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20 Lektionen aus dem 20. Jahrhundert.

Neugier

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Michael Knoll zum Buch von Timothy Snyder.


Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand

Aus dem Amerikanischen von Andreas Wirthensohn
C.H. Beck 2017
127 Seiten, 10,- Euro

Vorweg, Informationen des Verlages.
Amazon schrieb:
Klappentext.

Wir sind nicht klüger als die Menschen, die erlebt haben,
wie überall in Europa die Demokratie unterging
und Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus kamen.
Aber einen Vorteil haben wir.
Wir können aus ihren Erfahrungen lernen.

„Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.“
So lautet die erste von 20 Lektionen für den Widerstand,
mit denen Timothy Snyder die Bürger
der Vereinigten Staaten von Amerika vorbereitet
auf das, was gestern noch unvorstellbar zu sein schien:
einen Präsidenten, der das Gesicht der Demokratie
verstümmelt und eine rechtsradikale Tyrannei errichtet.

Doch nicht nur in den USA sind Populismus
und autoritäres Führertum auf dem Vormarsch.
Auch in Europa rückt die Gefahr von rechts immer näher
– als ob es das 20. Jahrhundert und seine blutigen Lehren
niemals gegeben hätte.

Snyders historische Lektionen, die international Aufsehen
erregt haben, sind ein Leitfaden für alle,
die jetzt handeln wollen - und nicht erst, wenn es zu spät ist.

Lektion 8: „Setze ein Zeichen.“
Dieses Buch tut es. Tun Sie es auch.

Produktinformation
Taschenbuch: 127 Seiten
Verlag: C.H.Beck; Auflage: 4 (18. April 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3406711464
ISBN-13: 978-3406711466
Originaltitel:
On tyranny. Twenty lessons from the twentieth century.


Nun einige Auszüge aus der Buchbesprechung von Michael Knoll.
http://www.intellectures.de/2017/11/23/die-bedeutung-des-zerfalls/
Michael Knoll schrieb:
Es ist ein hochgelobtes Buch.
Der Verfasser ein überragender Historiker.
Überzeugt hat es beim ersten Lesen dennoch nicht,
weil der Ton, in dem hier die Argumente vorgetragen werden,
zu überschlagen scheint.
Dennoch lohnt sich ein zweiter Blick auf dieses wichtige Buch.
[...]
Kurz nach der US-Präsidentschaftswahl am 8. November 2016
veröffentlichte Snyder einen Artikel, in dem er
den politischen Aufstieg von Donald Trump
mit dem von Adolf Hitler vergleicht.

Beide nutzten neue Medien virtuos,
beiden war die Emotionalisierung des Politischen
wichtiger als Fakten, Werte oder Überzeugungen.

In den 1930er Jahren konnten die Deutschen nicht
verhindern, dass eine Gesellschaft ihre Rechte verliert.
Daraus gelte es Schlüsse zu ziehen.
Dass Trumps ehemaliger Chefideologe Steve Bannon
genau diese Zeit als Referenz ansieht
und von den »aufregenden Dreißigern« spricht,
treibt den intellektuellen Angstschweiß auf Snyders Stirn.
[...]
Snyders Appell: »Es wäre für uns Heutige ganz gut,
wenn wir verstehen würden, warum das so war.«
[...]
Historisch sind für ihn die Parallelen klar.
Auch Faschismus und Kommunismus waren Reaktionen
auf die Globalisierung:
auf die tatsächlichen und vermeintlichen Ungleichheiten,
die sie schuf,
und auf die offenkundige Hilflosigkeit der Demokratien,
etwas dagegen zu tun.

Die Unfähigkeit der Demokratien, sich als gerechte
Gestalter der Globalisierung zu präsentieren,
ist in den letzten Jahren offenkundig geworden.

Natürlich haben Hunderte von Millionen Menschen
von einer vernetzten Weltwirtschaft profitiert,
der Aufstieg Indiens oder Chinas zeugen davon.

Etliche Menschen in den entwickelten Ökonomien
Nordamerikas und West- und Mitteleuropas empfinden
die Globalisierung aber als zutiefst ungerecht.

Nicht ganz zu Unrecht.

Wirtschaftliche Abstiege haben viele Regionen
in den letzten Jahrhunderten erlebt, neu aber ist
zu Beginn des 21. Jahrhunderts, dass die Steuerungsfähigkeit,
das Sicherheitsversprechen des Staates, wie es die Menschen
in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Normalität
erlebt haben, verlorengegangen ist.

Wen wundert’s, dass sich Trump als derjenige positioniert,
der den Menschen verloren gegangene Jobs zurückbringen
möchte und damit Würde und Sicherheit?

Markige Versprechen, von denen Trump vermutlich
kein einziges erfüllen wird, erfüllen kann.

Die Menschen in den USA sind heute nicht klüger
als die Europäer, die im 20. Jahrhundert erleben mussten,
wie die Demokratie dem Faschismus oder dem Kommunismus
wich. Sie haben aber den Vorteil,
dass sie aus den Erfahrungen lernen können.

Diese Erfahrungen sind die 20 Lektionen, die Snyder
seinen Leserinnen und Lesern näherbringen möchte.

[...]

Was Snyder schreibt, ist klug, durchdacht, von einem
profunden Wissen über das Zeitalter der Extreme gesättigt.

Der Ton allerdings ist zu hysterisch, zu alarmistisch,
zu schrill.

Auch ich halte Donald Trump für einen gefährlichen Mann.
Einer, der eine komplexe Demokratie
mit der einfachen Logik eines Unternehmens unterminiert.
Eine turbokapitalistische Logik des Heuerns und Feuerns,
eine Logik der Ausbeutung und des schnellen Gewinns,
die in sozialdarwinistischer Manier eine Gesellschaft
auseinandertreibt statt zusammenzuführen.
Der die Komplexität der Welt nicht erfasst, sondern
simplizistische Lösungen für reale Probleme anbietet.

Nach mehr als einem Jahr muss man auch konstatieren,
dass Donald Trump als US-Präsident heillos überfordert ist.
Keines seiner Versprechen hat er bisher realisiert.
Den relativen Abstieg der USA, der seit langem
prognostiziert wurde, hat er in einen rasanten
realen Abstieg forciert.
Trump hat die Werte und das Wesen der Vereinigten Staaten
in kürzester Zeit verspielt.
Die USA geben unter Trump keine Orientierung mehr,
sie schrecken ab. Menschen, Ideen, Handel.

Das ist die Gefahr, die von Trump ausgeht.
Das ist die wahre Tragödie.

Zum Schluss: Zwei Annahmen bestimmen, so Snyder,
aktuell den Diskurs über das Politische.
Zum einen die Politik der Unausweichlichkeit, die mit
einer Politik der Alternativlosigkeit gleichzusetzen ist.
Eine Politik, die wir auch in Deutschland
in den letzten Jahren oft gehört haben.

Unausweichlichkeit und Alternativlosigkeit verengen
die Art und Weise, wie wir im 21. Jahrhundert
über Politik denken und reden.
Sie verkürzen die politische Debatte ein und erzeugen
ein Parteiensystem, in dem eine politische Partei
den Status quo verteidigte, während die andere
zu allem nur Nein sagte.

Ein System von These und Antithese,
der die Synthese verloren gegangen ist.
Sie wird nicht mehr gesucht, nicht einmal mehr vermisst.

Zum anderen herrscht, so Snyder, eine Politik der Ewigkeit.
Sie ist getrieben von der Sehnsucht nach vergangenen
Augenblicken, die nie wirklich passierten.

Wann genau war das Amerika,
das Trump wieder groß machen möchte?
Welches Amerika ist es, das er groß machen möchte?

Festzuhalten ist, dass die Politik der Unausweichlichkeit
in eine Politik der Ewigkeit übergeht,
»von einer naiven und mangelhaften Form
von demokratischer Republik zu einer konfusen
und zynischen Form von faschistischer Oligarchie«.

Beide Positionen aber, so der Autor,
die Unausweichlichkeit wie die Ewigkeit, sind antihistorisch.
Das Einzige, das zwischen ihnen steht,
ist die Geschichte selbst.
Und diese Geschichte ist zu machen, eigenhändig, eigenständig.

Die Tyrannei ist nicht unausweichlich!

> Das musste auch einmal in aller Klarheit gesagt werden. <

 
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