AW: Sprüche, Weisheiten, Zitate
Kapitel Acht (Anfang)
Das Völkchen der Poeten hat, unterstützt von einem in der menschlichen Natur schlechthin liegenden Sehnen, dem Frühling einen Ruf angeschminkt, den er schwerlich verdient; denn obgleich die erwähnte, von der Imagination herkommende Klasse von Schriftstellern, so viel von balsamischen Lüften und würzigen Winden geschwärmt hat, wird man ihn wohl nahezu allerorts für die unzuverlässigste, rüpelhafteste und wankelmütigste aller vier Jahreszeiten erkennen müssen. Er ist nun einmal die Kindheit und Jünglingszeit des Jahres, und jenem Durchgangsstadium des Lebens auch darin gleich, wie sein größtes Verdienst ist, daß er Besseres verspricht. Beständig währt innerhalb dieses langsam; sich entfaltenden Zeitabschnittes das Ringen zwischen Hoffnung und Wirklichkeit, dessen Haupttendenz eben doch Trug und Täuschung sind.
Alles was von seinen dankenswerten Erzeugnissen geschwärmt wird, ist irrig; denn die Erde wird ebenso wenig ihre Früchte ohne die zeitigende Wärme des Sommers gewähren, als der Mensch irgend eine nennenswerte Leistung nur aufgrund seiner angeborenen Fähigkeiten, ohne weitere spätere Ausbildung, vorzulegen vermöchte. Auf der anderen Seite besitzt, zum Beispiel, der Herbst des Jahres eine leuchtende Süße und ruhevolle Beständigkeit, die man vielleicht dem sachten Niedergang eines wohlangewandten Lebens vergleichen könnte. Er ist, in allen Landen und unter jedem Himmelstrich, derjenige Zeitraum, wo irdische beziehungsweise moralische Ursachen sich vereinigen und die reichsten Freudenquellen fließen machen: will man den Frühling als Zeit des Versprechens werten, so ist der Herbst die der Erfüllung.
Er besitzt gerade noch genug an Wechselvollem, um den Fluß der Tage immer neu zu würzen; und zu wenig Launenhaftigkeit, um ständig mit der Furcht vor Enttäuschung schwanger zu gehen. Der Frühling, indem er unmittelbar auf die Kahlheit des Winters folgt, hat es leicht, einen Vergleich auszuhalten; während die Herrlichkeit des Herbstes noch wirkt und genossen wird, nachdem die Urkraft des Sommers verschwenderisch tätig gewesen ist.
Aus: Conachet oder die Beweinte von Wish-Ton-Wish von James Fenimore Cooper; übersetzt von Arno Schmidt