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Halt

Bernd schrieb:
Dir mag er gefallen, Suche, mich macht er wütend.

„Such dir ein Hobby, geh auf Menschen zu und lass dich nicht hängen oder man hat nur ein Leben...“ ist nicht ganz meine Wellenlänge, falls du schon mal einen ernsteren Beitrag von mir gelesen hast. Sowas macht mich jetzt stink sauer.


Nichts als Frasen. Die Wartezimmer der Ärzte und Therapeuten, die Suchtberatungen, Selbsthilfegruppen... und die Totenscheine sind voll von Menschen, die „das“ geglaubt haben. Ich hab beinahe täglich mit Menschen zutun, die mir ihr Leben genauso perfekt schildern, aber warum sind sie dann da? Es macht einen Unterschied, ob ich nur „keine Zeit“ habe, meine Gefühlswelt zu erspüren oder ob ich „es“ mitbekomme. Ich glaub, ich muss erstmal kalt duschen.

Bernd
kann dich gut verstehen, lieber bernd!

"lass dich nicht hängen!" ist leicht gesagt, von denen, die da gerade kein problem haben - die gerade gut drauf sind... - von den ewigen positivdenkern.
wenn´s einem da gerade nicht gut geht - mensch, das stinkt einen an!

sich zusammenreissen - jetzt ist aber schluss damit!

mir gibt HALT, dass ich es mir endlich erlaube, so sein zu dürfen, wie ich gerade eben bin!

mit all meinen makeln, meiner fallweisen miselsüchtigkeit, meiner verfressenheit, meiner faulheit, meiner ungeduld...

erst seitdem ich mir selbst gegenüber gelassenheit übe, indem ich mich so annehme, wie ich bin, finde ich HALT. und zwar: HALT IN MIR.

ebenso habe ich mir ein aussen geschaffen, dass diese sichtweise bei mir unterstützt. alle menschen, die mich umgeben, lieben mich und halten es aus, wenn ich mal meine launen auslebe. auch kann ich mich jederzeit mit meinen lieben besprechen (=supervision).
damit ist die totale "selbstbeschau" gegeben und ich erlebe immer wieder, dass es gar nicht schlimm ist, wenn ich mal nicht "meinen (ehemaligen) vorstellungen, wie ich sein sollte" entspreche.

ich werde also immer "echter". dadurch kann mich nicht mehr so viel erschüttern, wie ehedem.

alles liebe dir :dreh:
kathi

"off topic": hallo miriam,
schön, dass du wieder da bist! :blume1:
 
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Ja, das seh ich grundsätzlich ähnlich wie ihr zwei, Miriam und Kathi. Das Echtsein und das Zugestehen des Echtseins mit dem Gefühl Halt zu brauchen in Verbindung zu bringen, ist nicht ganz einfach. Vermutlich ist es ja auch das Bedürfnis „gehalten zu werden“ oder, wer das liebevolle Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies“ (J. Liedloff) kennt, das Bedürfnis getragen zu werden. Ich weiß es nicht. Wenn man etwas weiter geht, könnte der Halt auch der „Halt in der Welt“ sein, den die Mutter (übertragen auch Mutter Erde) eigentlich geben müsste, damit das Kind das Gefühl bekommt, hier (einfach so) da sein zu dürfen. Also wieder der Begriff Daseinsgefühl ohne Bedingungen. Nichts anderes ist m.E. Glaube. Das Bedürfnis nach Halt ist demnach vielleicht der Zweifel am Dasein. Ich brauche dich, damit du mir meine Existenzberechtigung gibst. Die Jagd nach sekundären Befriedigungen. Und um die Abhängigkeit von anderen in diesem Moment zu umgehen, könnte man versuchen, sich selbst zu „halten“, also anzunehmen. Das stimmt.

Ich kann im Augenblick noch nicht die Brücke schlagen, zwischen „sich selbst annehmen“ und „sich den Halt geben.“ Was meint ihr dazu? „Ich bin wie ich bin“...und handle danach...ist das schon alles?

Das reine „sich selbst durchleuchten“, scheint das Daseinsgefühl von Zufriedenheit, Richtigkeit und Bedingungslosigkeit nicht zu erzeugen, das ist meine Erfahrung. Und das ist auch der Grund, warum ich zwangsläufig in diesen von „euch“ Spiritualität genannten Bereich hinein komme.

Sich selbst halten, würde dann, wer das Bild des inneren Kindes mag, bedeuten, dass der innere Erwachsene das Kind (die Gefühlswelt) trägt und auffängt...etwas fachlicher könnte man sagen, die Persönlichkeit müsste versuchen, das im Mangel/in Ablehnung/in Unsicherheit o.ä. aufgewachsene und im Unbewussten noch lebende Kind, zu beachten (!) und sich dessen bewusst zu werden. Was aber m.E. nicht genügt. Hier tut sich leider auch wieder die Grundsatzentscheidung auf, entweder „sich in den Griff“ zu bekommen, oder „sich nachzugeben“. Letzterem bin ich eher zugetan. Für die Arbeit mit dem Unbewussten hat das leider weitreichende Folgen.

Ich nehme mehr und mehr Rücksicht auf mich, versuche mir Freiräume zu schaffen, suche Ruhe und Nichtstun, Schönes, und entscheide mich, mehr auf meinen Körper und dessen Gefühlswelt zu hören...der das einfach braucht. Die Kreativität und Leichtigkeit, Neugier und Energie, die „er“ mir dafür schenkt, sind für mich beeindruckend.

Irgendwo schrieb und begründete ich mal, dass ich vermute, dass man diesen Mangel an Halt (in der Welt) heilen kann. Ähnlich einem Loch, dass man nach und nach stopft. Wie sind eure Erfahrungen. Ihr seit nun doch noch älter als ich. Heilt es wirklich aus?

Vermutlich ist es außerdem notwendig, zu erkennen und anzunehmen, dass man im Grunde sein ganzes Leben lang allein ist. Allein ist.

Viele Grüße
Bernd
 
Lieber Bernd,

deine sehr komplexe Antwort auf die Beiträge von Kathi und mir, möchte ich doch etwas vertiefen, denn dein Text enthält eine Fülle von Gedanken die neuer Diskussionsstoff sind.

Bernd schrieb:
Das Echtsein und das Zugestehen des Echtseins mit dem Gefühl Halt zu brauchen in Verbindung zu bringen, ist nicht ganz einfach

Das ist es eben - echtsein und da den Halt finden, nicht in irgendwelchen banalen Ausfluchten, so wie du es in einem der Beiträge zurecht kritisch angemerkt hast. Dies bedeutet aber erstmals sich zu kennen (Prozess der sehr schwierig ist) und dann auch so anzunehmen. Ohne den auch sehr banalen "ich bin O.K." zu verwenden, denn auch das gehört für mich in die Kategorie "positiv but primitiv".

Bernd schrieb:
Sich selbst halten, würde dann, wer das Bild des inneren Kindes mag, bedeuten, dass der innere Erwachsene das Kind (die Gefühlswelt) trägt und auffängt...

Da kann ich dir nicht ganz zustimmen - denn du stells die Gefühlswelt mit dem inneren Kind gleich.
Warum? Wir bauen zwar unsere rationale Welt in Laufe des Lebens erst auf, denn dazu gehören Lernprozesse und Erfahrungen - aber die Gefühlswelt darf nicht dadurch einen zweitrangigen Platz einnehmen, mit Kindheit gleich gestellt werden. Von der Kindheit verabschieden wir uns ja zwangsläufig - geschieht dies auch mit der Gefühlswelt? M.E. ist dies eben ein Aspekt an dem unsere Gesellschaft krankt - natürlich auch das Individuum. Wir können diese beiden Welten nicht gut vereinbaren, erleben diese beiden Welten, die uns doch beide ausmachen, oft als Widerspruch - nimmt uns nicht auch das den Halt?

Weiter sagst du ja auch, dass du dich wieder entscheidest, "mehr auf meinen Körper und dessen Gefühlswelt zu hören..."
Wir werden so geprägt, Bernd, uns durch den Verstand leiten zu lassen, und vergessen (bzw. wissen es gar nicht), dass es auch eine emotionale Intelligenz gibt. Und so geschieht es fast allen die danach suchen, sie müssen ihre lange vernachlässigte emotionale Welt bzw. Intelligenz, neu entdecken.

Du sagst noch in diesem Zusammenhang:
Bernd schrieb:
entweder „sich in den Griff“ zu bekommen, oder „sich nachzugeben“. Letzterem bin ich eher zugetan.

Wenn wir aber von Akzeptanz sprechen (also: uns so anzunehmen wie wir sind) ist dies kein entweder - oder, sondern ein miteinander.

Du fragst, und das scheint mir sehr wichtig,

Bernd schrieb:
dass man diesen Mangel an Halt (in der Welt) heilen kann. Ähnlich einem Loch, dass man nach und nach stopft. Wie sind eure Erfahrungen. Ihr seit nun doch noch älter als ich. Heilt es wirklich aus?

Ausheilen ist m.E. das falsche Wort, bzw. die falsche Erwartung. Wir können aber lernen damit zu leben, mit Narben oder Wunden die nicht ganz ausheilen, die wieder aufreissen - ich habe gelernt (jetzt, sehr spät!) mich fern zu halten von Menschen die gerne uns wieder bluten sehn, die ihren so genannten Halt (der natürlich keiner ist!) daraus speisen.

Ich hoffe sehr, dass alles was ich hier geschrieben habe auch richtig verstanden wird: denn auch ich taste mich (ewig?) an diese Antworten heran, es bleiben tatsächlich noch viele Fragen offen, werden es wahrscheinlich auch bleiben... Jetzt nochmals zurück zum Sysyphus - den Stein werden wir ewig bergauf rollen, er wird uns wieder entgleiten, wir fangen dann die Arbeit neu an - wissen aber von mal zu mal besser die Tücken des Steines zu überwinden. Oder begreifen noch etwas anderes:

Sysyphos erfährt die "verschwiegene Freude" als rollender Stein, wenn er die Vorstellung, den Gipfel erobern zu können, aufgibt und begreift, daß das Rollen und der Fels sein Schicksal sind und daß dieses Schicksal ihm gehört. Nicht der Gipfel, der Fels ist seine Sache. (Theo Roos über die Sehnsucht nach Licht).

Liebe Grüße

Miriam
 
hallo miriam und bernd :blume1: ,

schönes thema, finde ich!
dazu noch einige erfahrungen von mir:
wunden, die noch nicht geheilt sind, reissen manchmal dann auf, wenn wir glauben, sie seien schon verheilt, es aber nicht sind (=verdrängung wird aufgedeckt).
nicht zu verwechseln mit: narben selbst nicht heilen lassen. dann reisse ich die ewig gleichen wunden selber auf, indem ich in den immer gleichen gleisen fahre. ein möglicher ausstieg daraus ist - wie miriam schon sagte - sich mit leuten zu umgeben, die die alten wunden nicht immer frisch aufrühren.
solange man/frau sich in diesem "wundenheilungsprozessen" befindet, ist die grenze zwischen "verdrängung" und "selbstverstümmelung" fließend, weil man/frau eben mit diesem thema noch nicht gut umgehen kann.
dies bedeutet jedoch NICHT, dass es dafür nie eine "erlösung" gibt.

ich habe mehrmals erlebt, dass sich ein thema von mir "erlöst"/neutralisiert hat. wie ich es jetzt auch drehe und wende, es ist als "problem" nicht mehr da!
also: hoffnung ist kein leeres wort!

...und: spiritualität ist mEn der schlüssel!

so wie ich es erlebte, ist es sehr schwer, die phasen des "freien falls" (die miriam beschrieb) auszuhalten.
ich habe mir dann immer wieder klar gemacht, dass alles jetzt so sein darf, wie es eben ist.
...und auch ich darf so damit umgehen, wie ich es eben tue (mieselsüchtig, kindisch verletzt, kratzhaft, aggressiv, verbissen...)
mir hat dabei die vorstellung geholfen "wie würde ich dabei mit meinem sohn umgehen?" - und immer stellte sich heraus, dass ich wesentlich mehr verständnis für ihn hätte, als für mich.
dann habe ich dieses verständnis auch mir angedeihen lassen; das war gar nicht leicht! - mit sich selbst, geht manche/r nämlich am härtesten ins gericht, glaube ich.

auch, dass sich für mich das gefühl des "freien falls" nicht gut anspürt, habe ich zugelassen und mir zu fühlen erlaubt.
--> insgesamt bin ich mir gegenüber (und als folge daraus auch meinen mitmenschen) jetzt viel nachsichtiger, nachgiebiger und toleranter.

dennoch hat sich aus diesem prozeß eine wundersame "klarheit" ergeben. ich erkenne die situationen einfach besser; kann sehen, was da gerade läuft, und traue mich auch so damit umzugehen, wie es mit "in den sinn" kommt. daraus ist ein große "selbstsicherheit" entstanden. diese gibt mir nun den nötigen HALT und das VERTRAUEN (in mich und in "es").

sehr geholfen hat mir bei diesem prozeß, dass ich - wie schon gesagt - von menschen umgeben war, die ebefalls verständnisvoll mit mir umgingen. mit denen ich alles vorbehaltlos besprechen konnte und noch immer kann.
ich finde, es ist ein 1. schritt, sich von "negativlern" zu trennen und kontakt zu menschen zu suchen, die einem guttun.
dort, wo man/frau sich wohlfühlt, kann HEILUNG geschehen. dort kann man/frau heil - ganz werden .

ja bernd, du hast das sehr richtig erkannt und auch ausgedrückt: in letzter konsequenz muss man/frau erkennen, dass er/sie ALLEIN ist.
--> daher geht´s in die richtung, dass das "innere kind" von mir selbst geheilt werden möge. dann brauche ich diese heilung auch nicht aus dem aussen. doch das aussen kann ich auch selbst beeinflussen, indem ich es aktiv mitgestalte und mir die leute selber aussuche.

alles ist erlaubt!
vergiß das nie! .... und erlaube dir es!
 
Halt habe ich durch den Glauben, daß ich die (meine) Welt selbst kreiere. So kann überhaupt nichts passieren, womit ich nicht einverstanden bin.

Minni
 
Bernd schrieb:
Liebes Forum,

was gibt euch Halt im Leben. Wirklich dieses Gefühl von Halt.

...
Mir gibt mein Partner Halt. Der Gedanke, mich jederzeit auf ihn verlassen zu können. Egal, was passiert, er wird zu mir stehen und bei mir sein. Und wenn es "nur" gedanklich ist.
Das gibt mir ein gutes beruhigendes Gefühl, auch und gerade in Zeiten von großer Unruhe und Ängsten. Mein Fels in der Brandung sozusagen.
 
Minni schrieb:
Halt habe ich durch den Glauben, daß ich die (meine) Welt selbst kreiere. So kann überhaupt nichts passieren, womit ich nicht einverstanden bin.

Minni
...ehrlich nicht?

na ja, mit manchen meiner "eigenkreationen" hab´ich dennoch immer wieder heftig zu "kämpfen" ;)
du nicht?
 
Freundschaft ist gut, solange du dich nicht auf sie verlässt
Natürlich geben mir meine Freunde Halt im Leben und ich glaube ich würde in Trauer versinken, wenn sich auf einmal alle von mir abwenden würden, jedoch stütze ich mein Leben nicht auf diese Freunde, weil ich zu wenig Vertrauen in sie habe.. Das ist sozusagen Selbstschutz.

Mir gibt Musik Halt im Leben. Ich sehe Musik als ein sehr spirituelles und emotionales Ding (tut mir Leid, ich finde jetzt keinen besseren Ausdruck) an. Ich zitiere hier mal den schweizer Gitarrist "HPCRAZY" über seine Philosophie:
The philosophy of my work is that music is a medium for energy which has the power to touch people on a deep emotional level. For me music has a lot of spiritual and emotional energy. Through my music I express stories, pictures or colors.

Das könnte beinahe ein Text über Musik aus der Romantik sein und so "verträumt" sehe ich auch die Musik ;)

mfG Ginsi
 
kathi schrieb:
...ehrlich nicht?

na ja, mit manchen meiner "eigenkreationen" hab´ich dennoch immer wieder heftig zu "kämpfen" ;)
du nicht?

Hallo Kathi,

sicherlich gibt es Gegebenheiten, die mein Intellekt, oberflächlich gesehen, ablehnt, doch ist dieses tiefe Gefühl der Annahme immer da. Alles, was ist, ist gut bzw. förderlich für mich und was förderlich ist (wenn ich auch noch nicht weiß, warum), mit dem bin ich auch einverstanden.

Gruß von
Minni
 
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Bernd schrieb:
Dir mag er gefallen, Suche, mich macht er wütend.

„Such dir ein Hobby, geh auf Menschen zu und lass dich nicht hängen oder man hat nur ein Leben...“ ist nicht ganz meine Wellenlänge, falls du schon mal einen ernsteren Beitrag von mir gelesen hast. Sowas macht mich jetzt stink sauer.



Kann ich verstehen, solchen Antworten haben mich immer maßlos erschöpft, wenn ich die Bodenhaftung verloren hatte.



Mir gibt mein Mann Halt bzw. das Zusammenleben mit ihm. Sicher, es strengt an, als Einzelgänger mit einem Menschen zusammen zu leben und zu arbeiten - aber es schafft sozusagen ein "Gerüst", das einem in Zeiten, in denen man nicht mehr "zu können" glaubt, einfach weiterwurschtelt.

Ansonsten: im freien Fall, wenn ich mir wünschte, aufzuhören und nie gewesen zu sein, half mir mein Verstand weiter. Der fragte: "Willst du leben oder tot sein? Wenn du nicht leben willst, mach dich tot. Wenn du das nicht schaffst, dann halt die Klappe und lauf weiter."

Unromantische Methode, aber ziemlich effektiv.
 
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