AW: Sprüche, Weisheiten, Zitate
Fragt die Nicht-Theologin Kaawi
Ich antworte NICHT als Theologe. Sondern als denkender Mensch.
Hallo, Kaawi,
natürlich hast du Recht, wenn du sagst:
aber die Bilderwelt der Bibel birgt doch wahre Schätze, oder nicht?
Die Bibel enthält Elemente, die durchaus beachtenswert sind und die man neben andere Werke der Weltliteratur, etwa das Gilgamesch-Epos, die beiden Epen Homers, die Geschichten aus 1001 Nacht, die Artus-Epen, Don Quijote (Jawoll!), Simplizissimus, Grimms Märchen, Tolkiens Geschichten aus Mittelerd – nicht just „Der Herr der Ringe“, aber die im Silmarillion enthaltenen Geschichten, angefangen von der Schaffung der Welt -, stellen kann. Aber sie enthält auch viel Abraumgeröll. Wer wird schon mit Genuss das Buch Numeri lesen? Oder manche der Jammerpsalmen?
Für mich sind sie immer wieder Grundlage für eigene Reflexionen meines Innenlebens und des Lebens allgemein.
Auch das ist zutreffend. Zurecht hat etwa die Josephsgeschichte Thomas Mann zu einem gewaltigen Roman angeregt, in dem er die aktuellen Erkenntnis der damaligen Bibelforschung verarbeitete. Somit ist die Josephstrilogie auch eine unverzichtbare Lektüre auch für Theologen. Nicht zuletzt wegen der ironischen Erzählweise, die ein Antidot gegen bierernstes Theologisieren darstellt. Wenn zum Beispiel erzählt wird, wie Abraham Gott entdeckt und Gott die Hände zusammenpascht und sich freut, endlich entdeckt geworden zu sein.
Dietmar Mieth hat die Josephsgeschichte als idealtypische Entwicklung von selbstverliebten Egomanen zum verantwortungsbewussten Gestalter seiner Umwelt dargestellt. Ich habe den Titel des Buches vergessen. Vielleicht wars auch bloß ein Aufsatz in einer Zeitschrift.
Man kann aber Joseph auch deuten wie Arno Schmidt es tat.
Atheist? Allerdings!
Von Arno Schmidt
I.) Es ist wieder einmal hohe Zeit, dem Christentum zu bedeuten, was ein Unbefangener von ihm hält; heute, vor einem Rundhorizont von Synoden und Gottsuchen, Schattengestalten mit scholastisch gerunzelten Wolkenstirnen, unfehlbar, mißbilligend, bejahrt, seit kurzem auch wieder <Herr der Heerscharen> : ich habe es tragen müssen, der ihr Koppel: <Gott mit Uns> hieß es 6 Jahre lang auf meinem unschuldigen Bauch: da will ich doch einmal betonen, daß es nicht auch auf meinem Kopf stand!
2.) Meine Antwort auf die Frage “Was halten Sie vom Christentum?« lautet also: »Nicht sonderlich viel!« -
3.) Die (mir) zureichenden Begründungen sind von dreierlei Art: einmal die Fragwürdigkeit der Stiftungsurkunde (also der Bibel; wer hier schon zuckt, lese nicht erst weiter). / Dann die (mir) ungenügende Persönlichkeit des Jesus von Nazareth. / Endlich die Betrachtung der Auswirkungen des Christentums in seinem Machtbereich (und außerhalb: the white man's burden.) während der verflossenen 2 Jahrtausende. / - Avanti! :
4.) So lange man als die reinste Quelle <Göttlicher Wahrheit>, als heilige Norm der <Vollendetsten Moral>, als Grundlage von Staatsreligionen, ein Buch mit, mit, milde gerechnet, 50.000 Textvarianten (also pro Druckseite durchschnittlich 30 strittige Stellen! ) proklamiert; dessen Inhalt widerspruchsvoll und oft dunkel ist; selten auf das außerpalästinensische Leben bezogen; und dessen brauchbares Gute (schon vor ihm, und zum Teil besser bekannt) auf unhaltbaren Gründen eines verdächtig=finsteren theosophischen Enthusiasmus beruht -: so lange verdienen wir die Regierungen und Zustände, die wir haben! –
Die Theologen wollen mit Gewalt aus der Bibel ein Buch machen, worin kein Menschenverstand ist. Die Haare stehen einem zu Berge, wenn man bedenkt, was für Zeit und Mühe auf ihre Erklärung gewendet worden ist; und was war am Ende, nach Jahrtausenden, der jedem Unbefangenen von vornherein selbstverständliche Preis all der Bemühungen? : kein anderer als der: die Bibel ist ein Buch, von Menschen geschrieben, wie alle Bücher. Von Menschen, die etwas anders waren als wir, weil sie unter etwas anderen Bedingungen lebten, die in manchen Stücken unverkünstelter waren als wir, dafür aber natürlicherweise auch sehr viel unwissender. Daß sie also ein normales Buch ist, worin manches Wahre und manches Falsche, manches Gute und manches Schlechte, enthalten ist. Je mehr eine Erklärung die Bibel zu einem ganz gewöhnlichen Buch macht, desto besser ist sie; und all das würde auch schon längst geschehen sein, wenn nicht unsere Erziehung, unsere unbändige Leichtgläubigkeit, und die <gegenwärtige Lage der Dinge> dem entgegen wären. Nur diese aus hunderten von Beispielen, die man dem gesunden Menschenverstand und der heranwachsenden Jugend, ich weiß nicht, ob zur Bildung oder Verwirrung, in die Hände gibt:
Lot treibt in sinnloser Betrunkenheit Blutschande mit den eigenen Töchtern: das war der frömmste Mann seiner Stadt! / Joseph, das schmeichelnde Schoßkind, wird ägyptischer Minister, durch eben das fragwürdige Talent, das er im Hause seines Vaters gebildet hat. Er legt in den fetten Jahren Magazine an: sehr lobenswert! Was aber tut er später damit? Rettet er das verhungernde Land, <In Frieden und Freiheit>, und wird sein Wohltäter? - Um es mit einem Wort zu sagen: er bringt es in Sklaverei! Erst muß man ihm Wucherpreise für sein Korn zahlen; dann bringen die Einwohner ihre arm=sonstige Habe; dann verschleudern sie gezwungenermaßen ihre Grundstücke; zuletzt verkaufen sie sich selbst zur Knechtschaft: <Die Rede gefiel Pharao und seinem Kabinette wohl>: das ist doch einmal ein Finanzminister! Mir ist in den Annalen der Menschheit kaum ein größerer Bube bekannt!! : und der wird aufgestellt, der Jugend und dem gläubigen Volke zum Vorbild?? Meint man denn, wir hätten keine Augen und Ohren mehr?! /
Muss man sich deiner Ansicht nach entscheiden: Ja oder Nein zur Bibel? Ist es nicht immer der Umgang mit den Dingen, den wir ändern können und müssen, nie aber die "Dinge" an sich?
Und auch hier hast du Recht. Dazu gibt es von Hermann Hesse ein hübsches Gedicht.
Chinesische Legende
Von Meng Hsiä wird berichtet:
Als ihm zu Ohren kam, daß neuerdings die
jungen Künstler sich darin übten, auf dem
Kopf zu stehen, um eine neue Weise des Sehens
zu erproben, unterzog Meng Hsiä sich
sofort ebenfalls dieser Übung, und nachdem
er es eine Weile damit probiert hatte, sagte
er zu seinen Schülern: "Neu und schöner
blickt die Welt mir ins Auge, wenn ich mich
auf den Kopf stelle."
Dies sprach sich herum, und die Neuerer
unter den jungen Künstler rühmten sich
dieser Bestätigung ihrer Versuche durch den
alten Meister nicht wenig.
Da dieser als recht wortkarg bekannt war und
seine Jünger mehr durch sein bloßes Dasein
und Beispiel erzog als durch Lehren, wurde
jeder seiner Aussprüche beachtet und weiter
verbreitet.
Und nun wurde, bald nachdem jene Worte die
Neuerer entzückt, viele Alte aber befremdet,
ja erzürnt hatten, schon wieder ein Ausspruch
von ihm bekannt. Er habe, so erzählte man,
sich neuestens so geäußert:
"Wie gut, daß der Mensch zwei Beine hat!
Das Stehen auf dem Kopf ist der Gesundheit
nicht zuträglich, und wenn der auf dem Kopf
stehende sich wieder aufrichtet, dann blickt
ihm, dem auf den Füßen Stehenden, die Welt
doppelt so schön ins Auge."
An diesen Worten des Meisters nahmen so-
wohl die jungen Kopfsteher, die sich von ihm
verraten oder verspottet fühlten, wie auch
die Mandarine großen Anstoß.
"Heute", so sagten die Mandarine, "behauptet
Meng Hsiä dies, und morgen das Gegenteil.
Es kann doch unmöglich zwei Wahrheiten
geben. Wer mag den unklug gewordenen
Alten da noch ernst nehmen?"
Dem Meister wurde hinterbracht, wie die
Neuerer und wie die Mandarine über ihn
redeten. Er lachte nur. Und da die Seinen ihn
um eine Erklärung baten, sagte er:
"Es gibt die Wirklichkeit, ihr Knaben, und an
der ist nicht zu rütteln. Wahrheiten aber,
nämlich in Worten ausgedrückte Meinungen
über das Wirkliche, gibt es unzählige, und jede
ist ebenso richtig wie sie falsch ist."
Zu weiteren Erklärungen konnten ihn die
Schüler, so sehr sie sich bemühten, nicht bewegen.
Man braucht die Geschrift nicht unter die Bank legen (auch ein Mann-Zitat), aber man sollte sich nach der Lektüre in ihr Augen und Hände waschen.
Und zwischendurch immer mal wieder in Franz Buggles, Denn sie wissen nicht, was sie glauben Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann.
Auch Deschners Kriminalgeschichte des Christentums schadet nie.
Beste Grüße
Fritz