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Das schlechte Gewissen

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suzki schrieb:
Kann es sein, dass es gar nicht so sehr um schlechtes Gewissen geht, als um die Angst, sich nicht sozial erwünscht verhalten zu haben? Die Angst vor sozialer Ächtung? Wenn man ein Mensch ist, der davon überzeugt ist, dass es wichtiger ist den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden als es anderen recht zu machen, gesteht man sich womöglich nicht ein, dass es eben doch ein Bedürfniss ist, dass auch andere eine gute Meinung von einem selbst haben. Dieses Bangen, was wohl andere von den eigenen Verhaltensweisen halten maskiert sich dann als ein diffuses Gefühl, das man für sich selbst als schlechtes Gewissen bezeichnet.



vlg
Suzki

:jump1: Wow, das ist vielleicht ein vielschichtiges Thema!
Ja, der Mut zu sich selbst zu stehen und womöglich als Außenseiter abgestempelt zu werden - allein dazustehen, ist ein harte Bandage.
Denn wenn man aus der Gemeinschaft ausgestoßen ist, wer kümmert sich dann um Dich?

Meiner Meinung nach befindet sich das sog. "Schlechte Gewissen" im Spannungsfeld ICH-UMWELT.
Das Problem ist: wie kann ich mir treu bleiben und es anderen Recht machen.
Einerseits merke ich, dass jem. anderer(die Umwelt) etwas Bestimmtes von mir will - zumindest glaube ich das. Andererseits merke ich, dass ich diese bestimmte Erwartung nicht erfüllen will. Die Frage ist also: was tun?
Entspreche ich den Erwartungen - tu es aber nicht gerne - hab´ich ein schlechtes Gewissen, weil ich´s nicht GERN tu. Tu ich´s gleich gar nicht, hab ich ein schlechtes Gewissen, weil ich´s gar NICHT tu.
Und tue ich überhaupt nur das, was mir gut tut - also etwas nur für mich, kann ich nicht glauben, dass ich das DARF.
Diese Anschauung ist meiner Meinung nach entstanden, weil wir bei all unserem Tun berücksichtigen, dass es Auswirkungen auf andere hat. Und weil unser Tun Auswirkungen auf andere hat, wurde uns eingeredet, dass wir für eben diese Auswirkungen VERANTWORTLICH sind.
DAS STIMMT NICHT!!!!- meiner Meinung nach.
Ich bin und kann nur dafür verantwortlich sein, was mit mir (und meinen Empfindungen) zu tun hat; sprich: ob ich etwas "aus reinem Herzen" (klingt leider zu pathetisch, mir ist aber nichts anderes eingefallen)mache oder eben lustlos. (Das nenne ich "Selbsthygiene".)
Wie mein Verhalten beim anderen ankommt - was er darin sieht-hineininterpretiert- auslöst, dafür trage ich nicht die Verantwortung!
Aber mir gegenüber schon! Wer soll denn für mich schlafen gehen, wenn ich müde bin? Wer soll für mich essen, wenn ich hungrig bin? Wer soll für mich sprechen, wenn ich mich ausdrücken will?
ICH...ICH...ICH
Und wenn ich mich noch so daran halte, meine Handlungen so zu gestalten, dass ich es anderen Recht mache, dass andere mich mögen, dass andere eine gute Meinung von mir haben, ist es bei weitem nicht gesagt, dass ich es auf diese Weise auch erreiche.
Im Gegenteil - meine ich: solch berechnende Handlungen werden vom Gegenüber sehr wohl aufgespürt oder überreizt, und das Gegenteil des Angestrebten tritt ein.
Entweder ich werde enttarnt und mir wird der gute Wille nicht geglaubt. Oder ich powere mich derart aus, dass ich irgendwann nicht mehr kann.
Dann kann endlich ich den anderen ein schlechtes Gewissen machen.
Und so geht der Teufelskreis wieder von vorne an.
Zum Schluss noch die Kurzfassung v.o.:

"Handeln, das Dir keine Freude macht, bringt nichts Gutes in die Welt."
 
Hallo Kathi!

Dein Standpunkt gefällt mir - bis auf:


kathi schrieb:
Wie mein Verhalten beim anderen ankommt - was er darin sieht-hineininterpretiert- auslöst, dafür trage ich nicht die Verantwortung!

Ich denke schon, dass man, will man mit anderen interagieren, mögliche Konsequenzen des eigenen Verhaltens antizipieren können muss. Und das auch bewusst oder unbewusst ohnehin ständig tut. Wenn ich weiss, wie mein Verhalten beim anderen ankommt (ankommen kann), bin ich sehr wohl dafür verantwortlich. Was aber zum Beispiel ein neurotischer Mensch in mein Verhalten hineininterpretiert, dafür kann ich keine Verantwortung übernehmen, weil seine Interpretation für mich nicht vorhersehbar ist.

Sehr gut finde ich deinen Satz: wenn man was tut, dass nur einem selbst gut tut, glaubt man nicht, dass man das DARF - und daher das schlechte Gewissen. Stimmt! Aber ich kann mich im Moment nicht entscheiden, ob ich finde, dass das auch gut so ist oder im Gegenteil finde, dass das LEIDER so ist.

Andere Frage: Ist das schlechte Gewissen schon eine Selbstbestrafung?
 
Liebe Suzki,

es freut mich, dass für Dich etwas Brauchbares dabei war.
Deinen Einwand betreffend die Verantwortung dem anderen gegenüber hab´ich gelesen und hab´dazu - glaub ich - eine andere Meinung.
Hab´nur leider gerade nicht viel Zeit zum ausführlich antworten. Und muss auch noch ein bisschen darüber nachdenken.
Auf jeden FAll melde ich mich wieder.

...und das schlechte Gewissen ist für mich weniger Selbstbestrafung als Selbstbeschränkung.

Einstweilen ganz ganz liebe Grüße :umarm:
Kathi
 
Hallo Kathi!
Habe deine Beiträge gelesen und verstehe jetzt (glaube ich) was du meinst. Sehr gut gefällt mir folgendes: Dein Vetrauen darin, dass was auch immer du tust oder nicht tust, für dich das genau Richtige ist - ja sogar einfach so sein muss. Seh ich ganz genau so - nämlich auch im Sinne der Psychohygiene. Und ich denke, du meintest bei der Sache mit der Oma, auch nicht, dass du der herannahenden Gefahr, obwohl du sie erkennst, nicht entgegenwirken würdest, sondern: Entweder die Situation löst einen Handlungsimpuls aus, dann tust du was - oder eben die Situation löst bei dir -warum auch immer- keinen Impuls aus. Dann ist die Omi hin, aber das hat nix mit dir zu tun, also auch wenn du danebenstandest und es hättest so kommen sehen müssen, hast du aber nicht, dann hatte das wohl seine Richtigkeit - für dich.
Versteh ich dich richtig?
In diesem Sinne kannst du natürlich auch nicht willentlich die Verantwortung dafür übernehmen, was andere in dein Verhalten hineininterpretieren. Wollen und Können scheinen bei dir einerlei zu sein. Sehe ich das richtig?
Was mich aber doch verwirrt: Jeder ist sich selber Gott, wenn er denn an Gott glaubt. Soweit so klar. Du lehnst auch diesen Höhere-Instanz-Schmafu ab. Okay. Aber woher kommt denn nun dein Schicksalsglaube?
lg
Suzki
 
Liebe Suzki,

:koenig: genauso wie Du mich verstanden hast,hab´ich es auch gemeint.

In diesem Sinne kannst du natürlich auch nicht willentlich die Verantwortung dafür übernehmen, was andere in dein Verhalten hineininterpretieren. Wollen und Können scheinen bei dir einerlei zu sein. Sehe ich das richtig?

Genau: was andere in mich hineininterpretieren, hat zuweilen mit meiner Absicht überhaupt nichts zu tun.
Z.B. wenn jemand auf Dich böse ist, weil Du was getan hast und Du bist Dir keiner Schuldigkeit bewußt. Kannst evtl. auch gar nicht verstehen, was der will, was Du ihm angetan haben solltest.
(Ist Dir das auch schon mal passiert?) Sollst Dich womöglich für was entschuldigen, wo Du nicht mal weißt, wofür.

Hier fungiert man vielmehr als der Spiegel des anderen: jeder sieht das, was er sehen kann und will.

Zur Frage meines - wie Du es nennst - "Schicksalsglaubens" muss ich Dich um etwas Geduld bitten.
Da kiefle ich daran, wie ich mich verständlich machen kann. :blume1:

Viele liebe Grüße und bis bald
kathi
 
kathi schrieb:
Genau: was andere in mich hineininterpretieren, hat zuweilen mit meiner Absicht überhaupt nichts zu tun.
Z.B. wenn jemand auf Dich böse ist, weil Du was getan hast und Du bist Dir keiner Schuldigkeit bewußt. Kannst evtl. auch gar nicht verstehen, was der will, was Du ihm angetan haben solltest.
(Ist Dir das auch schon mal passiert?) Sollst Dich womöglich für was entschuldigen, wo Du nicht mal weißt, wofür.

Hallo Kathi

Ja, das ist mir auch schon passiert. Jedoch handelt es sich dabei doch eher um ein Kommunikationsproblem oder? Ich bin in solchen Situationen immer sehr dahinter, mich mit demjenigen auszusprechen. Oft kommt man nämlich rasch dahinter, dass nur ein blödes Missverständnis - und zwar ein begriffliches- dahintersteckt. Um den Bogen zur Verantwortung wieder zu spannen: ich denke, dass ich schon selbst dafür verantwortlich bin, wenn ich mich anderen gegenüber mißverständlich ausdrücke. Es liegt an mir die Begriffsverwirrung aufzuklären. Natürlich nur, wenn mir die Sache wichtig ist und es sich nicht um einen Menschen handelt, der mich einfach nicht verstehen will - oder ich ihn :) . Aber das ist eine andere Geschicht...

Deine Spiegel-Metapher find ich schön. Ja, ich bin auch der Ansicht, dass Bilder, die wir uns von anderen Menschen machen zwangsläufig unsere eigenen Persönlichkeitsmerkmale widerspiegeln. Um andere zu verstehen, muss man oft erst die eigenen verborgenen Vorannahmen aufdecken. Nun ist das aber auch schon wieder ein anderes Thema.

Bin schon gespannt auf dein Schicksalsding. Bis dahin liebe grüsse, Suzki :winken1:
 
Hallo Suzki,

also unseren Dialog find´ich wirklich glorios!
Gerade bin ich mit meiner Antwort fertig und will sie ins Forum stellen, da sehe ich deinen Beitrag und finde ihn einfach wundervoll.
Und ich sehe, dass wie einander bestens verstehen.
suzki schrieb:
Bin schon gespannt auf dein Schicksalsding.
Also hier ist es:


Alles ist vollkommen, so wie es ist.

Meine Sicht, dass alles vollkommen ist,, wie es ist, basiert
1.) auf dem Glauben, dass alles gut ist und
2.) der persönlichen Erfahrung, dass das stimmt.


Ich habe irgendwann einmal begonnen, mich zu mögen.

Ich habe erkannt, dass ich ein Mensch bin, der für mich und alle anderen, die mich umgeben – alle, die auf der Welt (oder in anderen Welten) sind, nur das Beste will.

Ich habe erkannt, dass, wenn mehrere Menschen beieinander sind, dann Glück und Friede herrscht, wenn sich alle miteinander verbunden fühlen, entspannt sind und keiner den anderen dominieren will. Pathetisch ausgedrückt: das ist Liebe.

Ich habe erkannt, dass das Empfinden von Liebe und Teilen derselben mit anderen (auch mit der Natur) ein Grundbedürfnis jedes Menschen ist.



Nur, nicht jeder Mensch kann mit sich und seiner Umwelt so gut umgehen, dass schon bei kleinen Unstimmigkeiten schnell wieder die gewünschte Harmonie hergestellt werden kann – die Liebe schnell wieder empfunden wird/fließen kann.

Gerade die Angst Fehler zu machen oder allf. Konventionen nicht zu entsprechen („Das kann man doch nicht machen! Das tut man nicht! Was wird der/die andere davon denken? Was glaubt der/die andere von mir?“) verhindert meistens, den eigenen Impulsen nachzugehen und unstimmige Situationen schnell wieder zu bereinigen.

Bei mir weiß ich jedoch, dass ich immer danach trachte, Umstimmigkeiten/Unbehagen so schnell wie möglich wieder in Ordnung zu bringen.

Einerseits dadurch, dass ich meine Gefühle für mich selbst klarmache und mir eingestehe.
Andererseits dadurch, dass ich meinen Impulsen, die mich zu Handlungen im außen auffordern, nachgehe.

Meine anschließenden Beobachtungen haben mir gezeigt, dass sich, wenn ich mich an meinen Impulsen orientiere, alle Situationen in der Folge in Wohlgefallen auflösen!!! Und ich mich daraufhin gut fühle.

Es gibt natürlich auch Situationen, die sich nicht gleich als „DAS IST GUT“ offenbaren. Da heißt es Geduld und Vertrauen aufbringen. Oft laufen ja Prozesse ab, die sich erst entwickeln müssen.
Hier haben meine Beobachtungen wieder gezeigt, dass sich- im Nachhinein betrachtet- alles für mich und mein Umfeld ins Positive entwickelt hat.

Ich möchte noch erwähnen, dass hinter diesen Anschauungen einige Jahre persönlicher Entwicklung stehen.

Dabei haben mir einige Bücher sehr geholfen. Namentlich erwähnen möchte ich die 3 Bände „Gespräche mir Gott“ sowie für den Anfang „Ich bin das Licht“ von N.D.Walsch.


So das war meine Antwort. Bin schon gespannt, was Du davon hältst.
:umarm: Viele liebe Grüße und Frohe Ostern wünscht Dir
Kathi
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
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Zeilinger schrieb:
Wie Marianne schon schrieb, kommt das schlechte Gewissen daher, dass man gegen seine (anerzogenen oder selbst gebastelten) Moralvorstellungen gehandelt hat.
Die Moralphilosophie müsste eigentlich - schon um ihrem Namen Ehre zu machen - Erklärungsansätze haben.

Da die Moralphilosophie von Immanuel Kant kategorisch imperativ ist (= sie gilt immer und überall, in jeder Situation, egal, wo man steckt), sollte das eigentlich schon die Frage klären. Nach Kant haben wir dieses Moralgesetz schon in uns seit dem wir auf der Welt sind. Hier noch schnell Zitate, was die kategorisch imperative Moraphilosophie beschreibt:

"Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte."
"Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst."
Immanuel Kant - Philosoph


Aber ich denke, dass diese Moral nicht schon "vor uns" da gewesen sein könnte. Unsere Vorfahren und vorallem unsere Gesellschaft - also auch unser soziales Umfeld - bestimmen darüber, wann wir ein schlechtes Gewissen haben sollten. Auch unsere Gefühle bestimmen unsere Handlungen (s. David Humes Theorie der kalten Vernunft) und nicht unser Verstand. Außerdem ist noch eine große Lücke in Kants Moralphilosophie: Es ist egal, ob das Geld ankommt, was man den armen Kindern geschickt hat, hauptsache man hat's getan. Also ist die Handlung - und nicht die darausentstehende Wirkung - wichtig.

Das schlechte Gewissen gibt es nicht. Es wurde uns eingeredet und nun haben wir so etwas. Ein kleines Kind hat kein schlechtes Gewissen, dass es das letzte Stück Kuchen aß und es nicht mit seiner Mutter teilte. Im Gegenzug hat die Mutter ein schlechtes Gewissen, wenn sie das Gleiche tun würde. Wieso? Weil sie so erzogen worden ist.
 
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