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Trauer

Dieses Thema im Forum "Eigene Gedichte" wurde erstellt von Florentin, 28. November 2003.

  1. Florentin

    Florentin New Member

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    Kaum vernehmbar und verschlossen,
    klagt Gottes stummes Kind;
    Zweige blühn, die Knospen sprossen,
    zitternd schaukeln sie im Wind.
    Sprache liess hier Trauer walten,
    Geschwätz wich schwach das Licht;
    Kraft der niederen Gewalten
    Es mit dem Glanze leise bricht.

    Seligkeit ging da verloren,
    des Daseins stilles Glück;
    der Mensch ward auserkoren,
    ein Fluch nun sein Geschick.
    In den leidlich gleichen Bahnen
    lärmend er sein Urteil fällt;
    in des Hammers lautem Mahnen –
    die Magie erscheint der Welt.

    Kaum dauert ein Wimpernschlag,
    als in des Äthers Milde
    die stille Gemeinschaft selig lag
    in des guten Zeichens Bilde.
    Erkenntnis des gütigen Bösen
    säuselten zarte Engelstöne,
    um Verwandtes bald zu lösen,
    lockte leis’ mit Lust das Schöne.

    Der Rausch der Töne zeugt Tumult.
    Die Erweckung seiner selbst in sich,
    ist des Richtenden einzge Schuld
    mich schlagend hart in Finsternis.
    Des Dichters Freuden und Leid
    schaffst eigentlich doch nur
    Du, in stummer Ewigkeit
    Du Trauer der Natur!


    Ich möchte das Gedicht Mathias K. widmen, da er heute Geburtstag hat. Es soll eine Gabe sein, die ihm für ein Mal keine Gewalt antut...
     
  2. Pathos

    Pathos New Member

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    los geht's

    liebster florentin,
    ich bin denn nun mal so frech, da ich davon ausgehe, dass du besagter Mathias K. sein wirst - so zumindest meine These - bin freilich so frevelhaft unflätig und werde mich ein wenig mit diesem stückelein, diesem hauch von gekritzel, diesem, wie will ich's anders sagen - spürchen - auseinander zu setzen haben: auf ein paar worte.
    Dafür werde ich wohl meine Zeit brauchen nur um den Zug der (Spannung), welche obgeschriebnem Text unvermeidlich anzuhaften weiss, nur ein klein wenig auf die Spur zu kommen.

    Nun denn: so fang ich an:
     
  3. Pathos

    Pathos New Member

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    unmittelbar folgende entschuldigung

    Jaja ich weiss,
    ein wenig provokativ vielleicht, mein erster beitrag. Deshalb, muss ich zu meiner Verteidigung hier anführen, dass ich mich in keinster Weise ver-schrieben hätte.

    Aber dennoch jetzt hier nur soviel: dein Gedicht ist so voller Worte-


    Eine weitere Exegese wird folgen - das ist kein Versprechen, das ist eine Drohung

    Mit Liebesgrüssen
    Pathis
     
  4. Pathos

    Pathos New Member

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    Ur-Sprung
    tata h.

    Nur ein kleines Kompositum zum Gedicht:

    "Aber-die-schlange war listig, mehr-als-jedes getier des-feldes, das gemacht-hatte JHWH Gott, und-sie-sagte zu-der-frau: Ob wirklich-gesagt-hat Gott: Nicht sollt-ihr-essen von-jedem baum des-gartens? Da-sprach die-frau zu-der-schlange: Von-der-frucht des-baumgartens mögen-wir-essen, aber-von-der-frucht des-baumes, der in-der-mitte-des-gartens sprach Gott: Nicht sollt-ihr-essen von-ihm, ja-nicht rühret an-ihn damit-nicht-ihr-sterbet! Da-sprach die-schlange zu-der-frau: Keinen-tod werdet-ihr-sterben, sondern wissend Gott gar-wohl, am-tag eures-essens von-ihm geöffnet-werden eure-augen und-ihr-werdet-sein wie-Gott, erkennend gutes und-böses! Da-sah die-frau. dass gut der-baum zum-essen, und-weil lust-er für-die-augen und-begehrenswert der-baum zum-klughandeln, da-nahm-sie von-seiner-frucht, uns-sie-ass, und-sie-gab auch-ihrem-mann bei-ihr, und-er-ass. Da-wurden-geöffnet die-augen von-ihnen-beiden, und sie-erkannten, dass nackte sie, und-sie-flochten laub des-feigenbaumes, und-sie-machten für-sich-gürtel- Da-hörtem-sie die-stimme (von)-JHWH, Gott, der-sich-ergehend-(war) im-garten beim-wind des-tages, und-es-versteckte-sich der-mensch und-seine-frau vor-dem-angesicht-von JHWH, Gott, inmitten des baumgartens: Da-rief JHWH, Gott, zu-dem-menschen indem-er-sagte zu-ihm: Wo-(bist)-du? Und-er-sprach: Deine-stimme habe-ich-gehört im-garten und-ich-fürchte-mich, weil-nackt ich(bin) und-ich-verbarg-mich. Darauf-sagte-er: Wer hat-mitgeteilt dir, dass nackt du(bist)? Etwa-von-dem-baum den ich-dir-befohlen-habe, nicht-zu essen-von-ihm, hast-du-gegessen? Und-es-sagte der-mensch: Die-frau die du-gegeben-hast neben-mich, sie, sie-gab-mir von-dem-baum, und-ich-ass. Da-sagte JHWH, Gott, zur-frau: Was,-dies hast-du-getan? Und-es-sagte die-frau: Die-schlange hat-mich-betört, und-ich-ass. Da-sagte JHWH, Gott, zu-der-schlange: Weil du-getan-hast dies, verflicht du, von-all-dem-vieh und-von-allem getier des-feldes. Auf-deinem-bauche musst-du-kriechen und-staub musst-du-fressen alle-tage deines-lebens. Und-feindschaft setze-ich zwischen-doch und*** die-frau und-zwischen deinen-samen und*** ihren-samen, er, er-zermalmt-dir das-haupt, wenn-du, du-schnappst-ihm die-ferse. Zu-der-frau sagte-er: Mehrend werde-ich-vermehren deine-mühsal und-deine-schwangerschaft mit-schmerzen gebären-wirst-du kinder und-nach-deinem-mann (ist)dein-verlangen, er-aber, er-wird-herrschen-über-dich. Und-zum-menschen sprach-er: Weil du-gehört-hast auf-die-stimme deiner-frau und-du-gegessen-hast von-dem-baum, (von)dem ich-dir-geboten-habe, sprechend : Nicht wirst-du-essen von-ihm, verflucht-sei die-ackererde, deinetwegen! In-mühsal sollst-du-essem-davon, alle tage deines-lebens. Ja-dorn und-distel wird-sie-wachsen-lassen dir, und-du-wirst-essen den-pflanzenwuchs des-feldes. Im-schweisse deines-antlitzes wirst-du-essen brot, bis-zur rückkehr zu-der-erde, denn von-ihr wurdest-du-genommen, denn-staub (bist)-du und-zum-staub wirst-du-zurückkehren. Und-es-nannte der-mensch den-namen seiner-frau EVA, weil sie wurde mutter alles-lebendigen. Und-es-machte JHWH, Gott, für-den-menschen und-für-seine-frau leibröcke (von)fell und-er-kleidete-sie. Und-es-sprach JHWH, Gott: Siehe, der-mensch ist-geworden wie-einer von-uns im-erkennen gutes und-böses. Und-nun, dass-nur-nicht-er-ausstreckte seine-hand und-nehme auch vom-baum des-lebens und-esse und-lebe für-immer. So-schickte-ihn JHWH, Gott, aus-dem-garten-Eden, zu-bearbeiten ***die-erde, der-er-genommen-wurde von-dort. Er-vertrieb ***den-menschen, und-er-liess-aufstellen östlich des-gartens-Eden die-kerubim und-die flamme des-schwertes,, des-gezackten, zu-bewchen den-weg (zum)baum des-lebens.


    viel spass damit. dies ist ein ausschnitt aus der interlinear version: hebräisch-deutsch

    gruss
    pathos
     
  5. majanna

    majanna Guest

    Interpretation

    Trauer
    Kaum vernehmbar und verschlossen,
    klagt Gottes stummes Kind;
    Zweige blühn, die Knospen sprossen,
    zitternd schaukeln sie im Wind.
    Sprache liess hier Trauer walten,
    Geschwätz wich schwach das Licht;
    Kraft der niederen Gewalten
    Es mit dem Glanze leise bricht.

    Seligkeit ging da verloren,
    des Daseins stilles Glück;
    der Mensch ward auserkoren,
    ein Fluch nun sein Geschick.
    In den leidlich gleichen Bahnen
    lärmend er sein Urteil fällt;
    in des Hammers lautem Mahnen –
    die Magie erscheint der Welt.

    Kaum dauert ein Wimpernschlag,
    als in des Äthers Milde
    die stille Gemeinschaft selig lag
    in des guten Zeichens Bilde.
    Erkenntnis des gütigen Bösen
    säuselten zarte Engelstöne,
    um Verwandtes bald zu lösen,
    lockte leis’ mit Lust das Schöne.

    Der Rausch der Töne zeugt Tumult.
    Die Erweckung seiner selbst in sich,
    ist des Richtenden einzge Schuld
    mich schlagend hart in Finsternis.
    Des Dichters Freuden und Leid
    schaffst eigentlich doch nur
    Du, in stummer Ewigkeit
    Du Trauer der Natur!

    Diese Gedicht ist der Gedankenlyrik zuzusprechen. Es wir in den Rang einer Elegie erhoben : Titel: Trauer
    Das sich erst in der vierten Strophe zu erkennen gebende lyrische Ich betrauert in allen verloren gegangenes Gut.

    Einigermaßen skurril mutet es an, dass „ Gottes stummes Kind“ (1/2) angesichts einer verdreht erlebten Natur „ Zweige blühn die Knospen sprossen“(1/3) ausgerechnet zur Sprachkritik kommt:“ Sprache ließ hier Trauer walten/ Geschwätz wich schwach das Licht“ 1/5,6). Ist es ironische Absicht, dass das Verb weichen hier grammatisch nicht richtig verwendet wird? Jemand/ etwas weicht jemandem/etwas. Wird hier die Verwechslung von Dativ und Akkusativ als Stilmittel gebraucht oder ist es etwa in eine ähnliche interpretatorische Lade zu stecken wie der identische Reim walten- Gewalten (1/5:7) – in die Lade des Prinzips „reim dich oder ich fress dich“, in die Lade sprachlicher Ungenauigkeit? Das wäre fatal für ein Ich, dass das Geschwätz anklagt.
    „Aber ich will nicht abweichen: Ich will zur eigentlichen gedanklichen Unauflösbarkeit der ersten Strophe kommen: “Kraft der niederen Gewalten/ es mit dem Glanze leise bricht.(1/7,8)

    Was ist das „Es“? Das Geschwätz? Das wäre die grammatisch logische Antwort. Mit welchem Glanze wird denn gebrochen? Dem der Sprache? Das ist wohl die Intention des Autors, einem aufmerksamen Leser/ Interpreten wird dieser weit hergeholte Deutung nicht klar.Das lyrisch Ich trauert ja stumm und die zitternde Natur erlebt er in diesem Zustand.
    Wie kommt das lyrische ich dazu, in der Situation , in der er sich befindet, Geschwätz anzuklagen.

    Aber einigen wir uns: die erste Strophe klagt geschwätzig Geschwätzigkeit an.



    Es kommt ja in der zweiten Strophe noch dicker, die Auseinandersetzung mit dem bösen Geschwätz.
    Seligkeit ging da verloren,
    des Daseins stilles Glück; (2/1,2)

    „der Mensch ward auserkoren“(2/3)--- Jeder, sogar der geschwätzige Mensch erwartet sich nun, das zu erfahren, wozu er auserkoren ward. Ätsch, das wird nicht gesagt!

    Dafür erfahren wir konstatierend vom lyrischen ich, dass „nun“ ein sein Geschick der Fluch sei? Nämlich der Fluch „lärmend sein Urteil zu fällen“

    Lesen wir nun (2/7,8)
    „In den leidlich gleichen Bahnen
    lärmend er sein Urteil fällt;
    in des Hammers lautem Mahnen –
    die Magie erscheint der Welt.“ ,

    fragt sich der allmählich ungeneigte Leser, ob denn der Hammer etwa das lärmende Urteil sei, oder die Geschwätzigkeit?, in das/ die die Magie erscheint.
    Selbst wenn wir gedankliche Stringenz: Klage – nicht absprechen wollen, es wird ja weiter geklagt über den Verlust der Seligkeit durch das lärmende Urteil, überrascht nun doch die Einführung des Begriffes Magie.. Nun gut, sie erscheint.



    Kaum dauert ein Wimpernschlag,
    als in des Äthers Milde
    die stille Gemeinschaft selig lag
    in des guten Zeichens Bilde.
    Erkenntnis des gütigen Bösen
    säuselten zarte Engelstöne,
    um Verwandtes bald zu lösen,
    lockte leis’ mit Lust das Schöne

    In dieser dritten Strophe liegt die stille Gemeinschaft ( jetzt ist Gottes stilles Kind schon in einer Gemeinschaft vorfindbar. Wird in ihr nur selig geschwiegen?) in des Äthers Milde, was immer das sein soll, es wird ja nur durch eine moralische Beurteilung „gutes Zeichen“ attributiert.

    Vers 5 springt den schon verzweifelt nach Sinn suchenden Leser, in meinem Fall die Leserin plötzlich hinterlistig völlig zusammenhanglos an. „Erkenntnis des gütigen Bösen“ an.
    Aber – gewitzt – vermag man zu erkennen, dass diese Erkenntnis einstens der im seligen Äther liegenden stillen Gemeinde von Engelstönen zugesäuselt wurde. Aber ja, mir fällt es wie Schuppen von den Augen: Menschen schwätzen, Engel säuseln“ Also wieder Kritik am Geschwätz.
    Wahrlich philosophisch geben sich nun Vers 7 und 8. Wir erfahren nämlich den Zweck des Engelsgesäusels: Es will Verwandtes lösen. Aha – Aha: sie wollen Verwandtes lösen. Wahrscheinlich Geschwätz und Säuseln. Dass da möglicherweise sogar sehr Verwandtes zum Auflösen ruft, gibt dem 8, Vers überhaupt seine Berechtigung.
    Damit diese Lösung nötig ist, muss die Lust am Schönen beschworen werden. Anders ist es nicht zu erklären, dass eine Finalisierung für zwei Fakten gebraucht wird. Die Engel säuseln 1) um Verwandtes zu lösen und 2.) um mit Lust das Schöne locken zu lassen.
    Echt philosophisch- echt unverständlich.


    Nun wende ich mich der letzten Strophe zu. Rein äußerlich ist sie ein schwächlicher Abglanz der wunderbaren fallenden Form des Hölderlingedichts „Prometheus“.

    Der Rausch der Töne zeugt Tumult.
    Die Erweckung seiner selbst in sich,
    ist des Richtenden einzge Schuld
    mich schlagend hart in Finsternis.
    Des Dichters Freuden und Leid
    schaffst eigentlich doch nur
    Du, in stummer Ewigkeit
    Du Trauer der Natur!

    Nun kommen aber auch die Engelstöne in das Kritikfeld des lyrischen Ichs .Sie erzeugen Tumult- na so etwas, jetzt werden die auch noch laut!

    Und jetz wird nicht mehr über Geschwatz geklagt und Engelstöne werden als lautes Gedönse enthüllt. Jetzt erst, endlich jetzt erfahren wir, was eigentlich schuldig ist: „die Erweckung seiner selbst“ Jetzt lässt das lyrische Ich die Sau raus. Der Dicher- das lyrische Ich ruft sich mit herbem Spott zu, dass er, weil er Dichter geworden ist, stumm, redend, schwätzend und säuselnd über das Reden, Schwätzen, Und Säuseln gerichtet hat ,schuldig geworden ist.
    Schuldeinsicht erzeugt Trauer. Alles klar!?
    Und in edler Selbsterkenntnis weist er nun der Natur stumme ( stumm! Sic) Ewigkeit zu. Und sagt somit im letzten Vers des Gedichtes, dass nur die stumme Natur dem Dichter Freud und Leid vermitteln kann.

    Hätte er diese Erkenntnis nichtso geschwätzig , epigonenhaft in der Form ausgewälzt, wäre ja was dran an der Aussage.

    Das findet die heute sehr kritisch aufgelegte Majanna
     
  6. Florentin

    Florentin New Member

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    Der Hammer beliebt wirklich lärmend zu fallen. Gefällt mir recht gut. Oder auch schlecht, wie man es aufzufassen 'gewillt' ist.
    V.a. aber gefällt mir das Stichwort 'epigonenhaft' am besten. Natürlich spielt die Reproduktion eine grosse Rolle; - das vermeine zumindest ich behaupten zu können, auch wenn ich die AutorInnenfunktion nicht verantworten vermag.

    Walter Benjamin schreibt in seinem Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" ziemlich zu Beginn: "Das Kunstwerk ist grundsätzlich immer reproduzierbar gewesen."

    In diesem Satz steckt für mich viel 'Wahres'. Wo bleiben die Originale, wo bleibt das sich selbst absolut präsente Original, wenn die Reproduktion eines jeden Kunstwerks vor, mit, durch seine Erschaffung bereits immer schon begonnen hat?
    (Kunstwerk soll hier so pragmatisch verstanden werden, wie es diesem Begriff gebührt).

    Ich stehe zum Epigonentum und verzweifle gleichzeitig daran (diese Verzweiflung ist aber nicht eine, die man beispielsweise häufiger AutorInnen zuschreiben möchte, die nach Goethe geschrieben haben - Grillparzer, Keller usw.). Ich bekenne mich romantischer zu meinem Scheitern und Sehnen.

    Hier abermals eine Stelle aus Walter Benjamins Sprachaufsatz:

    "Das Wort soll etwas mitteilen (ausser sich selbst). Das ist wirkliche der Sündenfall des Sprachgeistes. Das Wort als äusserlich mitteilendes, gleichsam eine Parodie des ausdrücklich mitteilbaren Wortes auf das ausdrücklich unmittelbare, das schaffende Gotteswort, und der Verfall des seligen Sprachgeistes, des adamitischen, der zwischen ihnen steht. Es besteht nämlich in der Tat zwischen dem Worte, welches nach der Verheissung der Schlange das Gute und das Böse erkennt, und zwischen dem äusserlich mitteilenden Worte im Grunde Identität. Die Erkenntnis der Dinge beruht im Namen, die des Guten und Bösen ist aber im in dem tiefen Sinne, in dem Kiergegaard dieses Wort fasst, 'Geschwätz' und kennt nur eine Reinigung und Erhöhung, unter die denn auch der geschwätzige Mensch, der Sündige, gestellt wurde: das Gericht."

    Die vermeintliche Entzauberung des Gedichts ist ein Kratzen am magischen Verputz, der den sich darunter entziehenden Turm, das Symbol der Hybris, der Mimesis und des sehnsüchtigen Strebens, im Glanz seines verlockenden Lichts stärker glimmen lässt. Wie schön wäre es wohl, das sichere Fundament des Turmes sich in der Funktion einer festen Plattform ohne Zweifel unter sich zu wissen? "Dem Menschen zeigt sich die anfängliche Frühe erst zuletzt", schreibt Martin Heidegger - öffnen wir uns also ohne es zu wollen für die blitzartige Einkehr der 'Kehre'...

    Noch eine Zusatzinformation: Die Ironie ist allwaltend. ;)
     
  7. katharina

    katharina New Member

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    das gedicht, florentin, finde ich grässlich, kitsch as kitsch can, sprachlich völlig daneben, und falls du es mit deinem letzten infozusatz ins schlupfloch der ironie kriechen lassen willst: ironie ist nichts, was man einfach herbei-behaupten kann. behaupte ich mal! ;)

    und ein bisschen mehr als ein paar knieweiche zitate und einen blassen fachausdruckturm hättest du majanna für ihren köstlichen kommentar schon bieten können! ;)

    majanna: ich habe selten eine ebenso fachkundige wie höchst amüsant zu lesende textkritik gelesen!


    mit grüßen
    katharina
     
  8. Florentin

    Florentin New Member

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    Ganz schön ironisch, dein Kommentar, liebe Katharina. Was ist wohl das Schlupfloch der Ironie? Ist Ironie ein leicht Bezeichenbares, das sogar noch funktionalisiert werden kann? Von mir? Von dir?
    Du hast es unterlassen, ein Wort niederzuschreiben, das gut in Zusammenhang mit einem anderen Schreiberling in diesem Thread passt: Pathos oder pathetisch. Das Gedicht ist doch eigentlich auch leidlich pathetisch. Sprachlich daneben - genau. Das Versprechen der Sprache spiegelnd, das Versprechen ihrer selbst. Die Sprache, die sich laufend verspricht, die statt sich einfach zu setzen, sich immer bereits vorausgesetzt haben müsste, als eine zukünftige (eine Zu-Uns-Kommende), die nie schon die Sprache selbst wäre. Diese Sprache ist wahrlich ver-rückt, pathetisch und wahnsinnig (in althochdeutscher Rück-Übersetzung wohl etwa: ohne Richtung).

    Das alles blass ist, dass der Ab-Glanz nicht hell leuchtet, wie das Licht des einen Seins in emanationstheoretischen Ergüssen, das ist mir doch so klar als unklar. Es fällt mir schwer zu entscheiden, ob wir uns zu sehr an die Kraft des mimetischen Leuchtens gewöhnt haben und ob vielleicht jenseits des Lichts die eine Idee, der Ursprung, sich zu offenbaren vermag.

    Das Wort 'Kitsch' hat mich auch schon immer magisch angezogen - ein verlockendes Wörtchen. Ein mächtiges Wörtchen. Ein richtendes und gesetztes Wörtchen, so wie dies eben der gesetzten Sprache und den Zeichenbenutzern bzw. Richtenden zukommt. Darum eben ein subversives Wörtchen, eines, das sich mittels seiner Kraft über den Abgrund zu halten imstande ist - mise en abyme. Wunderbar...

    Danke!
     
  9. Florentin

    Florentin New Member

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    Nachtrag

    "Denn – noch einmal soll das gesagt werden – Geschwätz war die Frage nach dem Gut und Böse in der Welt nach der Schöpfung. Der Baum der Erkenntnis stand nicht wegen der Aufschlüsse über Gut und Böse, die er zu geben vermocht hätte, im Garten Gottes, sondern als Wahrzeichen des Gerichts über den Fragenden. Diese ungeheure Ironie ist das Kennzeichen des mythischen Ursprungs des Rechtes."

    Walter Benjamin in "Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen"
     
  10. majanna

    majanna Guest

    Re: Nachtrag


    Na, Adam und Eva mussten wohl auch schon im Paradies Sprache besessen haben. Wie hätten sie sonst Gott verstehen können? Und wie hätte die böse Eva sonst ihren Adam verführen können? Na gut, durch die Macht ihrer Sexualität.
    Aber sie wird ihn doch mindestens gefragt haben, ob er ein Präservativ benutzt, denn die Last des Koindergebärens war ja im Paradies den Frauen noch nicht als Plage auferlegt.

    In einem anderen Forum habe ich einmal die Frage: Zweifel und Ungehorsam- euer Name sei Frau! in die Rubrik " philosophischer Humor" gestellt. Allmählich - beim Lesen Deiner Worte hier und in anderen Threads, komme ich zur Erkenntnis, dass ich diese Frage hätte ernsthaft stellen sollen.

    Florentin- ungeachtet Deines reichen Wortschatzes und Deiner verblüffenden Fähigkeit, damit zu jonglieren, solltes Du Deine Worte mitunter wörtlich nehmen. Dann erwüchse Dir möglicherweise die Erkenntnis, dass Geschwätz solches bleibt, auch in mancherlei Verkleidung.



    immer noch freundlich

    Majanna
     

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