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Der militante Katholizismus in Europa wurde eingebremst.

Oldtimer37

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2. Februar 2008
Beiträge
24
Seit der Wahl des deutschen Kardinals Ratzinger zum Pontifex als Benedikt XVI., ist die katholische Kirche in Westeuropa wieder dabei, sich intensiv in das politische Tagesgeschehen der verschiedenen Staaten einzumischen.

Schon in Italien verstummen Gerüchte nicht, dass der Vatikan beim Sturz Romano Prodis im Jänner dieses Jahres die Fäden im Hintergrund gezogen hat. Der Justizminister in der Regierung Prodi, der Christdemokrat Clemente Mastella hat genau an dem Tag seinem Chef die Gefolgschaft verweigert, an dem der Präsident der italienischen Bischofskonferenz sehr eindeutig gefordert hatte: Wir brauchen endlich wieder eine christliche orientierte Regierung, die katholische Werte vertritt.

Ebenso schlimm wenn nicht schlimmer war die Agitation der katholischen Kirche im Kampf zur Wahl für das spanische Parlament, die gestern stattgefunden hat. Der Erzbischof von Madrid hat offen dazu aufgerufen, die Sozialisten abzuwählen. Auf sein Geheiß gab die spanische Bischofskonferenz einen Hirtenbrief heraus, der zwar keine explizite Wahlempfehlung enthielt, aber erklärte, dass eine Partei, die Initiativen wie die Legalisierung der Homo-Ehe (von der sozialistischen Regierung Zapatero durchgeführt) ergreife, für gläubige Katholiken nicht wählbar sei.

Bei einer von den Bischöfen organisierten Groß-Demo in Madrid wetterten die Kardinäle gegen den „Radikallaizismus“ der Regierung. Dabei war über Videowall Benedikt XVI aus Rom zugeschaltet. Der religiöse Fundamentalismus in Europa findet sich nicht nur im Islam sondern seit Benedikt XVI auch verstärkt in der katholischen Kirche. (Siehe auch Profil Nr. 8/2008)

Gestern hat die sozialistische Partei unter Jose Zapatero die Wahl für spanische Verhältnisse deutlich gegenüber der konservativen Volkspartei (PP) gewonnen. Ich denke, dass den Spaniern – aller Lager – noch immer die unheilige Allianz der katholischen Kirche mit dem Putschisten General Franco in den 30-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Erinnerung ist. Eine Allianz, die zum blutigen und grausamen Bürgerkrieg und zu 40 Jahren Franco-Diktatur geführt hat.

Mit dem Wahlergebnis hat Spanien der reaktionären Kirche für ganz Europa ein deutliches Stopp-Signal gegeben. Die Bedeutung dieses Signals wird uns vermutlich erst in Jahren in seiner Bedeutung voll bewusst werden.
 
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Warum denn in die Ferne schweifen,

lieber Oldtimer 37, liegt "das Gute doch so nah.

Deke an die gestrigen Landtagswahlen in Niederösterreich.
Dort trat eine wahlwerbende Gruppe auf, die sich Die Christen nennen.
http://www.diechristen.at/index.php?seite=news&kat=v ( O, 84 %)

ein Blickerle auf ihre politischen Vorstellungen gefällig:

Drei österreichische Bischöfe bei HLI-Lebensschutz- veranstaltungen - Nuntius Farhat: Ich komme im Auftrag des Papstes - Bischof Laun: "Fristenlösung muss abgeschafft werden"

oder diese Aktion:
http://www.gloria.tv/?video=ccdoda9n5ao4takolbog&view=mobile
daraus:
LS618W: Hi Ihr Lieben;
Aus eigener Erfahrung nach einer
Fehlgeburt im 5 Monat mit einer
Einer Frau die schon 3 Abtreibungen hinter sich hatte, kann ich Euch nur sagen.
Alle Berichte von betroffenen Frauen decken sich mit meiner
Erfahrung. Abtreibung ist der Feind des Lebens und daher
auch die schlimmste Seuche des
21igsten Jahrhunderts.
Wer Sein eigenes Kind wegmachen lässt, wird Seines
Lebens nir mehr froh.

nora: wie auch immer dieser dreck entstanden ist... es ist die sprache satans

Da nimmt sich ja die Forderung Ihres Volksbegehrens nach einem Müttergehalt geradezu noch harmlos aus....
Christliche Mütter gehören halt ins Haus zu Kind und Kegel, die unchristlichen, die die selbstverantwortlich nach den gesetzlich geregelten Auszeiten wieder ihrem Erwerb nachgehen,sollen dann für die frommen Mütter zahlen.


Ih bin sicher, wir finden vereint noch etliche Ansätze des aktuellen Erstarken eines neuen katholischen Fundamentalismus.
 
AW: Warum denn in die Ferne schweifen,

lieber Oldtimer 37, liegt "das Gute doch so nah.
[...]
Ih bin sicher, wir finden vereint noch etliche Ansätze des aktuellen Erstarken eines neuen katholischen Fundamentalismus.

*grübel* Was ist an diesen Forderungen und Sichtweisen eigenlich christlich? Weiß das irgendwer?

Nicht dass es dann mehr Berechtigung hätte, in der Politik mitzumischen, aber wenn ausgerechnet Christen gegen den Sozialismus auftreten, dann muss ich immer noch lachen, ....... genauso wie ich früher schon über meinen Vater lachen musste, der ach so fromm war und ach so selbstgerecht und hochmütig. :haare:
 
AW: Der militante Katholizismus in Europa wurde eingebremst.

Lieber Oldtimer,

schöner Beitrag, auch wenn ich nicht alle Aussagen teilen kann.
Zu deinen Vorwürfen gegen die katholische Kirche: Zuallererst einmal sehe ich die Kirche nicht als eine Art religiöse Mafia oder ähnliches. Es stimmt zwar, dass sie sich nach dem spanischen Bürgerkrieg offen auf Francos Seite stellte, was ich grundsätzlich auch verurteile, aber erstens waren die primären Feinde der Kirche immer die Kommunisten, zweitens hat die Kirche im Bürgerkrieg selbst keineswegs mitgemischt und drittens ist zu hoffen, dass die Kirche inzwischen endlich eingesehen hat, dass ihre Aufgabe nicht Machtpolitik ist.
Was die Wahlwerbung betrifft: Ich finde jeder hat das Recht, offen seine Meinung zu sagen, warum dann die Kirche nicht? Und ja, es stimmt, das manche Ansichten für einen gläubigen Katholiken einfach nicht vertretbar sind, worauf die Bischöfe eben hingewiesen haben. Vielleicht nicht unbedingt unparteiisch, aber durchaus korrekt. Politisches Engagement und Meinungsäußerung steht mMn jedem zu, auch Geistlichen.

lg, Animus
 
AW: Der militante Katholizismus in Europa wurde eingebremst.

Hallo Animus

""Zu deinen Vorwürfen gegen die katholische Kirche: Zuallererst einmal sehe ich die Kirche nicht als eine Art religiöse Mafia oder ähnliches. Es stimmt zwar, dass sie sich nach dem spanischen Bürgerkrieg offen auf Francos Seite stellte, was ich grundsätzlich auch verurteile, aber erstens waren die primären Feinde der Kirche immer die Kommunisten, zweitens hat die Kirche im Bürgerkrieg selbst keineswegs mitgemischt.""

Der Franco-Putsch 1936 in Spanien hat sich nicht gegen die Kommunisten sondern gegen eine demokratisch gewählte sozialdemokratische regierung gerichtet. Und der Putsch wurde von der Kirche voll unterstützt. Auch im Bürgerkrieg arbeiteten sie aktiv mit den Putschisten zusammen. Aus diesem Grund sind ja viele Priester und Nonnen gefallen, für welche der Papst erst vor kurzem einen Massen-Seligsprechungsprozess eingeleitet hat.

""Was die Wahlwerbung betrifft: Ich finde jeder hat das Recht, offen seine
Meinung zu sagen, warum dann die Kirche nicht?""


Diese Kirche als Instution hat kein Recht, sich in das politische Geschehen des Staates einzumischen. Genauso, wie der Staat kein Recht hat, sich in ökumenische Fragen der Kirche einzumengen.

""Und ja, es stimmt, das manche Ansichten für einen gläubigen Katholiken einfach nicht vertretbar sind, worauf die Bischöfe eben hingewiesen haben. Vielleicht nicht unbedingt unparteiisch, aber durchaus korrekt.""

Nicht unparteiisch, daher nicht korrekt. Warum? Siehe oben.

""Politisches Engagement und Meinungsäußerung steht mMn jedem zu, auch Geistlichen.""

Politische Meinungsäußerung steht einem Geistlichen als Person zu, nicht aber seiner Funktion. Kann er Person und Funktion nicht trennen, dann steht ihm das Recht nicht zu, meint

der Oldtimer



lg, Animus[/QUOTE]
 
AW: Der militante Katholizismus in Europa wurde eingebremst.

L
Was die Wahlwerbung betrifft: Ich finde jeder hat das Recht, offen seine Meinung zu sagen, warum dann die Kirche nicht? Und ja, es stimmt, das manche Ansichten für einen gläubigen Katholiken einfach nicht vertretbar sind, worauf die Bischöfe eben hingewiesen haben. Vielleicht nicht unbedingt unparteiisch, aber durchaus korrekt. Politisches Engagement und Meinungsäußerung steht mMn jedem zu, auch Geistlichen.

lg, Animus

Nun, das was ich jetzt berichte, liegt fast 50 Jahre zurück.


NR-Wahl 18.11.1962



4.805.351: Wahlberechtigte


45,40%: ÖVP


44,00%:SPÖ


7,00%: FPÖ

für mich waren das die ersten freien demokratischen Wahlen - ich kam aus der DDR -

Da ich damals noch tiefreligiös war - in der DDR war das durchaus nicht unpolitisch - wir waren Verfolgte des Systems - ging ich natürlich jeden Sonntag zur Messe.
Was sperrte ich aber Mund und Ohren auf, als auf der Kanzel der Pfarre Groß Jedlersdorf der Herr Pfarrer mit schöner Regelmäßigkeit das Christenvolk aufrief, ja die ÖVP zu wählen, da die SPÖ Vorbote des Satans sei



Und nun: die Zeiten haben sich geändert ... so plump treibt man heute nicht einmal im Heilgen Lande Tirol Wahlwerbung ...

animus : klar, darf/soll und muss auch ein Geistlicher eine eigene politische Meinung bei Wahlen haben ... das steht außer Frage
ABER
er darf sie nicht manipulativ unter dem Vorwand geistlicher Seelsorge
in der Öffentlichkeit als Forderung an andere Wähler stellen.
 
AW: Der militante Katholizismus in Europa wurde eingebremst.

Marianne,

ich muss einen Rückzieher machen, auch wenn ich das nicht gerne tue. Es stimmt, dass die Kirche viel Dreck am Stecken hat. Macht korrumpiert und verdirbt den Charakter. Ich muss dir im Allgemeinen Recht geben.
Was ich aber noch zu der Sache mit der Abtreibung sagen muss: Meiner Meinung nach ist Protest dagegen sehr wohl gerechtfertigt. Ich finde es nicht besonders sozial, ein Kind aufgrund der sozialen Lage der Eltern zu töten. Die SPÖ jedoch befürwortet die Fristen"lösung". Insofern würde ich es sehr wohl verstehen, wenn auch nicht gutheißen, wenn ein Priester gegen die SPÖ wettert, da hier dann Kompetenzüberschneidung eintritt. Aber natürlich soll die Kirche Standpunkte vertreten, nicht Parteien kritisieren.

mfg, Animus
 
AW: Der militante Katholizismus in Europa wurde eingebremst.

Was ich aber noch zu der Sache mit der Abtreibung sagen muss: Meiner Meinung nach ist Protest dagegen sehr wohl gerechtfertigt. Ich finde es nicht besonders sozial, ein Kind aufgrund der sozialen Lage der Eltern zu töten. Die SPÖ jedoch befürwortet die Fristen"lösung". Insofern würde ich es sehr wohl verstehen, wenn auch nicht gutheißen, wenn ein Priester gegen die SPÖ wettert, da hier dann Kompetenzüberschneidung eintritt. Aber natürlich soll die Kirche Standpunkte vertreten, nicht Parteien kritisieren.

mfg, Animus

Siehst Du, Animus,
hier muss ich Dir wieder Recht geben.

Eine Abtreibung nach der gesetzlich geregelten Fristenregelung muss und soll immer nur der letzte Ausweg bleiben - .

Dagegen ist nichts zu sagen.
Sehr wohl sind aber die Praktiken der Abtreibungsgegner - in den USA - und auch bei uns - ich sage nur Martin Huemer - ausgesprochen inhuman.

Sie diffamieren Frauen, die sich doch in der Regel nicht aus Jux und Tollerei zu diesem Schritt entschlossen.
Auch die Ärzte können nicht zu solchen Abbrüchen gezwungen werden.


Und die Kirche ( evangelische und katholische) ist vor allem auch an ihr Hauptgebot gebunden: Liebe Deinen Nächsten... dazu gehören eben auch die Frauen, die abtreiben - oft von den Verhältnissen gezwungen.

freundliche GRüße
Marianne
 
AW: Der militante Katholizismus in Europa wurde eingebremst.

Es sollte bei diesem sehr wichtigen Thema (danke dir Oldtimer), vielleicht auch kurz an die ambivalente Stellung der katholischen Kirche während des Nationalsozialismus erinnert werden – ja, ambivalent schien ihre Haltung nur am Anfang, je mehr Fakten ans Licht traten, war ihre Stellung eindeutig.
Rolf Hochhuths "Der Stellvertreter" Anfang der 60. Jahre, erntete erst Entrüstung und Unverständnis, ja sogar Empörung. Auch wenn das Stück nicht hundert pro historisch zu belegen ist, im Kern enthüllt es eine Wahrheit die bis dann sorgfältig verschwiegen wurde.

Auch als Anfang des Jahrtausends Daniel Goldhagens Buch "Die katholische Kirche und der Holocaust. Eine Untersuchung über Schuld und Sühne" erschien, wurde es mit viel Kritik zur Kenntnis genommen. Natürlich war manche Kritik zu Recht geäußert worden, aber die Grundthesen stimmten. Darauf wies die österreichische Historikerin Erika Weinzierl hin:

„Die Geschichte der Kirche ist eben nicht nur eine von Glauben und heiligmäßigem Leben, sondern auch eine von Zwang, Gewalt und Krieg. Sie gehen auf den alleinseligmachenden Anspruch, auf das historische Bündnis von politischer Macht und Kirche zurück. Jeder ‚politische' Katholizismus birgt die Gefahr des Totalitarismus in sich.

Auch das Buch des Theologen Stefan Moritz "Grüß Gott und Heil Hitler. Katholische Kirche und Nationalsozialismus in Österreich" sollte hier noch erwähnt werden.

 
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AW: Der militante Katholizismus in Europa wurde eingebremst.

Wie Miriam ausführt, war und ist auch noch im Katholizismus der Totalitarismus (Staat = Kirche) nach wie vor gegeben. Nicht umsonst gibt es auch noch den Vatikan und deren diplomatische Beziehungen.
Papst ist zugleich beides - Religionsoberhaupt und Staatsoberhaupt.

Nur grundsätzlich wäre zu den Ausführungen Mariannes zu sagen: es gibt meines Wissens keine Religion, die Abtreibung befürwortet.
Ist auch logisch: Religion MUSS FÜR DAS LEBEN auftreten.
Was sie dann sonst macht und viel Leben mit den Füßen tritt gehört wiederum in einen anderen Bereich und holt sich ihre abstrusen Begründungen aus der hintersten Ecke.

In Österreich ist die Einflussnahme (nicht umsonst war der vorherige Kanzler ein Mitglied von Opus Dei) der kath. Kirche gestiegen.
Und die Bestrebungen gehen weiter.

Auch sind in Österreich nach wie vor Kreuze in den Schulen aufgehängt.
(Mir persönlich eigentlich wurscht, war aber sehr erstaunt das noch vorzufinden wie in meiner Jugend; denn eigentlich ist doch Staat und Kirche getrennt!)

Wenn man sich jedoch vergegenwärtigt, wie z.B. gegen die kath. Teufelsaustreiber vorgegangen wird und wie wenig Strafe die dann letztendlich bekommen (sofern es überhaupt bekannt wird!!), dann muss ich mir schon die Frage stellen: wird wieder mit zweierlei Maß gemessen ?

Aber ich sehe mit großer Sorge das Ansteigen des Einflusses und vor allem auch die indirekte Einflussnahme. Und die Bewegungen aus den USA und auch aus Norddeutschland werden sicherlich nicht nur örtlich begrenzt bleiben.

sartchi
 
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