Ich glaube, dass oft missverstanden wird, worin Karl Marx entscheidender wissenschaftlicher Beitrag eigentlich bestand. Karl Marx Hauptwerk "Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie." ist eine Analyse des Kapitalismus durch eine Kritik der im 19. Jahrhundert vorherrschenden Volkswirtschaftslehre (politischen Ökonomie). Nicht mehr und nicht weniger. Er selbst hat nie irgendeine alternative kommunistische oder sozialistische Gesellschaftsordnung basierend auf irgendeiner Ideologie entworfen.
Einfach gesagt hat er versucht zu zeigen, wie bestimmte Probleme (Zwang zur endlosen Profitmaximierung, Ausbeutung von Mensch und Natur) in unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung unabhängig vom guten oder bösen Willen der Kapitalisten zwangsläufig aus der Systemlogik heraus entstehen müssen, und was konkret nicht mehr getan werden darf, damit diese Probleme aufhören können. Das, was seinen Standpunkt so radikal macht, ist die Herleitung dieser Probleme aus der Warenproduktion bzw. der Organisation gesamtgesellschaftlicher Arbeitsteilung durch den Tausch privat produzierter Waren zu gleichen Werten vermittelt durch das Geld. Das hat dann zur Folge, dass auf einmal solche Sachen wie Planwirtschaften sinnvoll erscheinen, wobei das theoretisch nicht die einzige Alternative ist. Den Menschen ist bisher eben noch keine Alternative eingefallen, die die mächtigste Fähigkeit der Marktwirtschaft besitzt: die Selbstorganisation.
Wer auch immer glaubt, über Marx urteilen zu müssen, tut sich in der Regel schwer, dabei objektiv zu bleiben.
Das ist ein Thema, welches stets, aus einer ideologischen Grundposition heraus, betrachtet und “bearbeitet” wird und fast immer in einer Verteufelung oder (mit etwas weniger Oberflächlichkeit) auch in einer Relativierung endet.
Es ist recht leicht aus dem JETZT (und einer mehr oder weniger komfortablen Situation) heraus, Dinge zu beurteilen, die in der damaligen Zeit von brennender Natur waren.
Die Menschen arbeiteten, unter heute kaum noch vorstellbaren Bedingungen, in 16-Stunden-Tagen, für Löhne, die maximal ein ´Überleben´ ermöglichten.
Der humanistische Ansatz im Marxschen Schaffen wir heute gerne übersehen. Es ist viel Idealismus und durchaus gute Absicht in seinem Schaffen erkennbar, wenn ich bereit bin, es auch sehen zu wollen.
Es ist Menschen wie K. Marx zu verdanken, dass eine erstarkende Arbeiterbewgung und sich entwickelnde Gewerkschaften ein menschenwürdiges Leben möglich machten.
Unser System heute schmückt sich gerne mit dem Begriff “Soziale Marktwirtschaft”. An der Marktwirtschaft (an sich) ist gar nichts sozial; alles, was da als soziale Systemeigenschaft gepriesen wird, ist hart erkämpft.
Auch dass Marx den Fluch kapitalistischen Wirtschaftens, der lange Zeit im Kreislauf: Konjunktur - Überproduktion - Krieg bestand (und mit etwas anderem Anstrich heute noch wirkt) so klar herausarbeitete, gefiel vielen nicht.
Die kommunistische Ideologie ausschließlich an den Auswüchsen (Stalin, Pol Pot & Co) festmachen zu wollen, mag manchem gefallen ist aber zu simpel.
Der Zerfall des Ostblocks beruhte hauptsächlich auf den Schwächen der Wirtschaft, aber das ist noch einmal ein ganz anderes Thema.
Die Brandrede des netten Professors (im Video) ist sehr populistisch, gut verkäuflicher Krawall an der Oberfläche.
Auch dein Beitrag ist - in meinen Augen - wenn auch von einigen bejubelt, recht naseweis, und einseitig.
LG * Helmfried