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Wie krank ist unsere Gesellschaft?

Dieses Thema im Forum "Eigene Geschichten" wurde erstellt von Freidenker1, 24. Juli 2012.

  1. Freidenker1

    Freidenker1 Member

    Registriert seit:
    24. Juli 2012
    Beiträge:
    98
    Ort:
    München
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    Die Leistungsgesellschaft

    Hört euch jetzt an, wie viele stöhnen, in dieser
    überregulierten Welt. Viele möchten sich mit ihr
    versöhnen, sie durchschauen das System, schreien
    nicht nur nach Geld.

    Ich bin Banker, und aus Angst vor Fehlern krieche
    ich mit feuchten Händen und nassem Hemd. Ich werde
    gemobbt, bin stark verklemmt. Seriösität, das wird
    von mir verlangt, von den Gangstern in der Bank.
    Ich steige aus, es langt.

    Ich bin Psychiater, an Patienten besteht kein Mangel,
    das Volk, es leidet, ist sehr bange. Vor lauter
    Patienten bin ich selbst nicht mehr ganz klar im
    Kopf, was soll ich machen - wer hilft mir - schon wieder
    stehen 100 Fälle vor der Tür.

    Ich bin Unternehmer, jahrelang machte ich Geschäfte
    mit der Bank von nebenan. Doch wehe dir, die letzte
    Rechnung bleibt noch offen, die Bank verhält sich
    wie besoffen. Sie gibt den Fall der Rechtsabteilung
    und quetscht den letzten Taler aus mir raus. Statt
    abzuschreiben, zu verzichten, macht sie noch Arbeit
    den Gerichten. Droht ihr selbst die einmal Pleite,
    mit Steuergeldern steh ich ihr beiseite.

    Ich bin Versicherungsexperte, spiel mit den Ängsten,
    das bringt Geld. Kleingedrucktes, Stornoquoten, darüber
    schweige ich. Ich bin link und finde mich unmöglich.
    Ich bin Lehrer, lass Kinder büffeln, schwitzen und
    sitzen. Nervlich bin ich fertig, nur noch ein Wrack.
    Ich muss früh in Pension, ich armer Sack.

    Ich bin Anwalt, emotionslos und eiskalt. Vollmacht,
    Vorschuss, dann Vergleich. Mit der Sutane quatsche
    ich die Richter weich. Doch Aktenberge, Protokolle
    und Beschlüsse, in den Papierenstecken viele harte Nüsse.
    Und ständig ändern sich die Gesetze, Termindruck,
    es ist nur noch eine permanente Hetze.

    Ich bin Steuerberater, blick nicht mehr durch. Ständig
    ändert sich das gottverdammte Steuerrecht, Mandanten
    schimpfen, ihnen wird schlecht. So viel Papier, so
    viele falsche Zahlen, ich bin genervt und leide Qualen.

    Ich bin Ingenieur, baue Autos, Software und Maschinen,
    möglichst komplex und kompliziert, das sich der Nutzer
    darin verirrt. Er flucht, fängt laut zu schreien an:
    "Ich blick nicht durch, da muss der Fachmann ran."

    Ich bin Facharbeiter, auf einen grünen Zweig komme ich
    nie, Kosten, Abgaben und Steuern zwingen mich und meine
    Familie in die Knie. Inflation und Kaufkraftschwund,
    ein Sklave bin ich, ein armer Hund.

    Ich bin Leiharbeiter, arbeite zum halben Lohn. Bin ich
    blöd? Ist das gerecht? Aussteigen werde ich, das weiss
    ich schon, wenn ich nicht krieg den doppelten Lohn.

    Ich bin Arzt, zu Minisätzen klopfe und horche ich im
    Akkord an Alten, Kranken und Lahmen. Habt mit mir
    doch mal Erbarmen.

    Ich bin Patient, der Krebs hat mich erwischt, im
    Akkord geleierte Trostsprüche von Pfaffen brauche
    ich nicht. Die letze Ölung sollen diese Hinterweltler
    sich doch selber geben, bald steig ich aus, aus diesem
    gottverdammten Leben.

    Ich bin Unternehmensberater, blöffe mit Grafiken und
    Sprüchen. Doch viele Kunden meinen, "Gelesen, gelacht
    und gelocht" - Ein Folgeauftrag, kommt er noch?

    Ich bin Finanzbeamter und genau so gierig wie die
    Banker. Penibel wühle ich in Akten und Papieren,
    manchmal lass ich mich auch schmieren. Das bringt
    Geld, nur leider bin ich ein sehr unbeliebter Held.

    Ich bin ein kleiner mieser Bürokrat, halb Mann,
    halb Schreibtisch, ich brauche dringend ärztlichen Rat.

    Ich bin Politiker, knicke ein bei Lobbygruppen, will
    das mich alle wählen, Machterhalt und Wählerstimme ist
    das was für mich zählen. Ich werde beschimpft und
    attackiert, Eier und Tomaten fliegen. Ich sehe schwarz
    und habe Angst vor Rot, ohne Leibwächter wäre ich
    längst tot.

    Ich bin Journalist, knallige und krawallige Sensationen
    sind meine Stärke. Mit Übertreibungen und Provokationen
    gehe ich zu Werke, Schmuddelkram, Sexklatsch, Tratsch,
    Mord und Gewalt, steigende Auflagen sind gut fürs Gehalt.
    Wahr ist es selten, was ich schreibe, ein Tagelöhner bin ich,
    ich saufe und leide.

    Ich bin Rentner, lebe einsam und verlassen, mein Lebenslicht
    wird bald verblassen. Vorsorge und Rente waren ein schlechter
    Deal, und die harte Arbeit, das war alles viel zu viel. Ob man
    mich findet, wenn mir etwas passiert? Ist auch egal, ich
    bin frustriert.

    Ich bin Schüler, Qualifizierungen, Prüfungen und Kurse,
    das ist mir alles viel zu viel. Ich steige aus ihr Streber,
    ihr, ihr Prüden, ich will leben, am Strand, im Süden.
    R.O.

    mehr hier
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  2. moebius

    moebius Well-Known Member

    Registriert seit:
    11. März 2009
    Beiträge:
    42.487
    AW: Wie krank ist unsere Gesellschaft?

    Ich bin Leerer bei der Müll-Abfuhr
    Und frage mich
    Wo sind die geistigen Müll-Tonnen nur...

    :lachen::lachen::lachen:
     
  3. Zeilinger

    Zeilinger Well-Known Member

    Registriert seit:
    22. Mai 2004
    Beiträge:
    16.501
    Ort:
    Wien
    AW: Wie krank ist unsere Gesellschaft?

     
  4. moebius

    moebius Well-Known Member

    Registriert seit:
    11. März 2009
    Beiträge:
    42.487
    AW: Wie krank ist unsere Gesellschaft?

    "Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.
    Das Bin ist innen. Alles Innen ist an sich dunkel. Um sich zu sehen und gar was um es ist, muß es aus sich heraus. (...)
    Der Mensch besonders ist auf diesen steten Weg nach außen angewiesen, damit er überhaupt nur wieder auf sich zurückkommen könne und so bei sich gerade die Tiefe finde, die nicht dazu ist, daß sie in sich, ungeäußert bleibe."


    Schöne :winken3: (= Grüße) von Ernst BLOCH ...:schnl:

    Mehr hier: Tübinger Einleitung in die Philosophie I, 2. Auflage, Frankfurt am Main 1964​
     
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