AW: Sprüche, Weisheiten, Zitate
Ich will mal einen längeren Text einstellen, den ich immer wieder mal gern lese.
Von einem Troll verfasst!
Von Thaddäus Troll:
Über die Dummheit
Der Vorteil der Klugheit besteht darin,
dass man sich dumm stellen kann.
Das Gegenteil ist schon schwieriger.
Kurt Tucholsky
Die erste Voraussetzung für die Dummheit ist die Trägheit oder Schwerfälligkeit des Wahrnehmungsvermögens. Da Trägheit den kreatürlichen Urzustand des Menschen darstellt, ist sie mit Behagen verbunden. Dummheit macht zufrieden. Sie kann sich erlauben, auf dem Liegeplatz eines Standpunkts zu beharren, der lebenslänglich nicht mehr aufgegeben werden muss. Von diesem Standpunkt aus ist die Welt im Lot: So ist es, und so soll es bleiben. Während der Verstand den Menschen mobil macht, ihn zwingt, seinen Standpunkt immer wieder neu zu überprüfen und zu verändern, genießt die Dummheit den Komfort des unveränderlichen Blickwinkels; sie wird bedient von der stets dienstbaren Sklavin Gewohnheit. Dummheit nimmt nur das wahr, wovon sie bestätigt wird. Während die Weisheit als höchste Stufe des menschlichen Verhaltens die Grenzen der Erkenntnis begreift und sich damit bescheidet, ist Dummheit unbescheiden und grenzenlos. Wo der Verstand die Pluralität der Erscheinungen erfasst und sie als Möglichkeiten geistiger Auseinandersetzungen bejaht, erkennt die Dummheit nur ihresgleichen. Als Bestätigung ständigen Rechthabens sucht sie ihresgleichen auch im Fernsehprogramm und in der Politik. Sucht und findet sie. Keine Experimente! Denn Experimente bringen neue Erkenntnisse, fordern eine Revision des Standpunkts, verlangen Flexibilität und Mobilität. Des Dummen Standpunkt ist unumstößlich. Er macht ihn zum satten Mittelpunkt einer präkopernikanischen Welt. Sein Horizont ist überschaubar und deckt sich mit dem Weltenhorizont. Was außerhalb dieses Horizontes liegt, ist entweder nicht existent, falsch oder beides. "Tatkraft und Vertrauen" verspricht ein politischer Slogan. Tatkraft ist eine Eigenschaft, deren sich auch Tarzan rühmen darf und die leichter verkäuflich ist als Vernunft. Vertrauen ist oft mit dem enthüllenden Adjektiv "rückhaltlos" verheiratet: haltloses, rücken-verkrümmendes Vertrauen, das sich bisweilen bis zur Forderung "blinden Gehorsams" versteigt, eine Blindheit, die nicht nur träges, sondern gestörtes Wahrnehmungsvermögen voraussetzt.
Der Verantwortungslosigkeit blinden Vertrauens entspricht die Vaterfigur des politischen Führers. Die Heimatliteratur hat die Idyllen dörflicher Hackordnung geschaffen, den behäbigen Herrn Gemeinderat, den gütigen Herrn Pfarrer, den klugen Herrn Lehrer. Sie sind schon vor Zeiten ins Lesebuch eingegangen als programmierte Hierarchie in der Gemeinde und dann auf Staat und Betrieb übertragen worden. Sie spuken noch heute durch das Dialekthörspiel und den Fernsehschwank.
Die Dummheit, deren Voraussetzung geistige Trägheit ist, denkt, wenn überhaupt, dann konservativ. Sie möchte das von den Vätern und Kirchenvätern Ererbte möglichst ohne Erbschaftssteuer erhalten und bewahren vor bösem Feind.
Schon die Möglichkeit einer Reform macht den Dummen bösartig. Das Leitseil, an dem der aus Trägheit Dumme gegängelt wird, ist der Brauch. Man tut, was Brauch ist, und man wählt, was der Brauch ist, was der Vater sagt, was der Gatte wählt, was der Pfarrer rät.
"Da hat der Vater gebremst, und da bremse ich auch, und wenn es nun den Berg hinaufgeht", heißt eine Redensart, die für solches Brauchtum typisch ist. Der böse Feind für solche Art der Dummheit ist nicht der äußere Feind, dem es zu begegnen gilt, wenn das Vaterland zu den Waffen ruft. Gefährlicher ist der interne Feind, der Andersartige, der als abartig gebrandmarkt wird. Anderssein in der Kirche, im Wirtshaus oder in der Häuslichkeit gilt als zersetzend. Zersetzend ist auch der, der von seinem Verstand Gebrauch macht und deshalb als Intellektueller deklariert wird. Weil nicht unbedingt dem Brauchtum folgend, gilt er als wurzellos.
Die zweite Voraussetzung für die Dummheit ist die Unkenntnis von Tatsachen, deren Kenntnis zur Bildung eines Urteils nötig ist. Politische Willkür wird durch Informationsmangel erleichtert. Im Althochdeutschen waren "dumm" und "taub" Synonyma. In Dialektwendungen wie "taube Nuss" oder "taube Sau" ist dieselbe Bedeutung von "taub" und "dumm" noch lebendig. Taubheit gehört in eine Kategorie mit Blindheit des Gehorsams. Sie bedeutet freiwilligen Verzicht auf Informationsmaterial zur Urteilsbildung, ein sich Verschließen gegen Tatsachen.
Man macht den Bürger zum Untertan, indem man ihm Informationen vorenthält. Man erhält ihn im Zustand der politischen Einfalt des Kindes, des in der Figur des Parsifal geschilderten tumben Toren, in der Hilflosigkeit der Artikulation eines Kaspar Hauser. Nationalistische Schulbücher, ich denke an mein Geschichtsbuch, haben das ihrige dazu beigetragen, diesen Zustand des Nichtinformiertseins in Form eines törichten Nationalstolzes zu konservieren, um jene chauvinistische Borniertheit zu züchten, die eine Schwester der Dummheit ist. Dass Dummheit und Borniertheit bösartig machen, das sei nur, ohne den Ursachen nachzuspüren, vermerkt. Was in totalitären Staaten Informationsbeschränkung ist, das ist in demokratischen Staaten die vielleicht noch gefährlichere, weil weniger leicht zu durchschaubare Informationsverfälschung.
In jedem Einfluss politischer Parteien auf die Massenmedien sehe ich eine Gefährdung der Informationsmöglichkeiten. Das Häckselfutter emotional gefärbter Schlagzeilen, für Hundertausende wahlberechtigte Konsumenten neben dem Fernsehen die einzige Informationsquelle, wirkt auf das politische Urteilsvermögen keineswegs wachstumsfördernd. Diese Art Presse kommt der geistigen Trägheit entgegen. Sie stellt sich und ihre Nachrichten so dar, dass sie unkritisch hingenommen werden. Sie legt das Urteil so vor, dass das als Vorurteil vom Auge aufgenommen und unter Umgehung des Verstandes an das Unterbewusstsein weitergeben, dort gespeichert und im Bedarfsfall von dort "wahr" genommen wird.
Merkwürdig, dass sich zwei Wörter, obwohl sie sich stark widersprechen, nur durch eine farblose Endung unterscheiden: Bild und Bildung. Diese Bildung, bei Goethe noch eine Tätigkeit des Bildners wahrnahm, hat ihre Bedeutung gewandelt. Man bezeichnet heute damit die Gesamtheit des vermittelten und aufgenommenen Wissens. Für den Fall, dass dieses nicht allzu gewichtig ist, hat die Sprache den Trostpreis der "Herzensbildung" ausgesetzt. Unsere Väter konnten noch eine Allgemeinbildung als Marschgepäck auf ihren Lebensweg fassen. Durch die Potenzierung des Wissensmaterials ist es heute wahrlich "unfassbar" geworden; der Fachidiot ist als Kind unserer Zeit in der Ehe von Fachwissen und Allgemeinbildung gezeugt worden.
So hausbacken, so atavistisch für manchen von uns das Wort Bildung klingen mag: Bildung ist die Voraussetzung für politische Urteilsbildung. Bildung ist das Verhütungsmittel gegen die Konservierung der Dummheit.
Die dritte Voraussetzung für die Dummheit ist die mangelhafte Schulung des Verstandes. Sport ist nichts anderes als die serienmäßige Ausübung lästiger Bewegungen, die uns aus dem Behagen reißt, das körperliche Tätigkeit bereitet. Sport verhindert jedoch eine Atrophie der Muskeln und vermag deshalb den Körper länger funktionsfähig zu halten. Genauso muss der Verstand trainiert werden, damit er funktionsfähig bleibt. Der geistig Bewegliche ist mehr gegen arteriosklerotische Verstockungen und Alterstumpfsinn gefeit als der geistig Träge.
Hatte im Althochdeutschen "dumm" auch die Bedeutung von "taub", so entsprechen sich im Mittelhochdeutschen "dumm" gleich "stumpf" und "stumm". Dumm ist also nicht nur der, der sich nicht auszudrücken vermag, der nicht artikulieren kann, der unmündig ist, den man bevormunden muss. Ist der bevormundete Untertan ein Züchtungsobjekt des ausbeutenden Despoten, so sollte der mündige Bürger das Bildungssubjekt einer funktionierenden sozialen Demokratie sein. Der Stumme ist nicht fähig, seine Stimme als Wähler abzugeben. Um sich nicht zu übernehmen, übernimmt er vorgefasste Meinungen. Je unpräziser politische Dogmen formuliert werden, je mehr sie aufgeladen werden, um so mehr haben sie Chancen, von der Dummheit für wahr genommen zu werden. Glaubensbekenntnisse werden von ihr eher akzeptiert als klargesteckte politische Ziele.
Die Dummheit begnügt sich damit, Worte hinzunehmen, statt sie beim Wort zu nehmen. Wie dumm von den Göttern, mit ihr selbst vergebens zu kämpfen, statt mit ihr Geschäfte zu machen! Handelswährung ist das mit Emotionen aufgeladene Klischee. Denn der Dumme gibt seine Stimme ab wie früher den Zehnten, wenn der Abt oder der Fürst heute auch eine andere Firmenbezeichnung hat. Der Dumme ist nach wie vor bereit, dem zu dienen, der von ihm profitiert. Dass er dabei am Ende der Dumme ist, das ist ja sein Schicksal, und das ist von Gott gegeben. Der Dumme glaubt dem Etikett. Zum Beispiel, wenn es einen theologischen Zungenschlag hat - Namen von Weinlagen wie Kirchenstück, Altärchen, Klostergarten, Liebfrauenmilch verkaufen sich gut, weil sie vermuten lassen, dass sie Beschiss ausschließen, dass sich hinter frommen Namen auch im Keller Gottes Sand statt Zucker verbirgt.
Es gehört zu den Gewohnheiten der Dummheit, das Wort mit den propagierten Wertvorstellungen aufzunehmen, die ihm beigepackt worden sind. So denkt der unkritische Wortkonsument bei dem Adjektiv "christlich" nicht an die sozialen Forderungen der Bergpredigt. Er denkt eher an den Bonus der Gnade und meint, die sei ohne Gegenleistung schon dem zugesprochen, der dem Begriff "christlich" rein verbal politisch zustimmt. Und christlich, so glaubt er, ist alles, was sich so nennt, und unchristlich, so folgert er, alles, was nicht den Namen Christi im Schilde führt. Das Wort "christlich" in einem Parteinamen profaniert, das war schon eine großartige Werbemasche, fast so gut wie "Klosterfrau Melissengeist". Christlich, das spricht und verspricht selbst dem Lauesten, der sich Christ zu nennen wagt.
Das Wort "rot" demonstriert keine fröhliche, sondern eine Schreckfarbe, die sich spontan mit dem Begriff "Gefahr" verquicken lässt. Und bei dem Wort "sozial" denkt der politisch Erziehungsgeschädigte nicht an die christliche Verpflichtung, den Nächsten zu lieben; "Sozialisten", so holt er aus seinem programmierten Unterbewusstsein, das sind doch die Leute, die enteignen und sogar den Schnecken ihre Häuser wegnehmen wollen. Und bei dem Wort "Reformen" denkt er nur an die Gefahr, aus seinem bequemen Komfortsessel im Mittelpunkt der Welt aufgescheucht zu werden.
Wenn es gelänge, den künftigen Bürger zum Civis, nicht zum Bourgeois zu erziehen, auf dem Wege der Bildung den Gebrauch der Vernunft, die Aufklärung bis in die sprachlichen Klischees der landschaftlichen Gegebenheiten des letzten lauschigen Winkels, des hintersten stillen Tals zu tragen, die liebenswürdige Einfalt Herzens in die nützlichere Einsicht des Verstandes ummünzen und aus dem unmündigen Beistimmer jenen mündigen Bürger zu machen, der eigentlich Voraussetzung für die Wahlberechtigung sein müsste. Dann wäre eine Hoffnung für die Demokratie geschaffen, die unsere politische Zukunft in besserem Licht sehen ließe.
FR
SUUM CUIQUE