Die Henne
Es war mal eine Henne fein,
Die legte fleißig Eier;
Und pflegte denn ganz ungemein
Wenn sie ein Ei gelegt zu schrei'n,
Als wär' im Hause Feuer.
Ein alter Truthahn in dem Stall,
Der Fait vom Denken machte,
Ward bös darob, und Knall und Fall
Trat er zur Henn' und sagte:
"Das Schrei'n, Frau Nachbarin, war eben nicht vonnöten;
Und weil es doch zum Ei nichts tut,
So legt das Ei, und damit gut!
Hört, seid darum gebeten!
Ihr wisset nicht, wie's durch den Kopf
mir geht."
"Hm!" sprach die Nachbarin, und tät
Mit einem Fuß vortreten,
"Ihr wißt wohl schön, was heuer
Die Mode mit sich bringt, Ihr ungezognes Vieh!
Erst leg' ich meine Eier,
Denn rezensier' ich sie."
Aus: Matthias Claudius "Der Mond ist aufgegangen", Die schönsten Gedichte, Diogenes-Verlag