Nein, ich bewundere dich. So geschmeidig, wie du es hin bekommst, um mein, von dir durchaus erkanntes, Anliegen herum zu slalominieren, ist durchaus beachtlich.
Du machst den Versuch, das ("gute") System den Fehlentwicklungen (die allerdings im System entstanden) gegenüberzustellen und drückst das ganze in das (von dir bevorzugte) Gut-und-Böse-Schema.
Dieses Gut-und-Böse-Schema ist sehr einfach zu erklären: Ich unterscheide zwischen Demokraten und Antidemokraten und letztere bekämpfe ich nach meinen Möglichkeiten aus rein egoistischen Gründen, wie ich schon geschrieben habe.
Das abwandern großer Teile der Wählerschaft in die Arme derer, die nichts gutes im Sinn haben, kam nicht wie ein Fluch oder ein böser Zauber über die demokratischen Systeme. Es ist das Ergebnis einer miserablen Politik in den Systemen. Das hündische unterwerfen und andienen der europäischen Demokratien an die amerikanische Geopolitik war angesichts der immer deutlicher werdenden Folgen, einer der Grundfehler. Dieses Hegemoniesystem lebt davon, Feindseligkeiten zu schaffen und zu pflegen. Kriege zu entfachen und Bündnisse der Willigen ins Feld zu führen.
Aber nicht nur die Außenpolitik auch und gerade die desaströse Innenpolitik, in der wirtschaftliche Vernunft einer von Doppelmoral geprägten, fragwürdigen Ideologie geopfert wurde. Wenn Steuermilliarden zu hauf im Ausland verbrannt werden und die Probleme im Land nicht mehr gelöst (finanziert) werden können und allmählicher Zerfall zur Normalität wird, haben die, die leichte Lösungen anbieten, auch leichtes Spiel.
Systeme können nicht gesunden, indem sie nur ihre ungeliebten Entgleisungen verteufeln.
Politik muss ehrlicher werden. Probleme müssen erkannt und angegangen werden, vor allem müssen Lösungen (und nicht die üblichen Scheinlösungen) her. Vor allem braucht es den Mut zuzugeben, dass es so - wie bisher - nicht weiter gehen kann. Nicht ein bisschen ausbessern, sondern ganz andere Grundlagen für eine neue sonntagsredenfreie (und sicher auch in Teilen schmerzhafte) Politik.
Jetzt vermischst du Fakten, die nicht zusammengehören. Das Abwandern großer Teile der Wählerschaft in die Arme der Extremisten hat nichts mit den USA zu tun, sondern mit der Gründung extremistischer Parteien, die zuerst im Osten unseres Landes fußgefasst haben und immer mehr Nichtwähler mobilisiert haben, die sich ermutigt fühlten, endlich das zu sagen, was man früher sich nicht zu sagen traute. Der braune Sumpf lag die ganzen Jahrzehnte brach unter unseren Füssen, sowohl im Osten als auch im Westen unseres Landes. Er hat nur ein Ventil gebraucht, um hochzuschießen und das waren die Krisen der letzten 15 Jahre.
Dass diese Parteien nur einfache Lösungen zu komplexen Problemen anbieten, das ist das Konzept des Populismus, denn er zielt auf die Nichtwähler ab und diese sind genau aus diesem Grund Nichtwähler gewesen, denn wählen zu gehen empfinden es nur Demokraten als ihre Pflicht. Im Osten hatte man ohnehin keine Erfahrung mit freien Wahlen und sie hatten von Anfang an Probleme mit der Komplexität der Demokratie.
Ich habe mich nie hier als Fürsprecher der USA gezeigt. Ich habe nur den Nutzen gesehen, den wir seit vielen Jahrzehnten davongetragen haben, indem wir Billionen für Rüstung in Europa gespart haben während des Kalten Krieges und bis heute.
Dass die USA seit dem Zweiten Weltkrieg die meisten Kriege geführt haben und diktatorische, menschenverachtende Regime in Lateinamerika und anderswo unterstützt haben, das habe ich nie geleugnet. Es gibt dennoch einen Unterschied zwischen den USA und uns einerseits und Putins Regime andererseits: Sowohl in den USA als auch bei uns bekommt der Wähler die Möglichkeit, alle vier Jahre oder sogar früher die Politik in seinem Land zu ändern. Schau dir mal Russland oder Belarus an. Fällt dir ein Unterschied auf, während du unser "System" kritisierst?
Schau dir die Mitglieder der OVKS an, wie sie vor Putin strammstehen. Von den Sattelitenstaaten der Sowjetunion ganz zu schweigen.
"Systeme" wie unsere Demokratie begnügen sich im Übrigen nicht damit, ungeliebte Entgleisungen zu verteufeln, sie weisen sie in ihre Schranken, sobald sie unsere Demokratie gefährden - mach dir keine falschen Hoffnungen. Unser Grundgesetz hat sich seit vielen Jahrzehnten bewährt.
Die aktuelle Politik in unserem Land begeistert mich auch nicht, aber meine Gründe unterscheiden sich von deinen diametral, dessen bin ich mir sicher, denn im Gegensatz zu dir spreche nicht von unserem System. Verglichen mit Putins, Trumps und Orbans System kann die Politik in unserem Land viele Vorzüge vorweisen und unser System heißt nach wie vor Demokratie, schreib es dir hinter die Ohren!
Wir haben seit einem Jahr eine neue Regierung und das, weil die Wähler mit der alten Regierung nicht zufrieden waren. Wenn diese Regierung es nicht schafft, trotz vielfältiger weltpolitischer Probleme, eine vernünftige Politik zu machen, dann haben wir bald eine neue Regierung. Sogar Orban droht das Gleiche in zwei Tagen und Trump könnte ab November höchstwahrscheinlich nur noch als lahme Ente regieren, aber was ist mit Putin oder Lukaschenko oder den anderen Präsidenten von den ehemaligen Sowjetrepubliken in der OVKS?