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Wie ich in Erfurt mal für einen Stasi-Spitzel gehalten wurde

Dieses Thema im Forum "Eigene Geschichten" wurde erstellt von Joost, 30. Mai 2009.

  1. Joost

    Joost New Member

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    Wie ich an der Bar eines Erfurter Inter-Hotels für einen Stasi-Spitzel im Gewande eines hessischen BND-Agenten gehalten wurde, obwohl ich doch nur ein einfacher badischer Waldbaum war.

    Ich reiste damals zu Pfingsten 1977 ganz allein als Einzeltourist in die DDR. Das war eher unüblich. Man reiste in die DDR zu Verwandtenbesuch, als Delegation, oder in einer organisierten Reise-Gruppe. Aber ich kam als einzelner Tourist, mit einem Visum nur für mich allein.

    Ich weiß noch, wie ich damals mein Zimmer im Reisebüro buchte. Vor mir wollten alle nach irgendwelchen Badeorten am Mittelmeer und wurden routiniert bedient. Aber als ich sagte, ich wollte nach Weimar, musste mal lange kramen, bis man da einen Reisekatalog dafür fand. Ich konnte dann auch nicht Weimar buchen, weil wegen der Shakespeare-Tage schon alle Inter-Hotels belegt waren. Und so kam ich nach Erfurt.

    Ich verband meine Reise mit einem Verwandtenbesuch in der Nähe von Eschwege, damals westliches Grenzland. Wegen der nahen DDR-Grenze war diese Gegend schon recht abgeschieden, fast eine Art Niemandsland, und viele Straßen dort führten nicht von Hessen aus in das thüringische Nachbardorf, sondern ins Nichts.

    Ich wollte die GÜST (Grenzübergangsstelle) Herleshausen/Wartha zur Einreise nutzen.Doch als ich morgens von Eschwege aus losfahren wollte, fand ich mein Visum nicht mehr! Ich stellte meín Auto auf den Kopf - aber nichts auch nur entfernt Visum-Ähnliches war zu finden. Mein schönes teures Visum, ohne das man damals nicht von Deutschland nach Deutschland fahren konnte, war weg. Was tun?

    Ich konnte mir nur eines denken: Das Visum musste ich wohl in Baden-Baden auf meinem Schreibtisch liegen lassen haben. Also raste ich - so schnell ich mit meinem klapprigen R4 konnte - von Eschwege aus den langen Weg zurück nach Baden-Baden. Aber auch dort war nichts auch nur entfernt Visum-Ähnliches zu finden.

    Ich ging ins Reisebüro und fragte, wie es nun aussehe. Das Visum sei mir ja erteilt worden, nur könne ich es eben leider nicht an der Grenze präsentieren. Ob diese Erteilung vielleicht irgendwo gespeichert sei und abgerufen werden könne, so dass ich doch noch nach Erfurt fahren könnte? Ich kam eine abschlägige Auskunft. Ohne sichtbares und greifbares Visum keine Einreise - da seien die Grenzorgane unerbittlich. Inter-Hotel müsse ich aber natürlich dennoch zahlen. So sah’s aus.

    Was tun? Ich untersuchte mein Auto nochmal. Und wurde fündig. Das Visum war einfach vom Beifahrersitz abgerutscht und in einen Spalt gefallen, den ich bisher immer übersehen hatte! Große Erleichterung!

    So schnell ich konnte, raste ich mit meinen R4 – nun bei Nacht und Nebel – von Baden-Baden aus den langen Weg zum Grenzübergang Herleshausen-Wartha. Etwas kurz nach Mitternacht kam ich an - standesgemäß, wie Spione das so machen. Der Grenzkontrollpunkt war in gleißendes Licht getaucht. Kennt man ja aus Filmen, wie “Der Spion, der aus der Kälte kam!” Und ich hatte tatsächlich was dabei, das ich verheimlichen wollte: Ein paar Adressen in Weimar, die ich mir von einem Schulfreund hatte geben lassen, um auch privat Leute besuchen zu können.Doch wollte ich nicht, dass man diese Adressen in meinen Papieren fand, damit die Leute nicht vielleicht in Schwierigkeiten kommen könnten. So hatte ich den Zettel mit den Adressen in meine Hemdtasche unter den Pullover gesteckt. Doch in einer Art verräterischer Freudscher Fehlleistung strich ich dummerweise genau dann mit der Hand über diese Stelle, als ich einem Grenzorgan der Deutschen Demokratischen Republik gegenüberstand. Und es knisterte.

    Sofort kam die misstrauische Frage: “Was haben Sie denn da!”

    Na Prosit! Jetzt war wohl wieder mal ein Verhör fällig - mit zusätzlicher Leibesvisitation als Sahnehäubchen. Man gönnt sich ja sonst nix …

    Was hätte ich sagen sollen? Hätte ich sagen sollen: “Ach wissen Sie, Genosse Major … die Sache ist so: Ich bin ein Agent des südbadischen Geheimdiensts aus dem südlichen Südschwarzwald und habe hier die geheime Liste meiner geheimen Kontakte in Thüringen versteckt … aber diese Liste dürfen Sie natürlich nicht sehen, Genosse Major … die ist streng geheim … am Ende kämen diese Leute sonst noch in Schwierigkeiten … und das wollen wir doch beide nicht, Genosse Major.“



    Hätte ich so sprechen sollen? Oder was hättet ihr gesagt? Jetzt mal ehrlich!

    :)
     
  2. Joost

    Joost New Member

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    AW: Wie ich in Erfurt mal für einen Stasi-Spitzel gehalten wurde

    Ich gebe nun mal meine Antwort auf die Frage des Genossen Major: Sie war wahnsinnig originell: “Ach, nichts …”


    Und das Grenzorgan hatte wohl seinen guten Tag und nahm mir das mal ab. Dafür wurde nun aber mein R4 einer gründlichen Leibesvisitation unterzogen. Zunächst gab es die üblichen Fragen, die jeder DDR-Reisende sicher noch kennt.


    “Führen sie Waffen und Munition mit sich?”


    Man war dann immer versucht zu sagen: “Wieso? Braucht man das hier?”
    Oder auch: “Gut, dass Sie fragen! Jetzt hab ich doch tatsächlich mein Maschinengewehr zu Hause liegen lassen … können Sie mir sagen, wie ich hier eins kaufen kann? Ich brauch das ….”


    Doch solche Antworten gab man besser nicht. Die Grenzorgane waren da merkwürdig humorlos. Ich sagte also brav, ich führe keine Waffen mit mir … also nicht, dass ich jetzt wüsste … höchstens Waffen des Geistes … und so.


    Und dann die nächste Frage: “Gänsefleisch …?”


    Ja, richtig, Gänsefleisch! Oder im vollen Wortlaut: “Genn Se vlleisch ……?”
    Oder noch deutlicher: “Können Sie vielleicht Ihren Kofferraum aufmachen?”

    Und dann kam für mich noch die Frage: “Können Sie nun noch Ihre Rückbank umklappen?”

    Und da gab es ein kleines Problem.

    Die Kontrollen waren damals gründlich. Sogar ein sogenannter “Spiegelwagen” wurde unter das Auto geschoben, um zu sehen, ob da etwas oder gar jemand versteckt sei! Und dann sollte ich also noch die Rückbank umklappen. Nun ist es so, dass ich von Autos nicht so viel verstehe. Ich unterscheide sie nach der Farbe: Rote, blaue, schwarze, weiße und so.


    Ich hatte bisher noch nie die Rückbank meins R4 umgeklappt, weil ich echt der Meinung war, das ginge beim R4 gar nicht. Doch das Genzorgan sagte mir, noch nicht mal unfreundlich, das ginge doch! Und der Genosse Major zeigte mir sogar hilfreich, wie es geht! Ich war bass erstaunt! Die Rückbank war echt umklappbar! Wieder mal was gelernt! Reisen bildet, heißt es ja so schön und treffend.



    Und die Moral von der Geschicht:

    Kennst du dein eignes Auto nicht,
    fahr in die DDR,
    Da kriegst du’s beigebricht!

    Reim dich - oder ich fress dich!


    Ich hatte ein paar Bücher dabei - das war das nächste Problem. Dass Zeitungen verboten waren, das wusste ich. Aber das Bücherverbot war mir neu. Aber diese Bücher wurden nun nicht einfach konfisziert - sie wurden nur sichergestellt. Sie kamen in eine spezielle Tasche für solche Fälle -und wurden am Grenzübergang deponiert. Bei der Ausreise könne ich sie wieder abholen, hieß es - und man hielt Wort. Die Bücher waren bei der Ausreise für mich zum Abholen bereit. Es ging halt alles seinen geordneten sozialistischen Gang!

    Ein Buch aber durfte ich sogar in die DDR mitnehmen: Ein Buch über die BADISCHE REVOLUTION von 1848/49. Das fand ich nun geradezu rührend. Ich wusste gar nicht, dass die badischen Revolutionäre in der DDR in so hohem Ansehen standen!


    :sekt:
     
  3. Joost

    Joost New Member

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    AW: Wie ich in Erfurt mal für einen Stasi-Spitzel gehalten wurde

    Es geht weiter ....


    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

    Lange nach Mitternacht kam ich dann in meinem Hotel in Erfurt an. Eigentlich hätte ich mich sofort bei der Volkspolizei melden sollen. Doch die schlief um diese zeit schon. Nur ich war wach. Getreu der Devise: Der Klassenfeind schläft nie!


    Am nächsten Tag also stellte ich mich bei der Volkspolizei vor. Mir wurde erlaubt, mich einige Tage lang in der Deutschen Demokratischen Republik aufzuhalten.


    Im Hotel erst entdeckte ich dann bei meinen Papieren den kleinen Pferdefuß: Diese Genehmigung galt nur für den Bezirk Erfurt. Ich war also sogar innerhalb der DDR in meiner Reisefähigkeit eingeschränkt, quasi ein wenig eingesperrt. Eigentlich kein Problem, denn ich wollte ja nur nach Weimar, was im Bezirk Erfurt lag. Aber der Gedanke, im Bezirk Erfurt “eingesperrt” zu sein, gefiel mir dennoch nicht. Laut und deutlich verkündete ich an der Hotel-Rezeption, ich dächte nicht daran, diese Vorschrift zu befolgen. Ich plane, die Grenze zu durchbrechen! Noch heute würde ich in südlicher Richtung den Bezirk Erfurt verlassen, die Grenzlinie überschreiten, und in den Bezirk Suhl einfallen! Denn ich gedächte, im Thüringer Wald auf den Spuren Goethes zu wandeln, so als freier Mensch im freien Wald!


    Im Rückblick weiß ich, dass das nicht besonders klug war. Denn in den Inter-Hotels wimmelte es nur so von IMs, den Inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi. Wer weiß, ob da nicht irgendwer irgendwo Meldung machte, ein Klassenfeind habe vor, gegen Recht und Gesetz der DDR zu verstoßen, und verkünde das auch noch offen! Aber es geschah mir nichts.


    Vielleicht kam die Meldung an einen alten und weisen Genossen und der sprach:

    “Nur keine Aufregung! Soll dieser badische Waldbaum halt in Gottes … ähm, Karl Marxens Namen … zu seinen Thüringer Tannen ziehen. Was soll er da schon groß anstellen? Konter-Revolution im Tannenwald? Eher nicht … *abwink* Und dann: Dieser Mann will ja nicht zu Tante Emma oder Onkel Karl-Heinz. Er will zu den Shakespeare-Tagen nach Weimar. Hochkarätige internationale Besetzung …

    Sollen wir da diesen Mann abfischen? Damit es nachher heißt, Shakespeare-Fans seien nicht sicher im Paradies der Arbeiter und Bauern? Und die Shakespeare-Verehrer weltweit blieben aus - mit ihren Devisen? Nein, bei Rosa Luxemburg, das wollen wir nicht!”


    Und so überschritt ich die Grenze des Bezirks Erfurt unbehelligt in südlicher Richtung. Wo ich prompt in Kontakt mit zwei Ausreisewilligen kam, die ich gar nicht auf meiner geheimen Liste hatte.


    :zauberer2
     
  4. Joost

    Joost New Member

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    AW: Wie ich in Erfurt mal für einen Stasi-Spitzel gehalten wurde

    Ich kam da mit einer Familie ins Gespräch, und als sie hörten, dass ich aus Baden-Baden sei, schütteten sie mir ihr Herz aus. Sie hatten Verwandte dort, die sie gerne mal besucht hätten, aber nicht konnten. Und bis zum Rentenalter, wo das dann möglich wäre, war es noch weit.

    Das erinnert mich jetzt an eine alte Scherzfrage: Wann kommt es zur deutschen Wiedervereinigung? Antwort: Im Jahre 2014. Rückfrage: Warum das denn? Antwort: Na, dann wird die DDR 65, geht in Rente, und darf nach drüben!

    Niemand hätte zur Zeit dieser Frage daran gedacht, dass die DDR sozusagen in Frührente geht! Freude Die Wiedervereinigung kam genau dann, als kein Mensch mehr ernsthaft damit gerechnet hätte!

    Die Thüringer Familie trug mir dann Grüße an ihre Verwandten in Baden-Baden auf! Ich behielt mir ihren Namen im Kopf und weiß ihn auch heute noch. Schriftlich notierte ich mir nichts - und steckte es mir schon mal gar nicht in die Hemdentasche! Wer weiß, ob der Genosse Major bei den Grenzorganen auch bei der Ausreise wieder so nachsichtig sein würde!

    :blume1:
     
  5. Joost

    Joost New Member

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    AW: Wie ich in Erfurt mal für einen Stasi-Spitzel gehalten wurde

    In jenem Erfurter Hotel hielt ich mich kaum auf. Die meiste Zeit war ich in Weimar, wovon ich noch erzählen werde. Nur am letzten Abend meines Aufenthalts setzte ich mich auch mal an die Hotel-Bar. Mit einem Mann neben mir kam ich gleich gut ins Gespräch, wie ich dachte. Doch das war eine Illusion. Nach etwa fünf Minuten Small Talk explodierte er förmlich. Bebend vor Erregung und fast mit Schaum vor dem Mund brach es plötzlich aus ihm heraus:

    “Was fragen Sie mich denn da alles! Hören Sie endlich auf! Und ich sage Ihnen jetzt: Alles, was ich Ihnen bisher geantwortet habe, war sowieso ganz falsch!”

    Ich fiel aus allen Wolken … Ich vermutete, daß er mich für einen BND-Agenten hielt. Er hatte gesagt, er sei hier mit Kollegen auf einer Art Betriebsausflug. Und so hatte ich ihn ganz selbstverständlich nach seiner Firma usw. gefragt, wie ich es im Westen auch ganz natürlich getan hätte. Das aber kam bei ihm wohl als Ausfragerei und Betriebs-Spionage oder weiß der Kuckuck was an. Die anderen Gäste versuchten, den aufgeregten Mann zu beruhigen und sprachen durchaus für mich.

    Ich weiß noch wörtlich, wie eine nette Frau auf mich zeigte und sagte:
    “Der Mann ist doch harmlos! Der kommt doch aus Hessen!”
    Warum sollte ich harmlos sein, nur weil ich aus Hessen kam?
    Woher wollte die Frau wissen, daß es nicht auch hessische BND-Agenten geben könne? Nun war ich aber dummerweise ja noch nicht mal aus Hessen.

    Wenn ich nun zugab, ich sei aus Baden, wäre ich dann am Ende doch ein BND-Agent?

    Fragen über Fragen, und niemand war da, um mir die Antwort zu sagen ...

    :confused:
     
  6. Joost

    Joost New Member

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    AW: Wie ich in Erfurt mal für einen Stasi-Spitzel gehalten wurde

    Nach der Wende dann hat es mir eine Ex-DDr-Bürgerin erklärt:

    Der Mann hielt mich gar nicht für einen BND-Agenten, sondern für einen Stasi-Spitzel, der mal testen wollte, ob er eventuell einem Westler Betriebsgeheimnisse verraten würde. Nur so macht die Bemerkung der Frau: “Der kommt doch aus Hessen!” Sinn. Hessische Stasi-Spitzel gab es wohl eher nicht, so glaubte sie.

    Inzwischen aber weiß man, dass es sogar das gab ....
     
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