Nun ja, ich gehe mal von der Authentizität der nachgelassenen Schriften aus. Hier einige Auszüge:
Das Thema der Texte könnte auch als "Angst vor dem Werden - Zuflucht im Sein" oder auch als "Scheinbar Objektivität - Eigentlich Konstruktion" beschrieben werden; der erste Untertitel lässt sich mithilfe des folgenden Beispiels aus einem Fragment vom Nietzsches Nachlass verdeutlichen:
"Zur Psychologie der Metaphysik":
Diese Welt ist scheinbar – folglich giebt es eine wahre Welt.
Diese Welt ist bedingt – folglich giebt es eine unbedingte Welt.
Diese Welt ist widerspruchsvoll – folglich gibt es eine widerspruchslose Welt.
Diese Welt ist werdend – folglich gibt es eine seiende Welt.
Lauter falsche Schlüsse (blindes Vertrauen in die Vernunft: wenn A ist, so muss auch sein Gegensatz-Begriff B sein).
Zu diesen Schlüssen inspiriert das Leiden: im Grunde sind es Wünsche, es möchte eine solche Welt geben; ebenfalls drückt sich der Haß gegen eine Welt, die leiden macht, darin aus, dass eine andere imaginirt wird, eine werthvolle: das Ressentiment der Metaphysiker gegen das Wirkliche ist hier schöpferisch.
Zweite Reihe von Fragen: wozu Leiden? ... und hier ergiebt sich ein Schluss auf das Verhältnis der wahren Welt zu unsrer scheinbaren, wandelbaren leidenden und widerspruchsvollen.
Der zweite Titel lässt sich mit Hilfe der nachstehenden Exempel
ebenfalls aus Nietzsche' Nachlass veranschaulichen:
Ein und dasselbe zu bejahen und zu verneinen mißlingt uns: das ist ein subjektiver Erfahrungssatz, darin drückt sich keine „Nothwendigkeit“ aus, sondern nur ein Nicht-vermögen.
Wenn, nach Aristoteles der Satz vom Widerspruch der gewisseste aller Grundsätze ist, wenn er der letzte und unterste ist, auf den alle Beweisführung<en> zurückgehn, wenn in ihm das Princip aller anderen Axiome liegt: um so strenger sollte man erwägen, war er im Grunde schon an Behauptungen voraussetzt. Entweder wird mit ihm etwas in Betreff des Wirklichen, Seienden behauptet, wie als ob er dasselbe anderswoher bereits kennte: nämlich daß ihm nicht entgegengesetzte Prädikate zugesprochen werden sollen? Dann wäre Logik ein Imperativ, nicht zur Erkenntniß des Wahren, sondern zur Setzung und Zurechtmachung einer Welt, die uns wahr heißen soll. (…) Das begriffliche Widerspruchsverbot geht von dem Glauben aus, daß wir Begriffe bilden können, daß ein Begriff das Wahre eines Dinges nicht nur bezeichnet, sondern faßt … Thatsächlich gilt die Logik (wie die Geometrie und Arithmetik) nur von fingirten Wahrheiten, die wir geschaffen haben. Logik ist der Versuch, nach
einem von uns gesetzten Seins-Schema die wirkliche Welt zu begreifen, richtiger, uns formulirbar, berechenbar zu machen…»
und:
Unsre subjektive Nöthigung, an die Logik zu glauben, drückt nur aus, daß wir, längst bevor uns die Logik selber zum Bewußtsein kam, nichts gethan haben als ihre Postulate in das Geschehen hineinlegen: jetzt finden wir sie in dem Geschehen vor – wir können nicht mehr anders – und vermeinen nun, diese Nöthigung verbürge etwas über die „Wahrheit“. Wir sind es, die „das Ding“, das „gleiche Ding“, das Subjekt, das Prädikat, das Thun, das Objekt, die Substanz, die Form geschaffen haben, nachdem wir das Gleichmachen, das Grob- und Einfachmachen am längsten getrieben haben.
Die Welt erscheint uns logisch, weil wir sie erst logisirt haben.
Mfg
Andronikus