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Lieblingsgedichtssammlung

AW: Lieblingsgedichtssammlung

Der letzte Mann

Der letzte Mann hat meine Jacke mitgenommen.
Die war aus Kaschmir mit einem Fleck.
Ich werd' sie wohl nicht mehr zurückbekommen,
die zwei sind weg.

Ich habe ziemlich daran gehangen.
Wenn's kalt war, hab' ich mich darin gewärmt
und habe von ihren viel zu langen
Ärmeln geschwärmt.

Sie hat mich nicht einmal in Stich gelassen.
Selbst Hustensaft hat sie mitgeschmeckt.
Wir haben, wie gut wir zusammenpassen,
erst spät entdeckt.

Gewaschen mocht ich sie nicht so gerne.
Man wäscht mit dem Dreck Atmosphäre raus.
Sie kam dann stets aus weiter Ferne
zu mir nach Haus.

Wir waren nicht füreinander geboren.
Sie war ein doofes Weihnachtsgeschenk.
Ich dachte, sie reicht bis zu den Ohren
vom Fußgelenk.

So eine möchte ich noch einmal haben,
weil ich, seit sie weg ist, furchtbar frier.
Ich würd' mein Gesicht in ihr vergraben,
wie einst in dir.

Miriam Frances
 
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AW: Lieblingsgedichtssammlung

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Erich Fried
 
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Der letzte Mann
(etwas weiter oben):​
Gibt mir sehr zu denken! :blume1:

Es lohnt sich, einmal etwas über die Autorin Miriam Frances zu lesen.
 
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HÖHE DES SOMMERS

Das Blau der Ferne klärt sich schon
Vergeistigt und gelichtet
Zu jenem süßen Zauberton,
Den nur September dichtet.

Der reife Sommer über Nacht
Will sich zum Feste färben,
Da alles in Vollendung lacht
Und willig ist zu sterben.

Entreiß dich, Seele, nun der Zeit,
Entreiß dich deinen Sorgen
Und mache dich zum Flug bereit
In den ersehnten Morgen.

Hermann Hesse

 
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Und ich bleib wie ich bin

Du gehst mir voraus
und ich folge dir kaum
Du hast dein Ziel und
ich bin nicht so schnell

Doch ich weiß - da oben
steht ein Mond
Doch ich weiß - auch du
kannst ihn sehen

Und ich bleib wie ich bin

Du gehst mir voraus
doch plötzlich bleibst du
stehn
Du gehst mir voraus
und du hast etwas gesehn
Du gehst mir voraus
Warum kann ich es nicht sehn?

Doch ich weiß - da oben
steht ein Mond

Und ich bleib wie ich bin

Manfred Stumpf
 
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Aetna, der feurige Berg mit der schwefeldampfenden Esse,
wird nicht immer glühn und hat nicht immer geglüht: Denn –
sei es: die Erde ist ein Wesen und lebt und hat Atem-
röhren vielerorts und haucht daraus ihre Flammen,
kann ihres Atems Wege verändern, sooft sie erbebt, hier
schließen die eine und dort eine andere Höhlung sich öffnen –
sei es: Die flüchtigen Winde sind drunten in Grotten gesperrt und
schleudern Stein gegen Stein und Stoff, der im Innern des Feuers
Keime enthält, und der sich unter den Schlägen entzündet,
(kalt jedoch bleiben die Grotten zurück, wenn die Winde gestillt sind)
sei es auch, daß des Erdpechs Gewalt den Brand zu sich herzieht,
oder der gelbe Schwefel verbrennt mit spärlichem Rauche.
Wenn dann die Erde den Flammen, nachdem ihre Kraft in der langen
Zeit sich verbraucht, die Nahrung, die fettige Speise, versagt und
so dem gefräßigen Wesen des Berges der Unterhalt ausgeht,
trägt es den Hunger nicht und verläßt, verlassen, das Feuer.

- Publius Ovidius Naso
Metamorphosen, Buch XV, 340-355
 
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Und fragst du mich, wie der Erwählte heiße,
Dem sich das Aug' der Vorsicht ausersah?
Den ich zwar oft, doch nie genugsam preise,
An dem so viel Unglaubliches geschah?
Humanus heißt der Heilige, der Weise,,
Der beste Mann, den ich mit Augen sah...

J.W.v.G.

:katze:
 
AW: Lieblingsgedichtssammlung

Regeln mit Ausnahmen
Nicht jeder ist ein Dichter, der Gedichte macht,
nicht jeder ein Narr, den man belacht.
Nicht jeder ist ein Streber, der sich irrt,
nicht jeder, der sonst gar nichts wird, wird Wirt.
Nicht alles ist Gewissen, was uns mahnt,
nicht jeder ist ein Lohengrin, dem etwas schwant.
Nicht jeder Armleuchter ist auch ein großes Licht,
nicht alles, was zwei Wangen hat, ist ein Gesicht.​
Fred Endrikat
 
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Die Visite

Als ich aufsah von meinem leeren Blatt,
stand der Engel im Zimmer.

Ein ganz gemeiner Engel,
vermutlich unterste Charge.

Sie können sich gar nicht vorstellen,
sagte er, wie entbehrlich Sie sind.

Eine einzige unter fünfzehntausend Schattierungen
der Farbe Blau, sagte er,

fällt mehr ins Gewicht der Welt
als alles, was Sie tun oder lassen,

gar nicht zu reden vom Feldspat,
und von der Großen Magellanschen Wolke.

Sogar der gemeine Froschlöffel, unscheinbar wie er ist,
hinterließe eine Lücke, Sie nicht.

Ich sah es an seinen hellen Augen, er hoffte
auf Widerspruch, auf ein langes Ringen.

Ich rührte mich nicht. Ich wartete,
bis er verschwunden war, schweigend.
Hans Magnus Enzensberger​
 
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