Nun, das ist dein ganz persönliches Verständnis einer "funktionierenden Demokratie", wie du ja auch selbst schriebst ("...unter einer solchen verstehe ich..."), das du natürlich so ausformen darfst, wie es dir beliebt.
Wer weiß? Vielleicht handelt es sich schon wieder um eine Ideologie?

Selbstverständlich ist das mein persönliches Verständlich von Demokratie, aber das leitet sich aus unserer Verfassung ab - genauso wie die Demokraten, so wie ich sie verstehe - und deshalb setze ich mich gegen die Gegner unserer Verfassung ein.
So nannten die alten Griechen ihr System "Demokratie", obwohl nur eine Minderheit am Gestaltungsprozess überhaupt beteiligt war. Frauen und Sklaven waren prinzipiell ausgeschlossen, und da Minderjährige wohl auch, blieben wieviele Prozent übrig?
Das waren nicht einmal die Griechen, sondern gerade mal eine Kleinstadt, nach heutigem Verständnis, mit gerade mal 30.000 Einwohnern und dreimal so vielen Sklaven - so gesehen wie die USA vor dem Bürgerkrieg...
Die Demokratie in Athen war die Basis, auf die die heutigen Demokratien sich berufen, aber die Demokratie ist kein statisches System. Sie entwickelt sich gemeinsam mit dem zivilisatorischen Status der Region, in der sie umgesetzt wird und ihre Werte passen sich dem an. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse fließen dementsprechend auch mit ein - aktuelles Stichwort: Selbstbestimmungsrecht.
Das mag in der heutigen Praxis in der Regel so sein, ist aber keinesfalls begriffsbestimmend.
Eben nicht in der Regel, sondern nur dort, wo die Demokraten wie ich sie verstehe, in der Mehrheit sind, denn sie sind gleichermaßen auch im Parlament vertreten.
Und, Proteste gab es auch bei den Coronaeinschränkungen. In einer freien, liberalen Demokratie dürfen Menschen wegen fast allem protestieren und demonstrieren. Aber das dürfen sie in einer freien, liberalen Monarchie auch, in einer Demokratie, in der eine Mehrheit die Minderheiten unterdrückt, hingegen nicht. Letzteres wäre daher nicht weniger demokratisch, aber sehr wohl weniger liberal und frei.
Stell dir vor, es wären Millionen auf den Straßen gewesen am 23. Februar 2025, als Merz gemeinsam mit der AfD seine Vorstellungen im Bundestag durchgesetzt hat. Er wäre heute kein Kanzler - er hat es auch ohne das mit Mühe geschafft.
Naja, wenn ich mir die aktuellen Prozente von Kickl anschaue, bin ich mir da nicht so sicher.
So wirr spricht Kickl gar nicht und senil ist er auch nicht. Er bekennt sich als Rechtsextremist, aber das scheint in Österreich viele nicht zu stören. Ich gehe immer noch von unserer Demokratie in Deutschland aus.
Die Wähler da und dort wählen in der Regel jene Kandidaten bzw Parteien, von denen sie für sich selbst die meisten Vorteile erhoffen. Das steht ihnen verfassungsmäßig frei und ist ihr gutes, zugesichertes Recht. Aber, hier sehen wir auch einen Mangel einer freien, liberalen Demokratie. Viele Menschen erfassen nicht die Auswirkungen ihrer Entscheidungen.
Wenn man sieht, welche Summen in den USA im Wahlkampf eingesetzt werden und von wem, dann kann man dort auch einen mehrfach verurteilten Verbrecher an die Macht wählen, wenn er von den Richtigen unterstützt wird. Allein Elon Musk hat 150 Mio. Dollar in Trump investiert. Das entspricht auch nicht meinem Verständnis von Demokratie, denn dort wird der Oligarchie Tür und Tor geöffnet.
Daher gilt das, was ich immer wieder über freie, liberale Demokratien sage:
Sie garantieren nicht, dass das Volk immer die bestmögliche Regierung bekommt.
Aber sie garantieren, dass das Volk stets jene Regierung bekommt, die es verdient hat.
Puh! Jetzt bin ich aber erleichtert. Meine Vorstellung von einer funktionierenden Demokratie ist also doch keine Ideologie.

Die bestmögliche Regierung kann es bei uns gar nicht geben, weil unsere Länder meist von Koalitionen regiert werden und die Koalitionsverträge sind das Ergebnis von Kompromissen, aber erinnerst du dich noch? Zu den Werten der Demokraten, wie ich sie verstehe, gehört auch die Toleranz. Sie können also damit leben, das die Wünsche und Vorstellungen anderer Demokraten auch Berücksichtigung finden. Auch die Demokraten sind nämlich nicht homogen, denn sie stammen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten.
In den USA gibt es das nicht. Dort denkt man offensichtlich bipolar und das ist undemokratisch.