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Sinnlichtgeschichten

Dieses Thema im Forum "Eigene Geschichten" wurde erstellt von Wortjan Sinner, 2. September 2018.

  1. Wortjan Sinner

    Wortjan Sinner Well-Known Member

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    Die Säuglingstaufe

    (001 - 2015)

    Es war so weit. Der kleine Knabe von 3 Monaten lag gewickelt und vermummt in seinem Körbchen bereit, die heilige Seelentaufe des Dorfes über sich ergehen zu lassen. Seine Mutter war auch dagegen, doch ihr Gatte, der durch ein querschlägiges Ereignis einem katholischen Taufpriester sein Weitersterben verdankte, ließ sich nicht umstimmen. Er war seit diesem Tage in Kehrtwendung umkonvertiert und seine Frau musste es hinnehmen oder sich trennen.

    Als nun jedoch der Tag sich neigte, die Kirche sich füllte, die Familie vor dem tröpfelnden Throne, gemein Altar, stand und in Erwartung die Worte des Priesters in Vernehmung harrte, räusperte sich der Knabe in glucksendem Summen. Der Priester lächelte, der Knabe lächelte, jedoch unabhängig aus unterschiedlichen Motiven.

    Als der Priester nun den Knaben anhob, ihn halb entwickelte, ihm das geweihte Handtuch unterlegte, mit der Hand ins Beckengriff, da.....

    ..... bekam die Säuglingstaufe in jenem Dorfe zum ersten Male die echte Bedeutung dieses Begriffes geschenkt. Denn, der Knabe pieselte hochwärts, noch bevor der Priester seine Hand tröpfelnd über das Haupt des Knaben senken lassen konnte.

    Der Knabe hatte den Priester [Im Namen des ........] rechtzeitig zuerst getauft, bevor dieser es bei ihm vollziehen konnte.

    Da der Knabe ja geweiht war, war auch dieser Fluss des jungen Nasses "Heiliges Weihwasser".
     
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  2. Wortjan Sinner

    Wortjan Sinner Well-Known Member

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    Das bedeutende Gebrechen

    (002 - 2016)

    Wiedermal war es so weit. Das "Komplizierte" wurde dem "Einfachen" gegenübergestellt. Dem Einfachen passte das nicht, denn es wusste, dass das "Vielfache" sein Gegenüber war. Weiter wusste es, dass es genügend andere "Einfache" gab, die sehr wohl kompliziert sein konnten. Drum ging das Einfache zum Gericht und beantragte eine Untersuchung.

    - Gericht: "In der Tat, ich muss deinem Gesuch stattgeben. Ich habe die Geschichte ersucht und sie um Auskunft gebeten. Sie wird zur Anhörung erscheinen und aussagen."

    - Einfache: "Da bedank ich mich schon mal. Wäre doch gelacht, wenn wir dem üblen Unrecht nicht auf die Spur kämen."

    Einige Wochen vergingen und das Gericht begann, zu tagen. Es war ein hin und her der Anwälte, bis die Geschichte einen vergessenen Zeugen aufrufen konnte. Und dieser bislang unbekannte Zeuge sagte aus:

    - Zeuge: "Ich bin das "Simplizierte", und ich bin gerne gekommen, dieses Unrecht zurecht zu biegen behilflich zu sein, damit der Wahrhaftigkeit zum Rechte verholfen werde. Früher, wenn die Leute von mir sprachen, nannten sie mich "simpel", das Simplizierte sei simpel, so wie das Komplizierte kompel sei. Seltsamer Weise wurde die Eigenschaft meines Gegenübers, des Komplizierten genauso vergessen, wie meine ganze Wesenheit, und das obwohl der Grimmelshausen doch den Roman schrieb vom abentheuerlichen Simplicissimus Teutsch. Die einfältigen Simplizierten sind simpel gegenüber den vielfältigen Komplizierten, welche kompel sind. Freilich kann ein Einfacher sowohl simpel als auch kompel sein, genauso wie Vielfache simpel oder kompel sein können."

    - Gericht: "Willst du damit aussagen, dass, wer nicht kompliziert ist, demnach "simpliziert" ist?"

    - Zeuge: "Sehr wohl, hohes Gericht. Das sage ich aus. Das Komplizierte ist mein direkter Gegenüber, mein "Antonym". Es gibt jedoch Einfältige, die sich gern heuchlerisch in besseres Licht stellen wollen als Komplizierte und sich zu Unrecht "Einfache" nennen, und somit nicht nur Unrecht an mir begehen sondern auch an anderen Einfachen.

    Die ehrlichen Einfältigen sind Simplizierte und die ehrlichen Vielfältigen sind Komplizierte."
     
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  3. Wortjan Sinner

    Wortjan Sinner Well-Known Member

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    Des Einhorns Rätsel

    (003 - 2017)

    Rosalinde: Du Gernfried, sag mal, hast du die Geschichte vom Einhorn gelesen, das gestern in der Zeitung stand?

    Gernfried: Ja, hab ich.

    Rosalinde: Und, was meinste dazu?

    Gernfried: Ich glaube nicht, dass du das wissen willst, da ich annehme, du stimmst dem zu, was die Lösung sein soll.

    Rosalinde: Mag schon sein, doch trotzdem möcht ich gern wissen, wie du dazu stehst.

    Gernfried: Und wenn ich es dir sage, bist du wieder drei Wochen deprimiert, zerdepperrst die halbe Küche, weinst dich beim Kaffeekranz aus, und es dauert n halbes Jahr, bis du dich wieder gefangen hast.

    Rosalinde: Ach komm, so schlimm wirds schon nicht sein, ist doch nur ein Rätsel.

    Gernfried: Es ist mehr als ein Rätsel, es ist n Weltuntergang für viele.

    Rosalinde: Nu sei nicht so, geb dirn Ruck, ich versprech auch, nicht auszuflippen.

    Gernfried: Na schön, auf deine Verantwortung:

    Wer sich aufopfert,
    fühlt sich verpflichtet
    und ist selbstlos

    Wer sich hingibt,
    fühlt sich geliebt
    und ist selbst

    Rosalinde: Ach hättstes doch bloß nicht gesagt, das kann doch nicht dein Ernst sein, Gernfried, wie machst du das nur?

    Gernfried: Ich hab dich gewarnt, doch du wolltest ja nicht hören, nu musste halt wieder fühlen.
     
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  4. Wortjan Sinner

    Wortjan Sinner Well-Known Member

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    Der Klapperstorch

    (004 - 2017)

    Immer wenn die Rede um den Klapperstorch ihre Runde kreist, gibt es die einen, die kichern, die nächsten, die spotten, und die anderen, die sich zeigen, ob sie es ernst meinen würden, als ob sie die Offenbarung scheuten.

    Richard: "Mama, Mammaaaaa.."
    Elfriede: "Was schreist du denn so, Richard?"
    Richard: "Da, schau mal, die bringen was über den Klapperstorch."
    Elfriede: "Ach, so ein Unsinn. Musst du dich mit diesen Ammenmärchen abgeben?"
    Richard: "Mama, ich glaube, das sind keine Ammenmärchen sondern Ammengeschichten."

    Die Mutter hatte ihre liebe Not mit ihrem Sohn Richard, er war unbelehrbar und suchte, sich die Antworten selbst zu geben, bis sie am Ende für ihn stimmig waren.

    Elfriede: "Ok, du Dreinasehoch. Dann sag mir doch mal, was tut der Klapperstorch? Glaubst du wirklich, dass er die Kinder zur Welt bringt?"
    Richard: "Nöö, das sind verlogene Erwachsenenmärchen."
    Elfriede: "Wie? Ja, was tut er dann, wenn er keine Kinder bringt?"
    Richard: "Er bewacht die ausgesetzten Findelkinder, wenn er sie entdeckt. Er wird von Gott geschickt, damit ihnen nichts passiert und sie in gute und liebende Hände kommen. Und da klappert er dann immer, wenn er nach guten Menschen Ausschau hält. Deswegen klappert er auch nicht ständig. Nur bei Menschen, die Kinder liebhaben und welche haben wollen, dann klappert er."

    Der Mutter traten die Ohren hervor. Sowas hatte sie noch nie gehört, doch langsam legte sie ihr Arbeitszeug beiseite, setzte sich auf einen Sessel, und hörte mit weit geöffneten Augen, ihrem siebenjährigen Knaben zu.

    Elfriede: "Nun mal langsam. Wie kommst du darauf?"

    Richard: "Heute Nacht habe ich geträumt. Und da habe ich einen Ritter gesehen, der Angst um sein Baby hatte. Er liebt das kleine Bündel sehr viel, das konnte ich sehen. Doch sprach er immer davon, dass er das Kind nicht behalten könnte. Sie würden es ihm sonst wegnehmen und....und....umbringen. Er ritt aus dem Hof, das Baby warm und geschützt umwickelt, hielt er im Arm. Er sprach beruhigende Worte und sang. Als er an dem Ort angekommen war, wo er hinwollte, fing er an zu weinen. Dann stieg er vom Pferd, betete zum Himmel und hörte gar nicht mehr auf zu weinen, so lange er dort war. Gott möge seinen Sohn beschützen und in gute Hände geben. Er hat das Kind in einen Korb gelegt und nahe bei einer Quelle abgelgt, auf einem freien Feld. Dann stieg er auf, rappelte sich zusammen, wischte die Tränen weg und galoppierte schnell fort."

    Elfriede: "Und der Klapperstorch, was war mit dem?"

    Richard: "Der kam dann angeflogen, sah das Baby und umkreiste es. Als er wen kommen sah, klapperte er nicht, sondern flog herab und stolzierte um den Korb herum. Nach einer Weile flog er wieder auf. Beim dritten Flug, fing er plötzlich an zu klappern. Er klappert so oft und stark, dass der ältere Mann, der des Wegs kam, auf ihn aufmerksam wurde. Und als der Mann das Baby erblickte, ging er hin, las, was auf dem Stoff stand und weinte. Er nahm das Kind an sich, ging heim, und seine Frau weinte auch: Der Klapperstorch hat uns ein Kind geschenkt."

    Elfriede: "Richard, das ist die sinnvollste Geschichte über den Klapperstorch, die ich je gehört habe, doch wie kann man sowas nur träumen?"

    Richard: "Ich wollte wissen, warum alle immer vom Klapperstorch reden und doch gar nicht dran glauben. Ich hab gebetet, Gott möge mir eine Antwort geben. Und das ist sie.

    Elfriede: "Junge, ich hoffe nur, dass du eines Tages kein Außenseiter in der Schule wirst. So, und jetzt mach deine Hausaufgaben."

    Richard: "Ja, Mami. Mach ich."

    Er drückte seiner Mutter einen Kuss auf die Wange und verschwand. Die Mutter jedoch saß noch ne ganze Weile versonnen im Sessel und dachte über den Klapperstorch nach.
     
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