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Menschlichkeit oder "Der Tod des Menschen"

Patrice

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Registriert
29. Oktober 2005
Beiträge
149
Guten Tag!

Durch die moderne Relatitvierung des religiösen (metaphysischen) Menschenbildes bestärkt, hat der Franzose Michel Foucault das Ende - den Tod - des Menschen vorhergesagt. In seinem Buch "Die Ordnung der Dinge" schrieb Foucault, dass der Mensch eine historische "Erfindung" sei. Mit dem Ende des Humanismus werde auch der Mensch verschwinden "wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand".

Dazu:

1. Menschlichkeit

Menschlichkeit wird als eine positive Einstellung anderen Menschen gegenüber verstanden. Sie ist vor allem gekennzeichnet durch Verständnis, Einfühlungsvermögen, Rücksicht und Hilfsbereitschaft verbunden mit einem tiefen Respekt und der Verpflichtung gegenüber der Würde des Mitmenschen.

2. Humanismus

Humanismus ist eine Philosophie und eine Weltanschauung, die sich an den Interessen, den Werten und der Würde insbesondere des individuellen Menschen orientiert.Toleranz zwischen Menschen, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit gelten darin als wichtige Prinzipien menschlichen Zusammenlebens.
Quelle: Wikipedia

Seit dem Rückgang der Religiosität der Menschen - Seit Säkularisierung und Laizismus den westlichen Menschen prägen - betont selbst der einst marxistische Philosoph Jürgen Habermas die Notwendigkeit der Ernstnahme der Religion als Impuls der Moral.
"Die gegenseitige Durchdringung von Christentum und griechischer Metaphysik [... habe] eine Hellenisierung des Christentums hervorgebracht." Das Christentum wiederum habe die moderne Zeit durch "Übersetzungen" geprägt. Ein Beispiel: "Die Übersetzung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen in die gleiche und unbedingt zu achtende Würde aller Menschen ist eine solche rettende Übersetzung."

Man lese und staune: Rettung! Wovor?

Vor einem bestialischen Menschen ohne Moral. Einem Menschen der mit der Verbannung seines Planeten in eine Ecke des Universums den göttlichen Thron selbst eingenommen hat. Seit dem wird der Humanismus in Forschungslaboratorien in seine Schranken gewiesen: Neurologen behaupten der Mensch hätte kein Ich geschweige denn Freiheit und die Religiosität sei ein Produkt der äußeren Gehirnklappen.

Wieviel Mensch ist in uns? Was ist Menschlichkeit? Ist der Mensch wirklich nur ein Konstrukt, das, "was die abendländische Kultur aus dem biologischen Wesen Homo sapiens sapiens L. gemacht hat, indem sie ihm ein Bild und Selbstbild zuwachsen ließ. Das Ich, die autonome Vernunft, die Freiheit des Handelns, die Würde" alles im wahrsten Sinne des Wortes nur Hirngespenste?

Habermas bekundet deshalb, das Verhältnis von Glauben und Wissen noch einmal selbstkritisch zu überdenken. Zu Reaktionär? Zu Konservativ? Was meint ihr?
Ist der Mensch mittlerweile nur noch ein biologischer Prozess? Wird es den moralischen Menschen nicht mehr geben? Sind "Wahnsinn, Unmoral und Inhumanität" in Zukunft an der Tagesordnung?

Mfg Patrice

PS: Alle Zitat sind von einem Bogen aus dem Philosophieunterricht und http://www.diepresse.com/textversion_article.aspx?id=417981 !!!
 
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Patrice, bitte definiere Mensch.

Von Hermann Hesse, Demian

„Sie werden doch wohl nicht alle die Zweibeiner, die da auf der Straße laufen, für Menschen halten, bloß weil sie aufrecht gehen und ihre Jungen neun Monate tragen? Sie sehen doch, wie viele von ihnen Fische oder Schafe, Würmer und Egel sind, wie viele Ameisen, wie viele Bienen! Nun, in jedem von ihnen sind die Möglichkeiten zum Menschen da, aber erst, indem er sie ahnt, indem er sie teilweise sogar bewusst machen lernt, gehören diese Möglichkeiten ihm“.

Theorien scheitern, da diese fälschlicherweise davon ausgehen, dass alle Menschen gleich sind und sie verwechseln dies mit der Idee der Gleichheit vor dem Gesetz.

Manche werden aussterben, andere nicht.
 
Seit Säkularisierung und Laizismus den westlichen Menschen prägen - betont selbst der einst marxistische Philosoph Jürgen Habermas die Notwendigkeit der Ernstnahme der Religion als Impuls der Moral.

Hallo Patrice.

Das Thema ist unerschöpflich. Das „Hirngespinst“ des Ichs, wie du es bezeichnest, ist das, was uns so viele Sorgen macht, was uns aber auch vom tierischen abhebt, und zum menschlichen macht, vielleicht noch weiter.

Ich meine, dass man das ICH nicht verteufeln sollte, wie der Osten und nicht glorifizieren und perfektionieren, wie der Westen, sondern ich meine, dass dieses fiktivum soweit verändert und gesundgeschrumpft werden kann, dass das Mitfühlende wieder deutlicher wird und vom tierischen Teil in uns die Grundlage aller Menschlichkeit bilden kann. Das Mitfühlende ist nach meiner Auffassung fest verankert im Fühlenden. Also wenn ich meinen Körper wirklich ohne sämtliche Filter des ICH´s spüren kann, nehme ich mich in einer Weise wahr, die es mir unmöglich macht, Handlungen zu begehen, die außerhalb sog. Moralischer Grundsätze liegt. Ich werde dir nichts tun, auch wenn ich von deiner Moral nichts weiß. Ich meine, dass ein Mensch, dessen ICH sich auf die Wahrnehmung (i.W.S.) und den Geist als Helfer beschränkt, ein Wesen ist, was automatisch menschlich handelt. Den Beweis kann ich dafür nicht liefern und wie genau ein ICH verändert werden oder entmachtet werden kann, das ist wohl eine Lebensaufgabe für jeden, sofern er diesen Weg gehen will.

Der Mensch, der dann entsteht, ist einer, der fest mit dem Tierischen verbunden ist und keinerlei Moral oder Gesetze oder Gesellschaft benötigt. Er währe ein Tier mit einem Computer. Wir Menschen sind m.E. Computer mit Beinen. Ich vertraue dem Tier, nicht dem Computer. (Das Tier geht unvoreingenommen und vielleicht fasziniert auf die Umwelt zu, der Verstand (Computer) reproduziert immer wieder altes mit neuem Namen. ) Vermutlich geht der so veränderte Mensch automatisch in dieses Stadium, was wir „göttlich“ nennen über. („Über-gehender-Mensch“) Es ist nichts weiter als ein weiterer Schritt der Natur. Die Glorifizierung des ICHs scheint gerade zu scheitern, die Verteufelung des ICH´s hat die Menschen scheinbar behindert, da sie auf diese Weise den Geist nicht genügend für sich selbst (!) nutzen können. Das Tier sucht Futter für sich und seine nächsten...der Verstand kann dich dein Leben lang für einen Guru, einen Ismus, eine Religion einen Lebenstraum oder Geld versklaven...und du meinst, das "währest du". Im Osten ist man nicht in der Lage den Hunger zu stillen und die schweren Lebensbedingungen zu erleichtern oder sich aus dem Joch der starken ICH´s, der Priester, Sklavenhalter oder Politiker zu befreien.

Möglich deshalb, dass der Mensch nicht „untergeht“, wenn er sich weiter selbst erkennt und das ICH als Führer entmachtet, es aber nicht verteufelt. Es muss eine Zwischenlösung geben. Und ich meine, dass sie kommen wird. Ich beteilige mich jedenfalls auf meine Weise daran.

Religion scheint dabei eine Rolle zu spielen, aber für mich ist Religion ein Daseinsgefühl, abseits von Dogmen. Das Daseinsgefühl und damit die Unschuld eines Kleinkindes, mit den Gehirn (nicht Verstand!) eines sorgsamen, liebevollen aber nachgiebigen Erwachsenen.

Viele Grüße
Bernd

PS: Unmoralität und Unmenschlichkeit kommt m.E. dadurch, dass das ICH seine Macht nicht aufgeben will. Etwas fiktives klammert sich fest...so entstehen m.E. auch die restriktiven Methoden, mittels Gesetzen, Moral oder Religion ein bisschen was zu retten. Zu retten, indem man beherrscht. Das Tier. Dort steckt der eigentliche „Wille“. Aber die Macht und der Wille machen nicht zufrieden. Hitler ist nicht der eizige (wenigstens authentische) Irre, der das hier komplett andersherum verstehen würde.

Aber bitte nicht bange machen lassen. Du existierst schon, und die Welt um dich herum auch. Das zu leugnen, währe m.E. Wahnsinn. Aber einem fiktivum, dem ICH sklavisch nachzurennen, ist m.E. ebenfalls Wahnsinn. Wahnsinn, den man überall sieht.
 
Guten Morgen,

Louiz, nicht der Mensch als Lebewesen, sondern der moralische Mensch, so wie wir ihn kennen, wird aussterben, in naher Zukunft nicht mehr existieren. Deshalb die Definition der Menschlichkeit:
Menschlichkeit wird als eine positive Einstellung anderen Menschen gegenüber verstanden. Sie ist vor allem gekennzeichnet durch Verständnis, Einfühlungsvermögen, Rücksicht und Hilfsbereitschaft verbunden mit einem tiefen Respekt und der Verpflichtung gegenüber der Würde des Mitmenschen.
Diese positivie Einstellung wurde dem abendländischen Menschen durch das Christentum und dessen Idee der Gottesebenbildlichkeit erst beigebracht.
Nun spricht man auch von der Loslösung einst christlicher Werte von der Religion (vgl. Habermas). Aus der Verantwortung vor Gott wurde die Verantwortung vor dem Menschen, aus der Gottesebenbildlichkeit wurde die Würde... Schuld an dem möglichen Untergang der Menschlichkeit ist nicht die Areligiosität der Menschen, sondern das Unvermögen vieler Menschen diese Normen zu verstehen.
Das ist doch nicht nachvollziehbar: Wieso entwickelt sich der Mensch (die Gesellschaft) nicht weiter, wieso wird er (sie) nicht besser?

Ich halte mal fest: Die einst religiösen Moralvorstellungen werden von der Religion losgelöst und damit nicht nur den Anhängern dieser Religion, sondern allen Menschen zugänglich gemacht. D.h. dem Menschen bietet sich die Möglichkeit aus den verschiedensten Werteorientierungen (Christentum, Islam, Buddhismus, Atheismus...) die wirklich vernünftigsten Vorstellungen loszulösen und eine "Perfekte Menschheit" zu schaffen. (Haben Focault und Habermas diese Möglichkeit nicht in betracht gezogen? Und warum gibt ihnen die Zeit, trotz dieser Möglichkeit, dennoch recht, d.h. wieso nutzt der Mensch diese Chance nicht?)

Manche werden aussterben, andere nicht.

Muss das denn sein? Meinst du biologisch bedingt (Behinderte, Kranke, Alte...) oder den menschlichen Menschen? Haben wir nicht versagt, wenn wir zugeben müssen das Leben nicht lebenswerter, den Menschen nicht menschlicher gemacht zu haben? Und wieso nimmst du das so hin?

Grüße von Patrice :)
 
Menschlichkeit ... tiefen Respekt und der Verpflichtung gegenüber der Würde des Mitmenschen.
Diese positivie Einstellung wurde dem abendländischen Menschen durch das Christentum und dessen Idee der Gottesebenbildlichkeit erst beigebracht.

Die einst religiösen Moralvorstellungen werden von der Religion losgelöst und damit nicht nur den Anhängern dieser Religion, sondern allen Menschen zugänglich gemacht.

:confused: Oh. Hätt ich das gewusst, na nun hab ich es einmal geschrieben, nun lass ich es auch stehn.

Viele Grüße
Bernd
 
wieviel Kränkungen der Menschen gab es?

erst stand die Erde nicht mehr im Zentrum
dann stammte der Mensch vom Affen ab
dann regierte ihn sein Unterbewusstsein

dann kam Prof. Dr. Gerhard Vollmer

Die vierte bis siebte Kränkung des Menschen

Gehirn, Evolution und Menschenbild

aus: Aufklärung und Kritik 1/1994 (S. 81 ff.)

zu finden hier

nicht der Mensch als Lebewesen, sondern der moralische Mensch, so wie wir ihn kennen, wird aussterben, in naher Zukunft nicht mehr existieren.

der 'moralische Mensch' wird sicher nicht aussterben,
da Menschen nicht alleine,
sondern in Gemeinschaften und Gesellschaften leben
 
Patrice, mein Beitrag sollte zur Überlegung beitragen, dass nicht alle Zweibeiner auch die Menschlichkeit von Geburt an mitbekommen, sondern das Mensch-Werden ein Prozess ist, der von jedem Einzelnen aktiv bestritten werden muss. Das hat nun mit Alten und Behinderten nichts zu tun, aber wohl mit Oberflächlichkeit, Ignoranz und Dummheit.

Meinst du denn, dass das Leben im Mittelalter oder bei den Neandertalern lebenswerter war? Hat sich wirklich nichts verbessert?

Man muss natürlich sehen, dass sich inzwischen die Weltbevölkerung auch mehrfach multipliziert hat und zudem heute auch die Nachrichten den Eindruck verstärken, dass es da nur schlechtes und übles auf dieser Welt gäbe. Zudem spielt auch hier die Arroganz mit, dass der europäische Lebensstil das einzig Wahre ist und sozusagen eine conditio sine qua non, ohne die kein Mensch zufrieden sein kann.

Nun, die Aborigines in Australien sehen das anders und so tun es viele Länder dieser Erde, die euer Leben als inhaltslos und von der Natur losgelöst betrachten. Ist Wohlstand der Gradmesser oder sind es soziale Bindungen der Menschen in ihrer jeweiligen Gemeinschaft?

Wenn mich Europäer hier in Bangkok besuchen, dann wird alles mit Europa verglichen und die Besucher sind oft wegen der Armut mancher Menschen verstört. Doch hier schickt man seine Oma nicht ins Altersheim, sondern sie bleibt im Haus mit der Familie und wird auch finanziell unterstützt, betreut und vor allem geschätzt. Hier gilt der Rat des alten Menschen noch viel und der Respekt ist ihnen sicher. Ist das Lebensqualität?

Ich habe die halbe Welt bereist und es ist mein Eindruck, dass es kaum eine Gesellschaft gibt, die so kühl, gefühllos und distanziert ist, wie die deutsche Gesellschaft. Da ich Deutscher bin macht dies besonders nachdenklich, denn all der Reichtum hat nicht dazu geführt, so viel Freude und Wärme zu erfahren, wie dies in vielen anderen Ländern der Erde ganz einfach möglich ist.

Denk mal darüber nach.
 
Guten Abend!

Patrice, mein Beitrag sollte zur Überlegung beitragen, dass nicht alle Zweibeiner auch die Menschlichkeit von Geburt an mitbekommen, sondern das Mensch-Werden ein Prozess ist, der von jedem Einzelnen aktiv bestritten werden muss.

Der Aspekt, dass die Menschen mit unterschiedlichem Potenzial geboren werden, sich selber erst zum wirklichen Menschen entwickeln müssen, leuchtet mir ein. Aber: Soll das heißen der Mensch sei nicht gleich viel wert?

In der christlichen Religion wird die Nächstenliebe ausgelebt; die Würde gilt allen Menschen: Was wenn es das Christentum nicht mehr geben wird? Werden wir uns gegenseitig die Köpfe einschlagen, nach dem Motto: Du bist weniger wert als ich, weil du schwächer bist, weil wir nicht gleich sind?

Natürlich, louiz, hat sich die Lebensqualität verbessert; alleine die Technisierung ermöglicht Reichtum nie gekannten Ausmaßes. Ich spreche vom moralischen Reichtum; moralischer Entwicklung. Schlagen viele Menschen sich nicht genauso wie vor 10 000 Jahren immernoch gegenseitig die Köpfe ein?

Ich denke, es sind nicht einzig die Aborigines, die das europäische Leben als inhaltlos wahrnehmen. Der Prozess des inneren Umdenkens hat in Europa vielerorts begonnen: Es wird nach einem Sinn - einem Inhalt - gesucht. Christentum, Islam, Buddhismus: Zumindest einige Europäer wollen ihr Leben sinnvoll gestalten. Obwohl das natürlich auch außerhalb der Religion zu verwirklichen ist.

Ist Wohlstand der Gradmesser oder sind es soziale Bindungen der Menschen in ihrer jeweiligen Gemeinschaft?

Ein Umdenken vieler Europäer ist notwendig: Reichtum kann nicht mehr als eine möglichst Große Ansammlung von Waren und Kapital verstanden werden, sondern als ein Zustand größtmöglicher Zufriedenheit, in dem der Mensch die Zeit die ihm gegeben ist möglichst sinnvoll nutzt. Bis viele Menschen diese Art des Sehensverstehen werden ist es ein langer Weg. Es sind Egoismus und Kapital welche solch eine Gesellschaft ermöglicht haben: Wie sähe es in den von dir beschriebenen Orten aus, existierte dort der hierzulande gängige Reichtum, der Neider erzeugt? Womöglich zwingt die ungewisse Situation Deutschlands (höhere Arbeitslosigkeit; mehr Hartz IV Empfänger; 'ärmere' Bewohner) viele Menschen zum umdenken.

Ist das Lebensqualität?

Lebensqualität meint meines Erachtens die Wahrnehmung der individuellen Lebenssituation: Der eine braucht weniger, der Andere mehr. Welche Ziele verfolgt das Individuum; welch ein Wertesystem hat es verinnerlicht? Der Buddhist strebt nach Erleuchtung, der Durchschnittseuropäer nach Reichtum ersterer Definition. Erleuchtung kann dir niemand nehmen, Reichtum vergeht in den meisten Fällen, das Individuum kann sich nicht mehr mit seinem Eigentum identifizieren, will sowieso immer mehr Reichtum, wird unglücklich, letztendlich depressiv.

Vor einiger Zeit schrieb ich: Der abendländische Mensch sieht die Wirklichkeit aus der Perspektive dessen was er erhofft, was er befürchtet, was er erwünscht, aus der Perspektive von Vorstellungen und Neigungen, und vor allem aus der Perspektive dessen wie er etwas bewertet, ob er etwas mag, oder ob er es nicht mag: So sieht der Mensch die Wirklichkeit verzerrt durch sein Ego. Sein Denken ist dual. Die Dualität, ein Phänomen des Abendlandes, alle Dinge des Seins in angenehm und unangenehm einzuordnen, nach den Kriterien gut und schlecht zu bewerten.

Warum ist deiner Meinung nach der Europäer so unglücklich?

Mfg Patrice :)
 
Patrice, wir reden in manchen Punkten aneinander vorbei.

Gleichheit

Ich hatte in meinem vorangegangenen Beitrag gesagt: „Theorien scheitern, da diese fälschlicherweise davon ausgehen, dass alle Menschen gleich sind und sie verwechseln dies mit der Idee der Gleichheit vor dem Gesetz.“

Wir müssen uns immer wieder klar machen, dass die sehr verklärte Aussage „Alle Menschen sind gleich“ eben genau diese verschiedenen Aspekte der Interpretation in sich trägt. Einmal die Gleichheit als solche, also die Annahme, dass wir in unseren Qualitäten und Eigenschaften gleich sind und andererseits, dass wir gleiche Rechte und eine gleiche Wertigkeit besitzen.

So bejahe ich die Wertigkeit, lehne es aber ab, die Menschen ansonsten in einen Topf zu werfen und eine Gleichheit ihres Wesens anzunehmen. Diese Differenzierung führt dann eben auch dazu, dass es unterschiedliche Lebensformen und Werte gibt, welche die Menschen im konkreten Fall bestimmen und lenken. So ist das Wertesystem eben nie das gleiche und somit kann man auch nie für alle Menschen oder die Menschheit sprechen. Genau aus diesem Grunde haben wir die Religionsfreiheit und die Freiheit unser Leben nach unserem Gutdünken zu leben.

Das Ziel eines besseren Lebens bedeutet in seiner Konsequenz daher für Menschen immer wieder etwas anderes und dies nicht nur aus kulturellen oder religiösen Gründen, sondern aus ganz individuellen Gründen. Somit ist auch ein Moslem nicht wie ein anderer und nicht jeder Europäer das Gleiche.

Was alle verbindet ist nur das Streben nach Glück und Zufriedenheit. Doch die Wege dorthin sind außerordentlich unterschiedlich und das muss bei einer solchen Diskussion immer berücksichtigt werden.

Inhalt

Was ein Individuum nun als lebenswert und als ein gutes Leben ansieht ist absolut unterschiedlich. So wirst du kaum Gemeinsamkeiten zwischen einem indischen Guru und einem Manager an der Wall Street finden. Und auch innerhalb eines Landes wie Deutschland wirst du heftige Diskussionen entfachen, wenn es um den Weg zum Glück geht. Doch genau mit diesem Weg ist auch die Frage der Inhaltslosigkeit verbunden. Strebe ich nach materiellen Werten, nach Anerkennung und Ruhm oder suche ich meine Erfüllung in anderen Werten wie Menschlichkeit, Erleuchtung, der Natur oder der Liebe. Je nach Inhalt, werden sich auch andere Verhaltensformen ergeben und darin unterscheiden wir uns dramatisch.

Unzufriedenheit

Ich kann nun nicht behaupten, dass der durchschnittliche Europäer unzufriedener ist. Ich kann aber meinen Eindruck hernehmen und zum Beispiel sehen, wie sich Menschen in ihrem Leben verhalten, wie sie mit Problemen umgehen und wie sie ihr gesellschaftliches Leben gestalten. Und daraus ergibt sich für mich, ganz persönlich, die Vermutung, dass es gerade in Europa und dort vor allem in Deutschland, eine Entwicklung gibt, die zu einer zunehmenden Unzufriedenheit führt. Ich persönlich sehe das Problem darin, dass die kulturellen Werte vernachlässigt werden und die Menschen sich auf den Konsum und das Haben konzentrieren und nicht, wie Fromm dies dargelegt hat, das Sein. Daraus ergibt sich eine innere Leere, die nicht durch mehr Konsum befriedigt werden kann und das Selbstwertgefühl muss künstlich aufrecht gehalten werden. Wenn ich zu Besuch in Deutschland bin, dann empfinde ich so, wie viele Besucher, dass es ein sehr hohes Level an Gejammer und Klagen gibt und dies auf einem extrem hohen Niveau. Und, anstatt sich wieder mit sich selbst zu beschäftigen und mehr Inhalt ins eigene Leben zu bringen, ruft man dann nach einer Änderung des Systems. Das ist für mich einfach der falsche Ansatz.


Die Werte und die Menschlichkeit werden daher nur bei denen überleben, die einen entsprechenden Inhalt in ihrem Leben identifiziert haben und danach leben. Menschen also, die denken, sich entwickeln und danach streben, Mensch zu werden.
 
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Guten Tag louiz!

Ein sehr schönes Schlusswort, das ich so nur unterschreiben kann. Aber eine (drei/vier) klitzekleine Fragen hätte ich da noch:

  • Ist die Religion in der Lage die 'Besonderheit' des Menschen aufrechtzuerhalten?
  • Kann Sie dem Leben des Menschen einen Inhalt geben?
  • Viel wichtiger: Ist die Religion ein Instrument der Ausgrenzung oder bietet einzig die Religion die Möglichkeit innheralb vieler Menschen durch Normen und Vorstellungen Frieden zu schaffen und den Aspekt der Würde des Menschen zuverinnerlichen? (Und wieso hat sie (das Christentum) das in 2000 Jahren bisher nicht geschafft?)

neugierige Grüße von Patrice :)
 
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