), sinnloses Gedankenkreisen (Grübelzwang), Störungen des Zeitempfindens. Häufig bestehen Reizbarkeit und Ängstlichkeit. Hinzukommen kann eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen.[18]
https://de.wikipedia.org/wiki/Depression
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Es trifft davon so einiges auf mich zu, aber nehmen wir nur mal das letztgenannte heraus, die Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, die bei mir extrem ist.
Alleine das für sich genommen würde ich keinem Menschen zumuten wollen. Das ist so etwas, über das man leicht hinweglesen kann, nach dem Motto:
Ja was soll denn daran so schlimm sein? Ich kann es in gewisser Weise sogar verstehen, wenn jemand so reagiert. Deshalb empfehle ich zur Empathiegewinnung folgendes: Stelle dir vor, jedes Geräusch, dass du hörst, ist drei mal lauter als du es jetzt wahrnimmst. Also jedes Auto, das vorbeifährt, jeder Mensch, der laut spricht oder gar brüllt, jeder Hund, der bellt, jedes Flugzeug, das vorbeifliegt, jeder Fernseher/Radio, der läuft, jeder Rasenmäher, der läuft, jede Tür, die zuknallt, drei mal so laut wie bisher und das 24/7 und für immer. Lust darauf? Und das alles nur als eines von Dutzenden Symptomen. Das ist es eben, was sich alles hinter einem Standardbegriff wie Depression verbirgt. Natürlich hat nicht jeder alle Nebensymptome, und auch ich habe nur einige der oben genannten, zum Glück, denn jedes weitere wäre eben ein weiterer Faktor, der irgendwann dazu führen würde, dass das Leben nicht mehr lebenswert wäre. Und das führt eben wieder zur oben genannten Idee von einem
Recht auf den Tod, über das sich nur Menschen Gedanken machen, die erahnen können, dass es gar nicht mehr sooo viel braucht, damit das Leben unerträglich wird.
Aber natürlich weiß ich, dass deine Frage letztlich darauf hinausläuft:
Inwiefern könnte ich mein Leben ändern, um meine Situation zu verbessern? Diese Frage ist sicherlich berechtigt und sie ist nicht leicht zu beantworten. Denn wie ich ja oben schon geschrieben habe, ist es bei mir so, dass fast alle Energie für die Erhaltung des Status Quo drauf geht, und noch mal: Ich weiß, dass das auch bei gesunden Menschen oft so ist, ja man könnte argumentieren, dass das eben das Leben ist. Aber: Auf einer Skala von Minus 10 bis Plus 10 liegt mein Status Quo bei Minus 7, während er beim Durchschnittsmenschen bei Null liegt. Und das ist eben der entscheidende Unterschied. Ich habe im Laufe der Jahre ein sehr ausgeklügeltes System entwickelt, bestehend aus ganz bestimmten Schlafrhythmen, Arbeitszeiten, körperlicher Betätigung an der frischen Luft, sehr genau eingehaltenen Essenszeiten und vieles, vieles mehr, dass es mir ermöglicht auf meiner Minus 7 zu bleiben und nicht weiter abzusacken. Jede Änderung dieser Abläufe kann fatale Auswirkungen haben, die in keiner Weise vorhersehbar sind. Es muss nicht sein, aber es kann sein. Natürlich gibt es immer wieder mal Störungen dieser Abläufe, ist ja ganz klar, und manchmal kann ich das wegstecken, manchmal ist es aber auch eine Katastrophe und bringt mich völlig aus dem Konzept. Dann rutsche ich in Richtung Minus 8 und erahne erst, wie schlimm es dort sein würde. Denn die Unterschiede zwischen zwei Zahlen sind auf dieser Skala gewaltig. Daher: Veränderungen sind ein zweischneidiges Schwert. Natürlich ist Leben immer auch Veränderung und auch mein Dasein kann nicht statisch sein. Aber die Veränderungen finden bei mir über sehr lange Zeiträume statt, damit ich jeden Schritt in meine lebenswichtige Routine einfügen kann, ohne dass er das Gesamtsystem ins Wanken bringt.