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Elias Canetti

oktoberwind

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20. November 2007
Beiträge
1.025
Er würde sich selbst wohl trotz seiner jahrelangen Bemühungen um sein Hauptwerk "Masse und Macht" nicht unter die Philosophen rechnen, aber er ist ein Grenzgänger zwischen Literatur und Philosophie und beherrschte vor allem den Aphorismus.

Da er an anderer Stelle gerade erwähnt wurde und die Suche nichts ergeben hat, mache ich mal einen eigenen Thread auf.

Die autobiographischen Werke ("Die gerettete Zunge", "Die Fackel im Ohr" und "Das Augenspiel") habe ich selbstverständlich auch gelesen, aber mehr haben mich seine Aufzeichnungen fasziniert, gesammelt in den Bänden:

- Die Provinz des Menschen
- Das Geheimherz der Uhr
- Nachträge aus Hampstead
- Party im Blitz (Die englischen Jahre)
- Aufzeichnungen für Marie-Louise

Schwerer tat ich mich mit seinem Roman "Die Blendung" und erst recht mit den Notizen "Über den Tod" (naiv m.E. so gegen den Tod zu wettern, schließlich ist er der Stachel, ohne den keine kulturelle Errungenschaft denkbar ist); leichter lesbar "Der Ohrenzeuge" (Fünfzig Charaktere").

Auf Wunsch liste ich bei Gelegenheit einmal griffige Zitate aus diesem umfangreichen Werk auf...
 
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AW: Elias Canetti

Er würde sich selbst wohl trotz seiner jahrelangen Bemühungen um sein Hauptwerk "Masse und Macht" nicht unter die Philosophen rechnen, aber er ist ein Grenzgänger zwischen Literatur und Philosophie und beherrschte vor allem den Aphorismus.

...
...


Auf Wunsch liste ich bei Gelegenheit einmal griffige Zitate aus diesem umfangreichen Werk auf...

Ja!

Hier schon mal ein kleiner Beitrag:

Der Beweis ist das Erbunglück des Denkens.​

Leider ohne Quellenangabe
in meinem Sammelwerk.
 
AW: Elias Canetti

Dann fange ich mal mit "Die Provinz des Menschen" an:

Ich habe noch nie von einem Menschen gehört, der die Macht attackiert hat, ohne sie für sich zu wollen, und die religiösen Moralisten sind darin die ärgsten.
1942

Die großen Aphoristiker lesen sich so, als ob sie alle einander gut gekannt hätten.

Die Bibel ist dem Unglück des Menschen angemessen.

Man ist nie traurig genug, um die Welt besser zu machen. Man hat zu bald wieder Hunger.

Ich habe es satt, die Menschen zu durchschauen; es ist so leicht und es führt zu nichts.
1943

Wir kommen von zuviel her. Wir bewegen uns auf zuwenig weiter.
1945

Wie leicht sich das sagt: sich selber finden! Wie man erschrickt, wenn es wirklich geschieht!
1946

Die Kernfrage aller Ethik: soll man den Menschen sagen, wie schlecht sie sind?
1947
 
AW: Elias Canetti

Die großen Aphoristiker lesen sich so,
als ob sie alle einander gut gekannt hätten.

:blume1:

Hallo Oktoberwind,
genau dieser "geistvolle" Satz lässt sich wahrscheinlich
leicht widerlegen - wenn man sich die Zeit dafür nimmt.

Auf Seite 192 meines Sammelwerkes DAS TREFFENDE ZITAT
fand ich unter Fremdsprache Folgendes:

In fremden Sprachen kommt man sich besser vor;
darum erlernt man (sie) rasch und zuerst ihre
Schimpwörter.
- Aufzeichnungen 1947

Selbstverständlich werde ich jetzt hier

http://www.hep-verlag.ch/course/view.php?id=712

mal schnell reinschauen, um festzustellen, welche
Schimpfwörter von mir (schon) berücksichtigt wurden.
 
AW: Elias Canetti

Ja sicher, wie jeder einigermaßen brauchbare Aphorismus ist er aber ein "skandalon", was wörtlich "Stein des Anstoßes" heißt - man stutzt, denkt darüber nach, bejaht oder verwirft ihn...

... und dann mal gleich den nächsten Schwung...:)

Und wenn es immer die Schlechtesten wären, die übrig blieben? - der umgekehrte Darwinismus.

1948

Wie gern er in einer Welt wäre, in der er nicht existiert.

1951

Das Alleinsein ist so wichtig, daß man immer wieder neue Orte dazu finden muß. Denn überall wird man zu rasch heimisch. Am gefährlichsten aber ist die versammelte Gewalt der Bücher.
1956

Ohne Bücher verfaulen die Freuden.
1960


In jeder Familie, die nicht die eigene ist, erstickt man. In der eigenen erstickt man auch, aber man merkt’s nicht.
1967

Man muß aufhören, bevor man alles gesagt hat. Manche haben alles gesagt, bevor sie beginnen.
1971
 
AW: Elias Canetti

Fortsetzung :) :

Aus: Das Geheimherz der Uhr - Aufzeichnungen 1973 - 1985

Am Rande des Abgrunds klammert er sich an Bleistifte.

Jemanden suchen, den man nicht finden will.

Man ist nur frei, wenn man nichts will. Wozu will man frei sein?

Wärest du mehr gereist, wüßtest du weniger.

In meiner Lebensgeschichte geht es gar nicht um mich. Aber wer wird das glauben?

Durch Menschen durchsehen, bis sie wirklich verschwinden.

Die bescheidene Aufgabe des Dichters ist am Ende vielleicht die wichtigste: das Weitertragen des Gelesenen.

Gut, er weiß nichts. Aber das weiß er immer besser.

Auch Schmerzen irren.

Pessimisten sind nicht langweilig. Pessimisten haben recht. Pessimisten sind überflüssig.

Jedesmal, vor jeder Wiedergeburt, setzte er sich zur Wehr.

Schön wäre es zu verschwinden. Unauffindbar. Schön wäre es, nur selber zu wissen, daß man verschwunden ist.

Wie kann ich mich langweilen, solange ich Worte kenne?
 
AW: Elias Canetti

Aus: Nachträge aus Hampstead, Aufzeichnungen

Es ist wichtig, alle großen Gedanken wiederzusagen, ohne zu wissen, daß sie schon gesagt worden sind.

Man vergißt nichts, und man vergißt es immer weniger.

Die Spuren des Werkes verwischen.

Die wahren Geschichten, die man erzählt, sind falsch; für die falschen besteht wenigstens die Chance, daß sie wahr werden könnten.

Man kreist sein Leben lang um dieselben Gedanken, wie um mehrere Sonnen. Wie soll man nicht wenigstens auf Kometen hoffen?

Ein Denker muß vergessen können, daß er gescheit ist, sonst bedenkt er auf welchem Gebiet immer nur seine eigene Gescheitheit.

Die meisten sagen “Gott”, um sich vor sich selber zu verbergen.

Wen man nicht vermißt, den hat man zu oft gesehen, und daran läßt sich nie mehr etwas ändern.

Was ein Dichter nicht sieht, ist nicht geschehen.

Es hilft einem gar nicht zu wissen, daß es keine Lösung gibt, wenn es um das einzige Problem geht.

Der Gläubige hütet sein Mißtrauen, um nicht in Glück zu ertrinken.

Er wäre gern aus Nebel, damit niemand ihn findet.

Er liebt Menschen besonders, die er nie wiedersehen wird.

Der Schriftsteller, der keine offene Wunde hat, ist für mich keiner. Er mag es vorziehen, sie zu verbergen, wenn er aus Stolz kein Mitleid will, aber er muß sie haben.
 
AW: Elias Canetti

Aus: Aufzeichnungen für Marie Louise

Jede Wolke hat die Zukunft in sich; man versteht es nur nicht, sie zu lesen.

Die Einsamkeit ist ein Versuch des Menschen, von allen lebenden Punkten des Universums gleich weit entfernt zu sein, denn sie alle wollen ihn fressen.

Der Regen ist der Zins des Himmels an die Erde, für seine wolkige Beute.

Schon um weniger zu wissen, wüßte ich gern mehr.

Er hat so viele Ziel, daß er gar nicht schießt.

Ich fürchte mich vor den Sternen, die ich nicht kenne.

Sisyphus liebt seinen Stein, weil er ihn schleppt.

Man scheut sich, eine Landschaft mit Worten zu benennen, die ihr fremd sind, als könnte sie das verändern.

Auf das Verhältnis von Lachen und Stauen allein kommt es an.


Das war's erst einmal.
 
AW: Elias Canetti

Die Einsamkeit ist ein Versuch des Menschen,
von allen lebenden Punkten des Universums gleich weit entfernt zu sein,
denn sie alle wollen ihn fressen.


:blume1::geist::blume1:

Da haben wir doch die Mystik der Quantenmechanik
drin, Oktoberwind. - Oder habe ich das mal
wieder völlig falsch verstanden? :confused:

Jedenfalls finde ich diese Erkenntnis des Herrn
Canetti nicht nur ... ... ... nett.
 
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