• Willkommen im denk-Forum für Politik, Philosophie und Kunst!
    Hier findest Du alles zum aktuellen Politikgeschehen, Diskussionen über philosophische Fragen und Kunst
    Registriere Dich kostenlos, dann kannst du eigene Themen verfassen und siehst wesentlich weniger Werbung

Was ist "transzendentaler Materialismus"?

Werbung:
So sehr ich das Prinzip der Zweiwertigkeit und das Prinzip "tertium non datur" auch schätze, denke ich, dass der Menscheit ein gehöriger Schuss Ambiguitätstoleranz weiterhelfen könnte. Er wird jedenfalls nötig sein, um Theorien wie den "Transzendentalen Materialismus" unvoreingenommen zu erforschen.

"Unvoreingenommen erforschen" kann man auch die Astrologie, Engelshierarchien oder Orgone. Ohne eine zumindest einigermaßen verlässliche wissenschaftliche Basis ist das aber alles bestenfalls nur Pseudowissenschaft, wenn nicht Mindfuck.
 
Eine der 7 naturwissenschaftlichen Basiseinheiten ist das Mol. Vereinfacht erklärt, entspricht ein Mol einer Substanz seinem Atom- oder Molekulargewicht in Gramm:

1 Mol Wasserstoff: 1g
1 Mol Sauerstoff: 16g
1 Mol Stickstoff: 14g us. usf.

1 Mol einer Substanz besteht aus rund 6 x 10^23 Teilchen (der sog. Avogadro-Zahl). Das sagt oder vielmehr schreibt sich so leicht daher, "1g Wasserstoff besteht aus 6 x 10^23 Teilchen" ... meistens macht man sich aber keine Vorstellung darüber, was Potenzen eigentlich bedeuten.

Man kann in einer Art Gedankenexperiment versuchen, dieser Zahl anschaulich näher zu kommen. Nehmen wir einmal an, wir verwenden dafür gröberen Sand. Ein Sandkorn mit einem Durchmesser von 1/4 mm ist vielleicht noch so eben mit bloßem Auge sichtbar. Wir legen also 4 Sandkörner auf einen Millimeter, und anschließend Millimeter an Millimeter an Millimeter ... was für eine Strecke erreichen wir also am Ende mit 6 x 10^23 Sandkörnern?
Man landet schließlich bei einem Ergebnis von gut 18.800 Lichtjahren ... und stellt dabei fest, dass die Avogadro-Zahl genauso unanschaulich geblieben ist wie zuvor, nur eben nunmehr in Lichtjahren.

Bezugnehmend auf solchen Größenordnungen von Zahlen, oder genauer gesagt Teilchen, die in Quantenzuständen agieren und deren Wirkungen sich gegeneinander wieder aufheben ist jedes Lottospiel mit seinen nur rund 1.4 x 10^8 Möglichkeiten (= 6 Richtige + Superzahl) geradezu lächerliche Kinderkacke - und das nur für so eine kleine Substanzmenge von 1g Wasserstoff. Oder 22,7 Liter Wasserstoff, denn diesen Raum nimmt 1 Mol eines (idealen) Gases bei Atmosphärendruck ein.

Jemand, der quantenphysikalische Vorgänge auf makroskopische Dimensionen zu übertragen versucht oder hier Beziehungen ziehen will - wie diese ganzen esoterischen Quantenmystiker etwa - hat nicht nur die Quantenphysik nicht verstanden.
Vielmehr hat er den Unterschied von Dimensionen nicht verstanden, die geradezu "astronomisch" voneinander entfernt sind. Er verhält sich wie jemand, der die Stärke und Auswirkungen eines Tsunamis mit dem Maßstab eines einzelnen Wassermoleküls vergleicht. Oder wie einer, der die Belastbarkeit einer Stahlbetonbrücke danasch bemisst, ob eine Ameise darüber läuft.

Ja gut, das war jetzt wie immer sehr interessant, aber du wirst mich auch damit nicht davon überzeugen, dass die wissenschaftliche Methode wirklich die Realität beschreiben kann. Ich weiß ja, dass will sie auch gar nicht, sie will nur Modelle. Aber das ist mir dann einfach zu abstrakt.

Ohne eine zumindest einigermaßen verlässliche wissenschaftliche Basis ist das aber alles bestenfalls nur Pseudowissenschaft, wenn nicht Mindfuck.

Der Begriff "Pseudowissenschaft" wird meistens in einer unfairen Art und Weise benutzt, weil die Leute, die damit bezeichnet werden, gar nie von sich behauptet haben, Wissenschaftler zu sein. Graham Hancock ist ein gutes Beispiel dafür. Der wird gerade wieder als Pseudowissenschaftler diffamiert, weil er eine sehr erfolgreiche und aus Sicht der etablierten Wissenschaft "gefährliche" Dokuserie am Laufen hat.
 
Der Begriff "Pseudowissenschaft" wird meistens in einer unfairen Art und Weise benutzt, weil die Leute, die damit bezeichnet werden, gar nie von sich behauptet haben, Wissenschaftler zu sein. Graham Hancock ist ein gutes Beispiel dafür. Der wird gerade wieder als Pseudowissenschaftler diffamiert, weil er eine sehr erfolgreiche und aus Sicht der etablierten Wissenschaft "gefährliche" Dokuserie am Laufen hat.
Mit pseudowissenschaftlichem Geschwurbel kann man viel Geld machen. :)
 
Mit pseudowissenschaftlichem Geschwurbel kann man viel Geld machen. :)

Wenn jemand nie behauptet hat, Wissenschaftler zu sein, kann er auch kein Pseudowissenschaftler sein. Wenn jemand hingegen einen gefälschten Doktortitel benutzt oder einfach behauptet, Wissenschaftler zu sein, dann schon. Hier muss man eben differenzieren.
 
Ja gut, das war jetzt wie immer sehr interessant, aber du wirst mich auch damit nicht davon überzeugen, dass die wissenschaftliche Methode wirklich die Realität beschreiben kann. Ich weiß ja, dass will sie auch gar nicht, sie will nur Modelle. Aber das ist mir dann einfach zu abstrakt.

Lässt man die wissenschaftliche Methode außen vor, dann kann man alles behaupten. Es sind dann aber auch nicht mehr als erschrökliche Geschichten für verrauchte Stunden.
 
Lässt man die wissenschaftliche Methode außen vor
Die Frage ist, ob es "die" wissenschaftliche Methode gibt. Eine andere Frage ist, ob die wissenschaftliche Methode nicht auch manches ausblendet, beispielsweise die Wirklichkeit unseres Innenlebens, unseres Fühlens, Empfindens, Denkens, Wollens... Dafür gibt es dann andere Methodiken - und den Streit, inwiefern diese Methoden wissenschaftlich sind.

Das kann so weit gehen, dass beinharte Naturwissenschaftler sämtliche Geistes- und Sozialwissenschaften als unwissenschaftlich ablehnen, die Philosophie sowieso. Dennoch gibt es auch hier argumentative Standards, die sich von esoterischem Geschwurbel abheben. Der Esoteriker sieht das dann naturgemäß wieder anders. Die Frage, was Wissenschaft ist und was nicht, ist bei genauem Hinsehen gar nicht so leicht zu beantworten. Die derzeit gängigen Standards müssen ja nicht die richtigen sein.
 
Wenn jemand nie behauptet hat, Wissenschaftler zu sein, kann er auch kein Pseudowissenschaftler sein.
Pseudowissenschaftlichkeit bedeutet, seinen Publikationen einen wissenschaftlichen Anstrich zu verpassen, um die Leser zu täuschen es handle sich um eine wissenschaftliche Arbeit. Die Kumpels aus der eigenen Bubble in den Fußnoten zu zitieren, oder sogar sich selbst (unter anderem Pseudonym). :(
 
Die Frage ist, ob es "die" wissenschaftliche Methode gibt. Eine andere Frage ist, ob die wissenschaftliche Methode nicht auch manches ausblendet, beispielsweise die Wirklichkeit unseres Innenlebens, unseres Fühlens, Empfindens, Denkens, Wollens... Dafür gibt es dann andere Methodiken - und den Streit, inwiefern diese Methoden wissenschaftlich sind.

Auch die Wirklichkeit unseres Innenlebens lässt sich wissenschaftlich abbilden, wenn man sie als Funktionen komplexer Systeme akzeptiert. Komplexe Systeme verhalten sich nicht vorhersagbar - und dafür git es verblüffend einfache Beispiele, mathematischer Natur oder Versuchsanordnungen, die nur aus zwei Pendeln bestehen. Sie stellen aber nicht die wissenschaftliche Methode als solche in Frage.

Das kann so weit gehen, dass beinharte Naturwissenschaftler sämtliche Geistes- und Sozialwissenschaften als unwissenschaftlich ablehnen, die Philosophie sowieso. Dennoch gibt es auch hier argumentative Standards, die sich von esoterischem Geschwurbel abheben. Der Esoteriker sieht das dann naturgemäß wieder anders. Die Frage, was Wissenschaft ist und was nicht, ist bei genauem Hinsehen gar nicht so leicht zu beantworten. Die derzeit gängigen Standards müssen ja nicht die richtigen sein.

Die Geistes- und Sozialwissenschaften müssen sich der Belegbarkeit ihrer Aussagen stellen. Anderenfalls handelt es sich eben nur um Postulate. Sie versuchen es mit statistischen Methoden, die bekanntlich auch ihre Fallstricke haben.
Unlängst las ich ein - eher seltenes, ungewöhnliches - wissenschaftsphilosophisches Buch. Der Autor, ein Philosoph, stellte sich so unterschiedlichen Themen wie Quantenphysik, Relativitätstheorie und Chaostheorie ... und ging letztlich vor allem der Frage nach, was denn Wissenschaftler als Beweis akzeptieren und was eben nicht. Und ob die knallharte Beweisbarkeit der Wissenschaften denn nun - aus philosophischer Sicht - wirklich so beinhart ist, als die sie sich so gern ansieht.

Das fand ich spannend, denn endlich nahm da mal ein Philosoph den Fedehandschuh auf, den die Wissenschaften den Philosophen schon vor Jahrzehnten, wenn nicht länger, hingeworfen hatten. Er relativierte Aussagen über die Stichhaltigkeit einer wissenschaftlichen Beweisführung, denn aus philosophischer Sicht ist sie eben keineswegs so eindeutig und unfehlbar, wie sie sich darstellt.
Damit kann ich leben, bittesehr: Dann diskutieren wir eben darüber.

So ein Autor liegt aber dennoch Lichtjahre entfernt von Esoterikern und Quantenmystikern, die reale naturwissenschaftliche Erkenntnisse verklären, um daraus makroskopische Romanzen zu spinnen.
 
Werbung:
Auch die Wirklichkeit unseres Innenlebens lässt sich wissenschaftlich abbilden, wenn man sie als Funktionen komplexer Systeme akzeptiert.
Die Analyse komplexer Systeme ist grundsätzlich verschieden von der Wirklichkeit unseres Innenlebens, denn Letztere ist immer eine einzelne und einmalige. Hier gibt es keine Möglichkeit einer empirischen Falsifikation: wenn der Proband Schmerzen äußert, kann ich ihm glauben oder nicht, aber ich kann ihn nicht widerlegen. Es sei denn, es gelingt mir, ihm ein Geständnis zu entlocken. Aber auch dieses kann ich glauben oder nicht. Ich behaupte: die Innenwelt ist für eine wissenschaftliche Methodik grundsätzlich nicht zugänglich. Das Beste, was gelingen kann, ist, gewisse Korrelationen mit empirischen Fakten (Äußerungen, Verhalten, Gehirnströme) aufzudecken. Aber auch bei diesen Korrelationen ist nur die eine Seite wissenschaftlich falsifizierbar. Die andere kann man glauben oder auch nicht.

Ob ein komplexes System ein Innenleben hat oder nicht, lässt sich auf keine Weise wissenschaftlich belegen. Die einzige Methode ist hier der Analogieschluss: ich habe ein Innenleben, der Andere gleicht mir in vielerlei Hinsicht, also schreibe ich auch ihm ein Innenleben zu.
-> Zombie-Argument
 
Zurück
Oben