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Altruismus

Zeilinger

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22. Mai 2004
Beiträge
16.499
Liebe Forumsmitglieder !

Meine Theorie:

Der Altruismus ist immer nur eine Forderung von Despoten, nie eine eigene Kraft; kein Mensch liebt einen anderen mehr als sich selbst.

Ich bitte um Eure Meinung.
 
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Zeilinger schrieb:
Liebe Forumsmitglieder !

Meine Theorie:

Der Altruismus ist immer nur eine Forderung von Despoten, nie eine eigene Kraft; kein Mensch liebt einen anderen mehr als sich selbst.

Ich bitte um Eure Meinung.
Was ist mit Menschen, die den Tod auf sich nehmen, um anderen das Leben zu ermöglichen? Tun die das tatsächlich aus Egoismus?
 
Zeilinger schrieb:
Liebe Forumsmitglieder !

Meine Theorie:

Der Altruismus ist immer nur eine Forderung von Despoten, nie eine eigene Kraft; kein Mensch liebt einen anderen mehr als sich selbst.

Ich bitte um Eure Meinung.
Es gibt Menschen, die sich generell altruistisch verhalten, was mich auch stutzig macht - und teilweise unangenehm ist. Sie sind es aber oft aus einer egoistischen Absicht: Sich einen geilen Sonderplatz im Himmel sichern....

Zu deinem Satz: "kein Mensch liebt einen anderen mehr als sich selbst.":
Der stimmt - zumindest nach meiner Erfahrung - nicht! Du kannst Menschen mehr lieben als dich selbst. Das ist auch keine kranke Neigung, das ist uns genetisch so gegeben. Wir fühlen mit anderen mit - unsere Seele ist nicht individuell, sie ist polymorph. Frag mal einen Vater, oder besser: eine Mutter, ob sie ihr Kind nicht so sehr liebt, wie sich selbst...

Gysi
 
>fckw:
Was ist mit Menschen, die den Tod auf sich nehmen, um anderen das Leben zu ermöglichen? Tun die das tatsächlich aus Egoismus?

Das, fckw, ist sicher die höchste Form der Liebe - falls kein Dritter darunter leidet. Ich bin aber felsenfest davon überzeugt, dass Märtyrer auch aus Liebe zu sich selbst handeln; sie sind tief religiös und sehen das als den sichersten Weg, in den Himmel zu kommen.
 
Zu deinem Satz: "kein Mensch liebt einen anderen mehr als sich selbst.":
Der stimmt - zumindest nach meiner Erfahrung - nicht! Du kannst Menschen mehr lieben als dich selbst. Das ist auch keine kranke Neigung, das ist uns genetisch so gegeben. Wir fühlen mit anderen mit - unsere Seele ist nicht individuell, sie ist polymorph. Frag mal einen Vater, oder besser: eine Mutter, ob sie ihr Kind nicht so sehr liebt, wie sich selbst...

Ich bin kein Vater, Gysi, glaube dir aber sofort, dass viele Väter und Mütter behaupten wollen, dass sie ihre Kinder mehr lieben als sich selbst. Ich glaube, sie behaupten es aus Angst, im Alter allein gelassen zu werden.

Und das, Gysi, ist auch die große Leistung des Katholizismus:
Er verlangt gar nicht, dass irgendwer irgendwen mehr liebt als sich selbst. er sagt:
Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.

Nur herrschsüchtige Despoten, wie Napoleon, Hitler, Stalin, Hussein (jetzt offenbar nicht mehr) und meines Erachtens auch George W. Bush verlangen von ihren Mitmenschen, dass diese sie mehr lieben als sich selbst.

Ich gehe jetzt zum Donauinselfest; nicht weil ich hoffe, dort Gott zu finden, aber doch weil ich hoffe, dass mir der eine oder andere Kabarettist einen realistischen Weg zu ihm weist.

Spätestens Montag, 28.6.04 bin ich wieder im Forum.

Wünsche schönes Wochenende, allerseits.
 
Zuletzt bearbeitet:
Zeilinger schrieb:
Und das, Gysi, ist auch die große Leistung des Katholizismus:
Er verlangt gar nicht, dass irgendwer irgendwen mehr liebt als sich selbst. er sagt:
Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.
Liebe kann man nicht diktieren. "Ich befehle dir, zu lieben!" - geht natürlich nicht... :D Ich rede von Liebe, die geschieht. Ich hatte auch bisweilen die Wahrnehmung, meine Freundin mehr zu lieben als mich. Ich glaube nicht, dass das eine falsche Wahrnehmung war...
Innerlich aufgeräumte, seelisch wache Eltern, werden ihre Kinder mehr lieben als sich. Nicht weil ein Gott das sagt, sondern weil denen das ihr seelischer Impuls sagt. Wenn dein Kind einem Strudel entgegen treibt, dann springst du da rein - wogegen sonst möglicherweise dein Verstand sprechen würde. Ich fühle es so, ich nehme es mal an. Dass nicht alle sich so Verhalten würden - was jetzt kein Vorwurf sein soll! - ist natürlich klar.
Nur herrschsüchtige Despoten, wie Napoleon, Hitler, Stalin, Hussein (jetzt offenbar nicht mehr) und meines Erachtens auch George W. Bush verlangen von ihren Mitmenschen, dass diese sie mehr lieben als sich selbst.
Die Verlangen nicht deine Liebe, die verlangen strikten Gehorsam von dir - das ist was anderes! Doubleju hätte vielleicht auch gerne so viel Macht, wie die genannten Despoten, hat er aber nun doch nicht...

Gysi
 
Zeilinger schrieb:
Ich bin kein Vater, Gysi, glaube dir aber sofort, dass viele Väter und Mütter behaupten wollen, dass sie ihre Kinder mehr lieben als sich selbst. Ich glaube, sie behaupten es aus Angst, im Alter allein gelassen zu werden.

Du hast offenbar kein Kind.

Wenn mein Sohn in einem brennenden Haus eingeschlossen ist und ich ihn nur unter höchster Lebensgefahr retten kann, werde ich das ohne eine Sekunde zu zögern, tun. Ich bin Atheist, das Argument "du willst bloss in den Himmel kommen" zieht also nicht. Und Angst davor, im Alter alleine gelassen zu werden, habe ich auch nicht.

Offenbar gibt es doch so etwas wie Liebe :)
Aber dabei handelt es sich für mich auch um etwas völlig anderes als Altruismus.
 
walter schrieb:
Wenn mein Sohn in einem brennenden Haus eingeschlossen ist und ich ihn nur unter höchster Lebensgefahr retten kann, werde ich das ohne eine Sekunde zu zögern, tun. Ich bin Atheist, das Argument "du willst bloss in den Himmel kommen" zieht also nicht. Und Angst davor, im Alter alleine gelassen zu werden, habe ich auch nicht.

Offenbar gibt es doch so etwas wie Liebe :)

JA, Walter, ich stimme dir zu! Ich fühle es auch so – und hoffe sehr, wenn ich denn je in eine solche Situation käme, nicht aus irgendwelchen unabsehbaren Gründen zurückzuschrecken...

„Aus Liebe“ handeln empfände ich allerdings durchaus als eine Form von Altruismus. (Warum bist du anderer Meinung?)
Denn „altruistisch sein“ heißt für mich: in einer Situation wirklich einmal ganz und gar von sich selbst und seinen möglichen jetzigen und zukünftigen Bedürfnissen absehen und zum Wohle eines Anderen handeln.... Manchmal auch (oder gerade eben auch), wenn es schwer fällt...

Ob man dann (als allgemeine Lebenseinstellung) einen Überbau hat, der dem Ganzen Sinn gibt, scheint mir nicht so wichtig...
(ob man also hofft, irgendwann würde einem alles gedankt – durch Gott oder die Menschen...; ich fände das irrational – aber manchmal hilft es ja...)

Und man kann natürlich sagen, dass es einem ja auch „gut tue“, wenn man FÜR einen Anderen da sei... oder aus Liebe handeln könne...

Stimmt ja wohl auch; es ist eine Art „höheres Bedürfnis“...
So betrachtet kann man ALLES als LETZTLICH auf sich bezogen deuten...

Trotzdem ist das für mich kein Egoismus.
Wie gesagt: Egoismus oder Altruismus - das beweist sich für mich IN konkreten Situationen - in diesem kurzen Moment; in dem, was einen da bestimmt...

Gruß
Mia
 
MiaSG schrieb:
Wie gesagt: Egoismus oder Altruismus - das beweist sich für mich IN konkreten Situationen - in diesem kurzen Moment; in dem, was einen da bestimmt...

Gruß
Mia

Ich sehe das genau anders. Das Beispiel mit dem brennenden Haus ist ungeeignet, denn hier kommt es viel zu sehr auf affektives, spontanes Handeln an, also eine Frage des Mutes und der Impulsivität der Persönlichkeit. Egoismus/Altruismus definiert sich viel mehr bei Entscheidungen, die rational und wohlüberlegt sein können oder als Lebensprinzip.
Letztlich ist die Frage aber auch dann nicht genau zu klären, weil sowohl die eigenen Motive wie auch die der Anderen nie 100% durchschaut werden können.
Ich würde daher als Leitfaden vorschlagen, dass Entscheidungen letztendlich nur dann gute Entscheidungen sind, wenn sie auch für einen selbst gut sind. Ein Beispiel wäre, wenn eine Person der Familie pflegebedürftig wird. Die Entscheidung, die Pflege selbst zu übernehmen scheint auf den ersten Blick selbstlos - aber wenn man dabei gegen die eigene Natur handelt, sich selbst und den Anderen z.B. in ein quälendes Abhängigkeitsverhältnis zwängt, dann ist die Entscheidung falsch. Was dann von außen altruistisch aussieht, entpuppt sich in Wirklichkeit als fehlgeleitet oder sogar als merkwürdig masochistisch.
Blinde Aufopferung kann genauso pathologische Züge tragen wie blinder Egoismus, ja sogar derselben Wurzel entspringen.
Was das Handeln in konkreten Situationen betrifft, so ist es gut hierfür schon im Vornhinein Prinzipien zu haben, die einem das Handeln ohne Zögern überhaupt ermöglichen. Das reicht von Handlungen purer Höflichkeit (Hilfe anbieten, Tür aufhalten, Gastfreundschaft) bis zu spontanen Rettungsaktionen. Nach meiner Meinung sind dies aber kein Ausdruck von Altruismus, sondern Handlungsweisen, die gesellschaftlich anerkannt und geschätzt sind und daher - verbunden mit eigener Überzeugung - zur Handlungsmaxime erhoben. Solch eine Handlungsweise kann dann eher auf den kategorischen Imperativ Kants zurückgeführt werden als auf Begriffe wie Altruismus/Egoismus.
 
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Robin schrieb:
Nach meiner Meinung sind dies aber kein Ausdruck von Altruismus, sondern Handlungsweisen, die gesellschaftlich anerkannt und geschätzt sind und daher - verbunden mit eigener Überzeugung - zur Handlungsmaxime erhoben. Solch eine Handlungsweise kann dann eher auf den kategorischen Imperativ Kants zurückgeführt werden als auf Begriffe wie Altruismus/Egoismus.
Der altruistisch Handelnde verspricht sich in seinem Hinterköpfchen - wenn nicht den Superposten im Himmel - die gesellschaftliche Anerkennung. Ja, das kann ich gut nachvollziehen - sprich: ich sehe das auch so. Aber es gibt auch die Opferbereitschaft für den Anderen, der nicht gegen die Natur gesteuert ist, sondern als ein Schutzaffekt für unsere Kinder (den Schutzbefohlenen und denen, die wir lieben) in unseren Genen eingebaut ist: Siehe Beispiele von Walter und mir in den letzten Posts.

Gysi
 
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