Streusalzwiese
New Member
- Registriert
- 18. September 2011
- Beiträge
- 925
Als Eröffnung für diesen Ordner scheint mir ein Gedicht angemessen:
Charles Baudelaire
Ein Aas
An jenes Ding, mein Herz, erinnre dich,
Es war ein schöner, milder Sommertag:
Ein Aas am Wegesrande widerlich
Auf einem Bett von Kieseln lag;
Die Beine spreizend wie ein geiles Weib,
Gift schwitzend und vergoren,
Erschloß es seinen aufgedunsenen Leib,
Nachlässig, unverfroren.
Die Sonne strahlte auf die Fäulnis nieder,
Als koche sie vollends gar
Und gäbe der Natur vervielfacht wieder,
Was vormals eines war;
Der Himmel sah auf das Gerippe hin,
Als öffne eine Blüte sich.
So stark war der Gestank, daß es dir schien,
Ohnmacht erfasse dich.
Und Fliegen summten über faulen Därmen,
Daraus wie zähe Flüssigkeiten
Die Larven krochen, sich in schwarzen Schwärmen
Über die Fetzen auszubreiten.
Dies alles hob und senkte sich in Wellen
Und schillerte und schwebte;
Man meinte, daß der Leib in leichtem Schwellen
Sich mehre und so lebte.
In dieser Welt erklang ein seltsam Singen,
Wie Wasser, wie der Wind, der weht,
Oder wie Korn, das rhythmisch auf den Schwingen
Geworfelt wird und umgedreht.
Die Form verschwamm und war nur noch ein Traum,
Entwurf mit flüchtigen Konturen,
Den man vergaß; und es enträtselt kaum
Der Künstler seine Spuren.
Ein Hund sah lauernd und mit bösem Blick
Hinter den Felsen vor;
Es trieb ihn zu dem Brocken Fleisch zurück,
Den er bei dem Skelett verlor.
-Doch wirst auch du wie dieser Unrat sein,
Wie diese Pest, so grauenhaft,
Stern meiner Augen, Licht in meinem Sein,
Mein Engel du und meine Leidenschaft!
Ja! Königin, du allem Reiz gebietet,
Nachdem du mit dem Sakrament versehn,
Wirst du von Gras und Blumen wohlbehütet
Auch in Verwesung übergehn.
Dann sage dem Gewürm, du Wunderbare!
Das dich verzehrt mit seinem Kuß,
daß ich Gestalt und Göttlichkeit bewahre
Der so Geliebten, die verderben muß!
(Aus: Die Blumen des Bösen; Übersetzung: Monika Fahrenbach-Wachendorff) (Reclam 1992)
Charles Baudelaire
Ein Aas
An jenes Ding, mein Herz, erinnre dich,
Es war ein schöner, milder Sommertag:
Ein Aas am Wegesrande widerlich
Auf einem Bett von Kieseln lag;
Die Beine spreizend wie ein geiles Weib,
Gift schwitzend und vergoren,
Erschloß es seinen aufgedunsenen Leib,
Nachlässig, unverfroren.
Die Sonne strahlte auf die Fäulnis nieder,
Als koche sie vollends gar
Und gäbe der Natur vervielfacht wieder,
Was vormals eines war;
Der Himmel sah auf das Gerippe hin,
Als öffne eine Blüte sich.
So stark war der Gestank, daß es dir schien,
Ohnmacht erfasse dich.
Und Fliegen summten über faulen Därmen,
Daraus wie zähe Flüssigkeiten
Die Larven krochen, sich in schwarzen Schwärmen
Über die Fetzen auszubreiten.
Dies alles hob und senkte sich in Wellen
Und schillerte und schwebte;
Man meinte, daß der Leib in leichtem Schwellen
Sich mehre und so lebte.
In dieser Welt erklang ein seltsam Singen,
Wie Wasser, wie der Wind, der weht,
Oder wie Korn, das rhythmisch auf den Schwingen
Geworfelt wird und umgedreht.
Die Form verschwamm und war nur noch ein Traum,
Entwurf mit flüchtigen Konturen,
Den man vergaß; und es enträtselt kaum
Der Künstler seine Spuren.
Ein Hund sah lauernd und mit bösem Blick
Hinter den Felsen vor;
Es trieb ihn zu dem Brocken Fleisch zurück,
Den er bei dem Skelett verlor.
-Doch wirst auch du wie dieser Unrat sein,
Wie diese Pest, so grauenhaft,
Stern meiner Augen, Licht in meinem Sein,
Mein Engel du und meine Leidenschaft!
Ja! Königin, du allem Reiz gebietet,
Nachdem du mit dem Sakrament versehn,
Wirst du von Gras und Blumen wohlbehütet
Auch in Verwesung übergehn.
Dann sage dem Gewürm, du Wunderbare!
Das dich verzehrt mit seinem Kuß,
daß ich Gestalt und Göttlichkeit bewahre
Der so Geliebten, die verderben muß!
(Aus: Die Blumen des Bösen; Übersetzung: Monika Fahrenbach-Wachendorff) (Reclam 1992)



