eric_flausen
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Begehren
Sein Gesicht war mit 46 Jahren faltenlos, weil es nie einen Ausdruck zeigte. Leonard war eine lebendige Mumie: nach einer schweren Gehirnerzündung kurz nach seinem Studium war Leonard zu kaum mehr einer Bewegung fähig. Seine Glieder waren im Laufe der Jahre steif geworden, auch hatte er seine Stimme verloren. Die einzige Freude die blieb, war das Lesen, während ein Pfleger die Seiten umblätterte.
Sein Arzt experimentierte Anfang 1969 mit einem neuen Medikament, das dem natürlichen Botenstoff Dopamin ähnelt. Die Wirkung war so durchschlagend, dass Leonard schon nach zwei Wochen wieder laufen konnte. Leonard war berauscht von dieser Welt und war voller Energie. Er konnte wieder Auto fahren und stürzte sich ins Nachtleben seiner Heimatstadt New York. Er fühlte sich gut, so gut.
Aber Leonards Ekstase dauerte nur ein paar Wochen. Zuerst begann seine Freude in schmerzliche Sehnsucht umzuschlagen, dann in Gier. Mehr und mehr war er besessen von unstillbaren Wünschen nach Macht und Sexualität. Er begann sogar die Nachtschwestern zu belästigen. „Ich bin geladen und überladen“, erklärte er. Seine Verfassung steigerte sich zur Raserei und er sah sich von Dämonen bedrängt. Er glaubte, dass er von einem Netz von Fangseilen umgeben war, die ihn erdrosseln sollten.
Alls er sich in seinem Wahn mit einem Kissen ersticken wollte, wurde das Dopamin-Medikament abgesetzt. Nach ein paar Tagen versteinerte Leonard wieder. In diesem Zustand starb er 1981, nachdem weitere Behandlungsversuche immer wieder denselben Irrsinn ausgelöst hatten.
Aber ohne ungewöhnliche Mengen an Dopamin (ob natürlich oder krankhaft oder durch Drogen ausgelöst) wären viele Kunstwerke niemals entstanden. Jean-Paul Sartre schrieb seine letzten Bücher in einem künstlichen Schaffensrausch. Weil der französische Philosoph im Alter zunehmend sein Augenlicht verlor und den Wettlauf gegen seine Blindheit gewinnen wollte, schluckte er Amphetamine, Drogen, die den Dopamin-Spiegel heben.
Ein Zuviel an Dopamin kann Menschen ins Schattenreich der Phantasie führen: Wahnideen, man ahnt Bedeutungen, wo es in Wirklichkeit gar nichts gibt. Schwächer ausgeprägt aber beflügeln solche Regungen die Kreativität.
Der Stoff, der uns antreibt
Das Gehirn schüttet Dopamin immer dann aus, wenn wir etwas oder jemanden begehren. Dopamin ist der Stoff des Wollens, der Stoff für Aufmerksamkeit, Neugierde, Lernvermögen, Kreativität, Vorfreude und Lust auf Sex. Dabei sorgt diese erstaunliche Substanz nicht nur für Erregung, sondern setzt auch die nötigen Systeme in Gang, um unsere Ziele zu erreichen, so dass wir motiviert, optimistisch und voller Selbstvertrauen sind. Dopamin stellt das Gehirn darauf ein, dass dem Entschluß Taten folgen – ohne Dopamin gehorchen unsere Muskeln dem Willen nicht. Es gibt kaum eine Situation, in der diese Substanz keine Rolle spielt. Im Supermarkt liegt frisches Obst, auf das wir gerade Lust haben – Dopamin wird frei. Unter dem Einfluß von Dopamin gibt das Gehirn den Befehl an die Muskeln, den Arm auszustrecken und nach den Äpfeln zu greifen.
Dopamin-Mangel lässt Menschen antriebslos werden, im äußersten Fall wie bei Leonard fast bis zur Leichenstarre. Überdosiert führt das Verlangen zur Besessenheit, Zielstrebigkeit zum Machtrausch, Selbstvertrauen zum Größenwahn und der Einfallsreichtum zum Irrsinn. Auch die guten Gefühle haben also ihre dunklen Seiten. Leonards Tragödie war, dass die Ärzte die Medikamente noch nicht richtig dosieren konnten. Das Medikament löste bei ihm die Mechanismen aus, die jeden Menschen durch sein Leben steuern. Übersteigert bis ins Groteske führt Leonards Schicksal vor Augen, wie Dopamin in uns allen wirkt. Dopamin fördert die Entstehung neuer Verknüpfungen im Gehirn: Es beeinflusst die Weise, wie die genetische Information in den Nervenzellen verarbeitet wird, und regt dadurch die Neuronen an, sich neu zu formieren.
Lob auf Vorfreude
Wissenschaftler wollten herausfinden, wie Dopamin Bewegungen beeinflusst, um Menschen zu helfen, die an der Parkinson-Krankheit leiden (bei Parkinson-Patienten ist der Dopamin-Haushalt gestört). Aber bei den Untersuchungen an Affen geschah nicht das Erwartete: Bei Bewegungen wurden nicht wie erwartet die Dopamin-Neuronen aktiv. Das Experiment war enttäuschend und wurde abgebrochen. Als Belohnung für den Test hat dann ein Mitarbeiter den Affen ein paar Apfelschnitze in den Käfig gereicht. „Und pötzlich gingen die Neuronen los wie verrückt, wir konnten es gar nicht glauben“, erzählte der Wissenschaftler. Die Forscher hatten per Zufall entdeckt, dass es einen Schaltkreis im Hirn für überraschende Ereignisse gibt. Ein System, dass beim Menschen die Spannung der Vorfreude auslöst.
Die Zellen sprangen tatsächlich nur an, wenn eine Belohnung in Aussicht stand. Man spricht deshalb von einem Belohnungssystem bzw. Erwartungssystem, das wir in uns haben. Es war also nicht der Apfelschnitz selbst, sondern die Erwartung, die Vorfreude. In der Erwartung liegt die größte Lust.
Lust macht schlau
Interessant ist nun, dass dieses Experiment mit den Affen und den Apfelschnitzen nicht beliebig wiederholbar ist. Die Tiere hatten sich an das bessere Futter gewöhnt, es war keine Überraschung mehr und deshalb gab es im Hirn auch kein Übermaß an Dopamin mehr. Gab man nun den Tieren, so wie vorher, keine Apfelschnitze mehr, zeigten sie Zeichen von Depressionen, es ging ihnen schlechter als ursprünglich. Aber nach einer Weile war das alles vergessen und es ging ihnen wieder ganz normal, so wie vorher. Der Dopamin-Haushalt war wieder ausgeglichen, als ob es nie Apfelschnitze gegeben hätte.
Begehren und Begreifen hängen also sehr eng zusammen. Lust macht klug und ohne Lust, ist schwer zu lernen. Etwas Neues machen und lernen regt an und setzt Mechanismen in Gang, um uns gut zu fühlen. Besseres zu wollen gehört zu den ältesten Prinzipien in der Natur. Das Bessere regelmäßig genossen, ist nichts Besonderes mehr und gibt uns kein besonderes Gefühl mehr. Sich jeden Abend einen Champagner zu leisten, wird schnell langweilig.
Der Drang nach mehr
Tief im Gehirn arbeitet also ein Detektor für Neues und Besseres. Dieser Mechanismus ist nun viel älter und mächtiger als die menschliche Vernunft und kann uns tückischerweise auch wider alle Vernunft handeln lassen. Wir sind programmiert, immer das Beste zu wollen. Doch wenn wir es haben, gewöhnen wir uns schnell daran.
Wir lassen uns zu Gefühlsausbrüchen bei einem Spiel hinreißen, obwohl es doch um gar nichts geht. Offenbar fragt der Mechanismus nicht, wie nützlich etwas ist, er will einfach nur haben, wo immer es etwas gibt. Gute Gefühle auf Dauer sind dabei gar nicht das Ziel: Wichtig allein ist nur, dass das, was in Aussicht steht, das Gewohnte auf irgendeine Weise übertrifft.
Fußnote
Im nächsten Kapitel geht es um das Thema „Genuss“.
Literatur: „Die Glücksformel“ von Stefan Klein mit den aktuellen Erkenntnissen aus den Wissenschaftslabors dieser Welt. Stefan Klein studierte Physik und Philosophie und promovierte über Biophysik. 1998 erhielt er den Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus
Sein Gesicht war mit 46 Jahren faltenlos, weil es nie einen Ausdruck zeigte. Leonard war eine lebendige Mumie: nach einer schweren Gehirnerzündung kurz nach seinem Studium war Leonard zu kaum mehr einer Bewegung fähig. Seine Glieder waren im Laufe der Jahre steif geworden, auch hatte er seine Stimme verloren. Die einzige Freude die blieb, war das Lesen, während ein Pfleger die Seiten umblätterte.
Sein Arzt experimentierte Anfang 1969 mit einem neuen Medikament, das dem natürlichen Botenstoff Dopamin ähnelt. Die Wirkung war so durchschlagend, dass Leonard schon nach zwei Wochen wieder laufen konnte. Leonard war berauscht von dieser Welt und war voller Energie. Er konnte wieder Auto fahren und stürzte sich ins Nachtleben seiner Heimatstadt New York. Er fühlte sich gut, so gut.
Aber Leonards Ekstase dauerte nur ein paar Wochen. Zuerst begann seine Freude in schmerzliche Sehnsucht umzuschlagen, dann in Gier. Mehr und mehr war er besessen von unstillbaren Wünschen nach Macht und Sexualität. Er begann sogar die Nachtschwestern zu belästigen. „Ich bin geladen und überladen“, erklärte er. Seine Verfassung steigerte sich zur Raserei und er sah sich von Dämonen bedrängt. Er glaubte, dass er von einem Netz von Fangseilen umgeben war, die ihn erdrosseln sollten.
Alls er sich in seinem Wahn mit einem Kissen ersticken wollte, wurde das Dopamin-Medikament abgesetzt. Nach ein paar Tagen versteinerte Leonard wieder. In diesem Zustand starb er 1981, nachdem weitere Behandlungsversuche immer wieder denselben Irrsinn ausgelöst hatten.
Aber ohne ungewöhnliche Mengen an Dopamin (ob natürlich oder krankhaft oder durch Drogen ausgelöst) wären viele Kunstwerke niemals entstanden. Jean-Paul Sartre schrieb seine letzten Bücher in einem künstlichen Schaffensrausch. Weil der französische Philosoph im Alter zunehmend sein Augenlicht verlor und den Wettlauf gegen seine Blindheit gewinnen wollte, schluckte er Amphetamine, Drogen, die den Dopamin-Spiegel heben.
Ein Zuviel an Dopamin kann Menschen ins Schattenreich der Phantasie führen: Wahnideen, man ahnt Bedeutungen, wo es in Wirklichkeit gar nichts gibt. Schwächer ausgeprägt aber beflügeln solche Regungen die Kreativität.
Der Stoff, der uns antreibt
Das Gehirn schüttet Dopamin immer dann aus, wenn wir etwas oder jemanden begehren. Dopamin ist der Stoff des Wollens, der Stoff für Aufmerksamkeit, Neugierde, Lernvermögen, Kreativität, Vorfreude und Lust auf Sex. Dabei sorgt diese erstaunliche Substanz nicht nur für Erregung, sondern setzt auch die nötigen Systeme in Gang, um unsere Ziele zu erreichen, so dass wir motiviert, optimistisch und voller Selbstvertrauen sind. Dopamin stellt das Gehirn darauf ein, dass dem Entschluß Taten folgen – ohne Dopamin gehorchen unsere Muskeln dem Willen nicht. Es gibt kaum eine Situation, in der diese Substanz keine Rolle spielt. Im Supermarkt liegt frisches Obst, auf das wir gerade Lust haben – Dopamin wird frei. Unter dem Einfluß von Dopamin gibt das Gehirn den Befehl an die Muskeln, den Arm auszustrecken und nach den Äpfeln zu greifen.
Dopamin-Mangel lässt Menschen antriebslos werden, im äußersten Fall wie bei Leonard fast bis zur Leichenstarre. Überdosiert führt das Verlangen zur Besessenheit, Zielstrebigkeit zum Machtrausch, Selbstvertrauen zum Größenwahn und der Einfallsreichtum zum Irrsinn. Auch die guten Gefühle haben also ihre dunklen Seiten. Leonards Tragödie war, dass die Ärzte die Medikamente noch nicht richtig dosieren konnten. Das Medikament löste bei ihm die Mechanismen aus, die jeden Menschen durch sein Leben steuern. Übersteigert bis ins Groteske führt Leonards Schicksal vor Augen, wie Dopamin in uns allen wirkt. Dopamin fördert die Entstehung neuer Verknüpfungen im Gehirn: Es beeinflusst die Weise, wie die genetische Information in den Nervenzellen verarbeitet wird, und regt dadurch die Neuronen an, sich neu zu formieren.
Lob auf Vorfreude
Wissenschaftler wollten herausfinden, wie Dopamin Bewegungen beeinflusst, um Menschen zu helfen, die an der Parkinson-Krankheit leiden (bei Parkinson-Patienten ist der Dopamin-Haushalt gestört). Aber bei den Untersuchungen an Affen geschah nicht das Erwartete: Bei Bewegungen wurden nicht wie erwartet die Dopamin-Neuronen aktiv. Das Experiment war enttäuschend und wurde abgebrochen. Als Belohnung für den Test hat dann ein Mitarbeiter den Affen ein paar Apfelschnitze in den Käfig gereicht. „Und pötzlich gingen die Neuronen los wie verrückt, wir konnten es gar nicht glauben“, erzählte der Wissenschaftler. Die Forscher hatten per Zufall entdeckt, dass es einen Schaltkreis im Hirn für überraschende Ereignisse gibt. Ein System, dass beim Menschen die Spannung der Vorfreude auslöst.
Die Zellen sprangen tatsächlich nur an, wenn eine Belohnung in Aussicht stand. Man spricht deshalb von einem Belohnungssystem bzw. Erwartungssystem, das wir in uns haben. Es war also nicht der Apfelschnitz selbst, sondern die Erwartung, die Vorfreude. In der Erwartung liegt die größte Lust.
Lust macht schlau
Interessant ist nun, dass dieses Experiment mit den Affen und den Apfelschnitzen nicht beliebig wiederholbar ist. Die Tiere hatten sich an das bessere Futter gewöhnt, es war keine Überraschung mehr und deshalb gab es im Hirn auch kein Übermaß an Dopamin mehr. Gab man nun den Tieren, so wie vorher, keine Apfelschnitze mehr, zeigten sie Zeichen von Depressionen, es ging ihnen schlechter als ursprünglich. Aber nach einer Weile war das alles vergessen und es ging ihnen wieder ganz normal, so wie vorher. Der Dopamin-Haushalt war wieder ausgeglichen, als ob es nie Apfelschnitze gegeben hätte.
Begehren und Begreifen hängen also sehr eng zusammen. Lust macht klug und ohne Lust, ist schwer zu lernen. Etwas Neues machen und lernen regt an und setzt Mechanismen in Gang, um uns gut zu fühlen. Besseres zu wollen gehört zu den ältesten Prinzipien in der Natur. Das Bessere regelmäßig genossen, ist nichts Besonderes mehr und gibt uns kein besonderes Gefühl mehr. Sich jeden Abend einen Champagner zu leisten, wird schnell langweilig.
Der Drang nach mehr
Tief im Gehirn arbeitet also ein Detektor für Neues und Besseres. Dieser Mechanismus ist nun viel älter und mächtiger als die menschliche Vernunft und kann uns tückischerweise auch wider alle Vernunft handeln lassen. Wir sind programmiert, immer das Beste zu wollen. Doch wenn wir es haben, gewöhnen wir uns schnell daran.
Wir lassen uns zu Gefühlsausbrüchen bei einem Spiel hinreißen, obwohl es doch um gar nichts geht. Offenbar fragt der Mechanismus nicht, wie nützlich etwas ist, er will einfach nur haben, wo immer es etwas gibt. Gute Gefühle auf Dauer sind dabei gar nicht das Ziel: Wichtig allein ist nur, dass das, was in Aussicht steht, das Gewohnte auf irgendeine Weise übertrifft.
Fußnote
Im nächsten Kapitel geht es um das Thema „Genuss“.
Literatur: „Die Glücksformel“ von Stefan Klein mit den aktuellen Erkenntnissen aus den Wissenschaftslabors dieser Welt. Stefan Klein studierte Physik und Philosophie und promovierte über Biophysik. 1998 erhielt er den Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus