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Heideggers "Wesen"

Jovis

New Member
Registriert
19. November 2004
Beiträge
18
Guten Abend.

Weiß hier jemand ein wenig über Heidegger Bescheid?
Ich habe in letzter Zeit einiges von ihm gelesen und bin dabei wiederholt auf den Begriff des "Wesens" gestoßen. So fragt er u.a. nach dem "Wesen der Wahrheit" oder dem "Wesen der Technik".
Andererseits spricht er auch vom Ende der Metaphysik (oder will sie gar selbst überwinden? - soweit bin ich in meiner Lektüre noch nicht).
Nun frage ich mich, was Heidegger unter diesem "Wesen" versteht. Ist das nicht eigentlich ein metaphysischer Begriff? Wieso benutzt er ihn dann?
Nun sagte neulich jemand etwas in einem Vortrag, was mich neugierig machte: Heidegger benutze die "falsche Sprache" - nicht in dem Sinne, dass er sich falsch ausdrücke, sondern dass er so sehr Neues gedacht habe, dass er dafür noch keine angemessenen Ausdrücke gefunden habe. So sei "Wesen" nicht als "Wesenheit" gemeint, sondern in einem eher zeitlichen Sinne.

Kann mir jemand dazu näheres sagen?

Danke.

Jovis
 
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Hallo Jovis,

Also ich bin auch keine Heidegger Expertin, habe aber einmal eine Seminararbeit über den Humanismusbrief verfasst. Ich möchte es trotzdem versuchen eine Antwort auf deine Frage zu geben.

Ich denke nicht, dass Heidegger in seinem Begriff von "Wesen" sich von dem üblichen Verständnis weit entfernt.
Eine Wesensbestimmung zu geben ist immer Antwort auf die Was-Frage zu geben.
In der angedeuteten Seminararbeit befasste ich mich mit der Wesensbestimmung des Menschen bei Heidegger. Also war die zentrale Frage: Was ist der Mensch? Ein ähnlicher Begriff, der allerdings eine Verkürzung bleibt ist der Begriff der Definition.

Allles Liebe und weiterhin viel Freude mit Heidegger
svartifoss
 
AW: Heideggers "Wesen"

Hallo,
der Begriff "Wesen" ist bei Heidegger kein metaphysischer Begriff, weil er nicht hinter die Zeitlichkeit fragt, also bei der gewöhnlichen, wissenschaftlich erfassbaren Welt bleibt.
Das "Wesen" der Technik ist also ganz schlicht das, was Technik ausmacht, auch wenn wir von diesem Wesen ausgehend auf das Sein an sich schließen können.

mfg
Preuschoff
 
AW: Heideggers "Wesen"

der Begriff "Wesen" ist bei Heidegger kein metaphysischer Begriff, weil er nicht hinter die Zeitlichkeit fragt, also bei der gewöhnlichen, wissenschaftlich erfassbaren Welt bleibt.

Heidegger meint mit "Wesen" nicht Plantons "Idee" als etwas ewiges.

netten Gruß
Jing
 
AW: Heideggers "Wesen"

Hallo Jovis,

Weiß hier jemand ein wenig über Heidegger Bescheid?

Ein wenig schon.

Nun sagte neulich jemand etwas in einem Vortrag, was mich neugierig machte: Heidegger benutze die "falsche Sprache" - nicht in dem Sinne, dass er sich falsch ausdrücke, sondern dass er so sehr Neues gedacht habe, dass er dafür noch keine angemessenen Ausdrücke gefunden habe.

Ich würde nicht sagen, dass Heidegger die "falsche Sprache" benutzte, sondern eher, dass die Art und Weise, wie er die Sprache nutzte, ein nachhaltiges Problem darstellt.

Das Problem ist der Umstand - so meine Ansicht - dass man (bzw. ich) Heidegger gerade dort sprachlich nicht folgen kann, wo er zum eigentlichen Kern seiner Philosophie vorzudringen meint/scheint. Der ernsthaft an Denkinhalten anderer Menschen interessierte Heideggerleser (alle anderen brechen an solchen Stellen entweder ab, oder aber in schallendes Gelächter aus) wird mit einem Sprachduktus konfrontiert, der gerade in für gewöhnlich sinnlosen Satzkonstruktionen (Tautologien und Absurditäten) einen Zugangsweg zum Wesen der Dinge aufzeigen möchte.

Wenn es etwa heißt, dass "die Sprache spricht" oder "das Ding dingt", dann ist für Heidegger das Wesentliche bereits gesagt. Das Wesen des Dinges ist gerade der Umstand, dass das Ding uns - den Betrachter - anspricht, es geht uns eben durch sein Dingen an. Jenes Dingen können wir (die Sterblichen) nur dann erfassen, wenn wir uns vom Ge-stell (dem bloß rechnerischen, empirisch-wissenschaftlichen Welterfassen) zum Ge-viert (dem Erfassen der Zwischenspiele, der Dimensionen von Welt, resp. der vier Weltgegenden (Himmel, Erde, Sterbliche, Göttliche)) begeben. In diesem Ge-viert west sich alles gegenseitig an, ist sich zugleich nah und doch fern, alles schwingt und wirkt mit- und gegeneinander.

So heißt es etwa im 5. Freiburger Vortrag, "...Dass das Wesen der Sprache vor allem Sein und Denken [...] das in sich schwingende Spiel der Ortschaft ist, als welcher Bereich die Sage alle Dinge und Wesen einander überreicht und sie so für uns darreicht, dass wir sie allenthalben erreichen und verfehlen."

Das "in sich schwingende Spiel der Ortschaft", ein Teilsatz, der, so meine ich, ein Kernelement der Wesensvorstellung Heideggers ist. Konkret wird hier lediglich aufgezeigt, dass eben das Wesentliche nicht konkretisierbar, sondern im wesentlichsten Falle ein teilweiser Zugang möglich ist und zwar in dem Be-reich, der alle Wesen an-geht. Wer in jenen Be-reich, in jene Ortschaft der Welterfahrung - dort nämlich, wo die eigentlichen Dinge walten - nicht vorzustoßen vermag, der bleibt verfugt, schlimmstenfalls ins Ge-stell und zwar lebenslänglich.

Der letzte Satz ist leicht ironisch gemeint, ich will damit andeuten, dass sich über Heidegger die Gemüter drastisch teilen. Für die einen ist Heidegger ein Mensch, der dermaßen tief gedacht hat, dass der "Normalmensch" kaum oder garnicht in der Lage ist, die Genialität jenes Denkens nachzuvollziehen. In der Regel meinen solche vermeintlichen Heideggerversteher folgerichtig, dass all jene, die das nicht vermögen, eben gerade das Wesentliche nicht erkennen möchten oder können.

Andere - darunter auch angesehene Denker wie Popper, Adorno oder Carnap und viele mehr - sehen in Heidegger einen Sprachkünstler mit elitärem Anspruch, der es verstand, ansich hohle Phrasen semantisch aufzuladen, tatsächlich aber unverstehbar blieb.

Wie man an meinem Beitrag sicherlich erkennen konnte, bin ich Heidegger gegenüber eher kritisch eingestellt. Einerseits deshalb, weil mir die Weltsicht Heideggers nicht behagt, zu sehr sprechen hier Lebensängste, Selbstüberschätzung und Enge heraus. Da Heideggers Philosophie keinen Anspruch auf Logik oder Schlüssigkeit hegt und er selbst solche Kriterien ausdrücklich abwertet, kann man ihn auf diese Weise kaum sinnvoll angreifen; dass das viele Kritiker dennoch machen - beispielsweise der Logiker Carnap - tangiert einen Heideggerliebhaber verständlicherweise wenig.

Was mir auf jeden Fall fehlt ist die Offenheit für andere Meinungen, für Kritik und regen Diskurs. Durch Heideggers gesamtes Denken zieht sich - so meine Empfindung - eine von Ernst und Enge geprägte Grundstimmung und ein stets gleich wirkendes Wortgehabe. Das, was mir wichtig ist, kann unter der gestrengen Rute eines autoritären Überdenkers, der meint, er zeige in einem Satz gleich mehrere Wahrheiten auf, kaum zur Entfaltung kommen.

Nimmt man Heidegger aber nicht so ernst wie er sich selbst, dann kann das Lesen seiner Werke sogar Spaß machen und Denkanreize bieten. Hier spreche ich - wie im gesamten Beitrag - allein für mich.

Beste Grüße,

Philipp
 
AW: Heideggers "Wesen"

Hallo Philipp,

danke für die Antwort in diesem von mir fast schon vergessenen Faden! (Und Entschuldigung an die anderen, dass ich auf eure Antworten gar nicht reagiert habe.) Ich bin inzwischen schon länger nicht mehr beim Thema Heidegger, finde also nicht richtig wieder hinein, möchte dir aber trotzdem eine Frage stellen. Du beziehst dich, wenn ich das richtig sehe, nur auf das Spätwerk Heideggers. Nun würde es mich interessieren, ob deine negative Bewertung Heideggers sich nur auf dieses Spätwerk bezieht oder ob dir das auch schon bei "Sein und Zeit" so geht. Das kenne ich nämlich noch nicht.

Ich komme darauf wegen deiner Formulierung, dass sich deiner Meinung nach durch Heideggers Werk "eine von Ernst und Enge geprägte Grundstimmung" zieht. Von Enge kommt Angst, und das ist, so weit ich gelesen habe, ein zentraler Begriff in "Sein und Zeit" (allerdings nicht in seiner alltagssprachlichen Bedeutung - da kommen wir wieder zum Anlass meiner Ausgangsfrage: Heideggers mehr oder weniger innovativer Wortgebrauch). Hältst du dieses "Existenzial" Angst für eine zutreffende Beschreibung des "Wesens" des Menschen? Oder könnte es sein (wie ich vermute - soweit man das darf, ohne den Text gelesen zu haben), dass das eher der besonderen psychologischen Befindlichkeit Heideggers zuzurechnen ist? Oder vielleicht auch einem bestimmten Zeitgeist? Ich habe mich neulich in einem Gespräch dagegen gewehrt, Angst und Sorge zu den menschlichen Grundbefindlichkeiten zu zählen, aber mir wurde gesagt, ich verstünde die Worte falsch bzw. nicht in Heideggers Sinn. Aber ich weiß nicht so recht ...
 
AW: Heideggers "Wesen"

Hallo Jovis,

entschuldige meine späte Antwort, aber ich habe zur Zeit kaum genügend Muße zur Verfügung, so dass ich das Verweilen in Internetforen auf ein absolutes Minimum reduzieren musste.

Du hast schon richtig erkannt, dass ich mich auf das Spätwerk Heideggers beziehe; ganz einfach aus dem Grund, weil ich mich - von diversen Aufsätzen/Vorlesungen einmal abgesehen - bislang nur mit Heideggers Werk "Unterwegs zur Sprache" intensiv auseinandergesetzt habe.

Also wäre es vermessen, wenn ich über Heideggers frühe Philosophie (vor der "Kehre") urteilen würde; sofern mich die Muße einmal packen sollte und ich etwa "Sein und Zeit" näher in Augenschein nehme, werde ich aber gerne dazu Stellung beziehen. Ehrlichgesagt drifte ich allen Anzeichen nach aber eher gen kritischen Rationalismus (Popper, Albert etc.), so dass das noch eine ganze Weile dauern kann. ;-)

Ich möchte Heidegger nicht psychologisierend interpretieren, aber allein seine gängige Art, Welt zu beschreiben, ist, so finde ich, durchtränkt von einer Positionierung des Menschen als Untergeordneten; untergeordnet dem wahren Wesen von Welt und damit auch dem Denken, das den Anspruch hegt, solche Wege ins Wesentliche aufzuzeigen.

Zumindest sein späteres Denken (ich beziehe mich auf seine Sprachphilosophie) zeichnet - meiner Ansicht nach - nicht das Bild eines Menschen, der mündig und fähig ist, die Sprache selbstbestimmt schöpferisch zu gebrauchen, vielmehr muss sich der Mensch ständig davor hüten, die Sprache falsch zu gebrauchen und stattdessen danach trachten, dem verborgenen Wesen der Sprache zu lauschen und so zu entsprechen. Der Mensch wird zum Zuhörer, er wird - um es noch etwas zuzuspitzen - zum Unmündigen vor sich selbst degradiert.

Das ist, was ich mit "Enge" vor allem meine. Enge in Bezug auf die Möglichkeiten des Menschen, sich mit seiner Umwelt vielperspektivisch auseinanderzusetzen. Heidegger malt - in meinen Augen - schwarz/weiß, er polarisiert, teilt die Welt in die Oberflächliche (bloß errechnete, gestellte Welt) und eine dem ursprünglichen Anfang nahekommende, nur zu finden durch denkendes Erfahren. Dieses denkende Erfahren nun will Heidegger den Menschen näherbringen, er will Wege dorthin weisen, Winke geben.

Das Geheimnisvolle, was das Wesen der Dinge - das Sein - ausmacht, ist dermaßen undurchdringlich verborgen für den Menschen, dass selbst ein großer Vordenker wie Heidegger allenfalls vage Winke in die richtige Denkungsweise/Denkweg zu geben vermag. Allein einige erwählte Dichter (Rilke, Hölderlin, Trakl) können es ihm großgeglückt gleichtun.

Wenn das keine lähmende Ohnmacht ist, die hier den Menschen - einstmals ein selbstbestimmt denkendes Individuum - direkt herausfordert, sich ganz einem irgend gearteten göttlichen Wesensursprung auszuliefern - als Sterbliche vor das Göttliche zu treten.

Kommt jemand kess daher und scheltet solches Denken antiaufklärerisch, so fiele es mir sichtlich schwer, diesen Vorwurf rasch zu widerlegen.

Beste Grüße,

Philipp
 
Zuletzt bearbeitet:
AW: Heideggers "Wesen"

Hallo zusammen,

es ist schon eine Krux, je intensiver ich mich mit Heideggers Denken auseinandersetze, desto mehr fühle ich mich im Märchen "des Kaisers neue Kleider" wieder: Heidegger als splitternackter Philosophenkönig, angehimmelt von einer Schar braver Untertanen, die jeden noch so zufällig durch den Thronsaal wehenden Windhauch als das prächtigste königliche Gewand behaupten.

Wenn man auch dem Denken Heideggers nichts abgewinnen kann und lediglich eine Unzahl von Problematiken daraus aufsteigen sieht, dann ist dieses in sich abgeschlossene Heideggersche Phantasiedenken doch ein ausgezeichnetes Lehrbeispiel dafür, wie gewissenhaft praktizierte Philosophie nicht betrieben werden sollte. Mittlerweile gibt es auch sehr gute Kritiken zum Thema, anbei ein Link - meineserachtens wirklich lesenswert!

http://parapluie.de/archiv/worte/heidegger/

Beste Grüße, :)

Philipp
 
AW: Heideggers "Wesen"

Ich weiß es nicht, aber weißt Du, daß "le Wesen" im Französischen fast schon so ein geflügeltes Wort ist, daß es bald (endlich!) Aufnahme in jeden wesentlichen Dictionaire findet?

Das Wort "Wesen" muß also irgendeine Bedeutung haben, die in anderen Sprachen zumindest so weit nachvollziehbar ist, daß es nicht mehr übersetzt werden muß.

Ich kann - im Ernst - nicht mehr Hilfe bieten als

http://ontology.buffalo.edu/smith/heidegger/

- klicke auf "als mp 3 Datei " -

Sorry!

Thorsten
 
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AW: Heideggers "Wesen"

Neulich habe ich mir eine neue Waschmaschine gekauft, eine 'Heidegger sense-o-logic 1927'. Sie funktioniert aber nicht richtig. Ich habe 14 Hemden reingesteckt, an der Kette gezogen, und seitdem sind sie spurlos verschwunden.
 
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