1. Willkommen im denk-Forum für Politik, Philosophie und Kunst!
    Hier findest Du alles zum aktuellen Politikgeschehen, Diskussionen über philosophische Fragen und Kunst
    Registriere Dich kostenlos, dann kannst du eigene Themen verfassen und siehst wesentlich weniger Werbung

Besinnliches zur Weihnacht

Dieses Thema im Forum "Eigene Geschichten" wurde erstellt von Robin, 14. Dezember 2003.

  1. Robin

    Robin Guest

    Werbung:


    Es war einmal ein Mann, der besaß - außer einem kleinen Kohleofen in der Küche und ein paar Pornoheften unterm Bett - so gar nichts, an dem er sich erwärmen konnte. Da beschloss er, dem Weihnachtsmann einen Brief zu schreiben, auf dass er ihm dieses Jahr mal etwas Gutes widerfahren lasse.
    "Lieber Weihnachtsmann", schrieb er, "ich bin jetzt 49 Jahre alt; nächstes Jahr falle ich aus jeder Zielgruppe heraus, mindestens bis ich 65 bin, dann werde ich vielleicht wieder als agiler Senior interessant. Könntest du mir daher nicht zu Weihnachten etwas Gutes widerfahren lassen, und ich meine damit jetzt nicht ein neues Pornoheft."
    Die Sekretärin des Weihnachtsmanns öffnete den Brief, runzelte die Stirn (was nicht auffiel, denn sie war sowieso recht runzelig) und hielt es für eine gute Idee, den Brief dem jungen Weihnachtspraktikanten zu geben, damit der lernte, Routineaufgaben zu meistern.
    Der Weihnachtspraktikant aber war nicht nur recht jung, sondern auch ehrgeizig, und er erkannte in dem Brief sofort eine große Chance, sich zu profilieren (wir erinnern daran, dass der Arbeitsmarkt für Weihnachtsmänner in gehobenen Positionen äußerst eng ist). Er ging schnurstracks zum Weihnachtsmann und zeigte diesem den Brief.
    "Na und?", fragte der Weihnachtsmann unwirsch, "was ist an dem Brief Besonderes außer den schmutzigen Fingerabdrücken da unten in der Ecke? Du weißt, dass wir solche Leute routinemäßig zehn Euro auf der Straße finden lassen und damit hat sich’s."
    Der Praktikant lächelte gleichzeitig servil und keck und antwortete:
    "Ja, ich weiß, Chef. Aber ich glaube, dass dieser Brief eine super Chance beinhaltet. Ich war letzte Woche auf einem PR-Seminar und lernte, dass man mit einem geschickt lancierten Fall, wenn man die richtigen Presseorgane auf die Spur ansetzt, eine enorme Breitenwirkung erzielen kann, was wiederum unserem Image und unserer Glaubwürdigkeit nur gut tun würde."
    Der Weihnachtsmann runzelte die Stirn (was nicht weiter auffiel...ach so, das hatten wir schon mal):
    "Na ja, eigentlich halte ich ja nicht viel von diesen modernen Strategien. Aber du hast recht, unser Image ist im Moment nicht das glaubwürdigste. Ich gebe dir fünfzigtausend Euro und eine Chance. Aber ich warne dich: Mach keinen Mist!"
    Der Praktikant bedanke sich artig, nahm das Geld, zwackte sich 500 Euro ab und besorgte sich in einer hippen Lokalität erstmal eine gute Portion 1a Koks. Nachdem er sich in seinem Loft ne ordentliche Line gezogen hatte, setzte er sich hin und grübelte, wie er die Sache genau angehen würde.
    Schlagzeilen gingen ihm durch den Kopf: "Verrückte Weihnachtsliebe: Berliner Frührentner heiratet Katja Riemann", "Irre Weihnachtserbschaft: arme Sau in Wirklichkeit der Sohn Harald Juhnkes", "Total abgefahrene Weihnachtsüberraschung: 49-jähriger gewinnt bei Deutschland sucht den Superstar"
    Der Praktikant fand seine Ideen eigentlich superstark, sah aber ein, dass 49 500 Euro zu wenig Geld waren, um sie zu realisieren. "Doch nicht so einfach, wie ich dachte", sagte er zu sich selbst, grinste dabei aber selbstbewusst; ihm würde die richtige Strategie schon noch einfallen, da war er sich sicher.

    Die Wochen vergingen und Weihnachten rückte näher.
    "Sagen sie mal, was macht eigentlich unser dynamischer Praktikant?", fragte der Weihnachtsmann eines Tages seine Sekretärin, "haben sie mal was von ihm gehört?"
    Die Sekretärin zuckte mit den Schultern.
    "Er hat nur zwei Mails geschickt. Alles läuft super, sagt er, aber es sei super viel Stress, aber das Ding wird DER Hammer. Mehr weiß ich auch nicht."
    "Soso", murmelte der Weihnachtsmann, "alles läuft also super. Na dann wird das schon stimmen."

    In Wirklichkeit lief überhaupt nichts super. Der Weihnachtspraktikant hatte mit fortschreitender Zeit feststellen müssen, dass er in einem echten Kreativitätsloch fest saß. Zudem schmolz sein Kapital durch seinen Drogenkonsum mehr und mehr zusammen. "Na, das nenne ich weiße Weihnachten!", hatte sein Dealer frohlockt, aber der Praktikant fand das immer weniger witzig. Dass er auch ein paar Call-Girl-Partys geschmissen hatte, machte die Sache nicht besser.
    Und so kam es, dass er an Weihnachten mit leerem Kopf und nur noch 500 Euro in seinem Loft saß und wusste, dass das Spiel aus war.
    "Ich bin am Ende", sagte er zu sich, "einsam. Kein Geld. Nur falsche Freunde. Schöne Scheiße."
    Da fiel ihm plötzlich der Frührentner ein, wegen dem das alles angefangen hatte.
    "Was soll’s", dachte er bei sich, "mir bleibt sowieso nur noch der Sprung in die Spree oder der Hops in die Havel. Kann ich auch dem alten Sack die restlichen 500 Euro geben."
    Er zog sich sein letztes Koks in die Nase und trottete durch den nasskalten Abend Richtung Neukölln.
    Als es an der Tür läutete, legte der Frührentner sein Pornoheft beiseite und stand von seinem Platz am Kohleöfchen auf, um zu öffnen.
    "Fröhliche Weihnachten", sagte der Weihnachtspraktikant und hielt ihm die fünf Scheine hin, "bitteschön. Ist vom Weihnachtsmann."
    "Vom Weihnachtsmann?", fragte der Frührentner und hob die Augenbrauen, "na besser als nichts."
    In diesem Moment gab es einen Mordslärm im Treppenhaus, zwei schmierige Typen, der eine mit Fotoapparat bewaffnet, stürmten in die Wohnung und sogleich ging ein Blitzlichtgewitter auf die beiden Verdatterten nieder.
    "Aber was...", stotterte der Praktikant, "wie...aber...ich hab doch gar nicht...was soll das...?"
    Da plötzlich hörte er eine wohl bekannte, tiefe Stimme vom Treppenhaus her:
    "Ho, ho, ho", brummte der Weihnachtsmann, "fröhliche Weihnachten!"
    "Oh, Chef", sagte der Praktikant erschrocken, "es ist mir total peinlich. Ich habe nicht gewusst..."
    "Schon gut", unterbrach ihn der Weihnachtsmann mit gütiger Stimme, "ich habe den Karren aus der Scheiße gezogen, also bleib' locker!
    Hast wohl gedacht", fuhr er fort, "dass ich nichts merke? Doch ich bin zwar alt, aber nicht von Gestern. Als wir wochenlang nichts von dir hörten, habe ich einen Privatdetektiv auf dich angesetzt und deine Wohnung abgehört. Und als du dich hierher aufgemacht hast, habe ich gewusst, was los ist und die Kollegen hier von der Presse benachrichtigt. Das gibt ne super PR, da bin ich sicher, auch wenn’s ein bisschen teuer war."
    Und er klopfte seinem Praktikanten wohlwollend auf den Rücken, so dass der sogleich Nasenbluten bekam, wegen dem vielen Koksen.
    "Du siehst", brummte der Weihnachtsmann und zwinkerte (was nicht weiter auffiel, denn in den vielen Jahren seiner Tätigkeit war ihm ein Dauerzwinkern zum nervtötenden Tick geworden), "du siehst, dass man mit wenig Geld und viel Nächstenliebe mehr erreichen kann, als mit Tausenden von Euro."

    "Irre Weihnachtsgeschichte: Wie ein Frührentner doch noch zu seiner Weihnachtsüberraschung kam"
    So lautete die Schlagzeile in der nächsten Ausgabe der Boulevardzeitung. Die Imagewerte des Weihnachtsmanns schnellten in die Höhe, der Frührentner kaufte sich einen DVD-Player und ein paar schlüpfrige Filme, und aller waren glücklich und zufrieden.
    Der Praktikant aber profitierte natürlich am Meisten von der ganzen Publicity. Und da er eingesehen hatte, dass er nicht zum Weihnachtsengel taugte, nahm er bald darauf ein Angebot als Talkshow-Moderator an.
    Und wenn er keine Überdosis genommen hat, moderiert er noch heute.
     
  2. wirrlicht

    wirrlicht New Member

    Registriert seit:
    26. Juni 2003
    Beiträge:
    968
    Mist. Im Hals steckendes Lachen kratzt!


    :) wirrlicht
     
    1 Person gefällt das.
  3. Jérôme

    Jérôme New Member

    Registriert seit:
    9. Dezember 2003
    Beiträge:
    734
    Vielleicht sollte ich, statt Seminare für Praktikanten zu veranstalten, an einem von Weihnachtsmann organisierten teil nehmen. Als Therapie gegen Melancholie -grins. Merci, Robin, ich überlege es mir.
     
  4. Jérôme

    Jérôme New Member

    Registriert seit:
    9. Dezember 2003
    Beiträge:
    734
    Persönliche Weihnachtsbetrachtungen - Teil 1

    Liebe Deine Nächsten!

    Nicht allen ist das Glück eines Frührentners beschieden, der Weihnachten nebst Pornoheften, einen Videorecorder samt Action beschert bekommt. Der hässliche Charakterzug 'Neid' drängt sich bei mir in diesem Falle nicht in den Vordergrund, schickt mir also keine Videokassetten - ich besitze kein TV-Gerät.
    (DVD könnte ich mir aber ansehen... nur für den Fall, dass...)

    Da aber Weihnachten dazu dienen soll, den nächsten Freude zu bereiten, komme ich voll auf meine Rechnung.
    Der Dame des Hauses bedeutet Weihnachten zwar nicht viel oder nichts, sie ist aber der Meinung: 'Kitsch ist hässlich, machen wir ihn also einmal im Jahr zu Kult!' Sie beschliesst den Satz mit einem 'Basta!', um zu signalisieren, dass es ihr damit bitter ernst ist, und zaubert im Handumdrehen - natürlich war die Idee schon lange in ihrem Kopf gereift - im Haus eine Atmosphäre, wie ich sie mir in meinen kühnsten Alpträumen nie sah. Ein Zauberwald mit Feen hier, ein Teich mit Christbaumschmuck-Fröschen dort. In der Diele vergnügen sich grün-glänzende Krokodile bei echten Bambusstangen, auf dem Esstisch tummeln sich Wichte auf einem Baumstamm aus dem eine riesige Stoff-Christrose wächst...

    Worin aber besteht mein Schenken? Ist doch klar. Ich schenke ihr die Freude daran und kaufe sogar noch in der Stadt einen ganz schrecklichen, sauteueren Maulwurf mit auberginen-farbener Hose sowie einen farblich assortierten Tannenzapfen dazu, die sie in der Folge liebevoll im echten Moos einbettet.
    Dafür darf ich von den leckeren Kokosmakronen naschen und bekomme sogar noch einen winzigen Schluck Château Piot-David eingeschenkt.
    Ich schenke weiter, in dem ich das Verlangen unterdrücke, die Kinder - die jetzt mit offenen Mündern mal da, mal dort stehen und die Pracht mit verschmierten Händen zu erobern versuchen - zu ermuntern, die getrockneten Rosen und das Moos aufzuessen.
    Beschenkt wurde nämlich auch ich. Immerhin sind 'wir' das einzige Haus weit und breit, das keinen all abendlich erstrahlenden Stern hat und auch keinen Santa mit Schlitten im Garten.
    Allein dafür rufe ich jetzt energisch, während ich das Lachen unterdrücken muss 'Léa! Lass die Zweige, Papa gibt Dir einen Keks' und 'Luc, ich tausche mit dir den Korb Glaskugeln für mein Notebook, ist das ein Angebot?'

    Ich gestehe, so unerträglich ist das Ganze gar nicht. Vielleicht bitte ich sie nächstes Jahr, auch ein Gesteck für mein Arbeitszimmer zu gestalten. Natürlich nur, um ihr eine Freude zu machen...
    (Wäre es möglich, dass die erzieherischen Massnahmen erst jenseits der 30 greifen? Es scheint mir fast so.)

    Vorschau: Persönliche Weihnachtsbetrachtungen - Teil 2
    Die Weniger-Nächsten lieben Dich auch
     
  5. Robin

    Robin Guest

    Und solange wir noch kichernd auf Jeromes zweiten Teil seiner "Kitsch-as-kitsch-can" Weihnacht warten, hier mein zweiter Teil einer besinnlichen Einstimmung...:kussmund:

    Eine fast perfekte Weihnachtsgeschichte

    Es war einmal ein einsamer, schon älterer Mann, der lebte allein in einer deutschen Medienmetropole und hatte als einzigen Gesprächspartner einen Steiff-Elefanten und zwar eines jener Original-Stofftiere, mit denen Margarete Steiff 1892 ihr großes Spieltiereimperium gegründet hatte.
    Eines Tages nun fragte der Stoffelefant, den der alte Mann immer Bruno nannte, fragte ihn Bruno also: "Was machst denn du zu Weihnachten?"
    Der alte Mann, nennen wir ihn Karl, Karl antwortete also: "Je nun, Weihnachten ist das Fest der Liebe, vielleicht sollte ich diese Weihnachten endlich eine Frau für mich finden, aber", hier senkte der Mann seine Stimme zu einem bitteren Flüstern "egal wann ich suche, wer will schon einen alten Mann, der mit seinem Stoffelefanten spricht?"
    "Je nun", antwortete Bruno daraufhin, "wenn das das Problem ist: Warum hörst du dann nicht einfach auf, mit mir zu reden? Soweit ich das überblicke, ist das ja sowieso nur Einbildung, mit Stoffelefanten kann man gar nicht sprechen, also was soll´s?"
    "Nein, das käme mir unehrlich vor, du warst mir die letzten 15 Jahre ein so treuer Gesprächspartner, da würde ich dich nicht verleugnen wollen, nur weil mir irgendeine Frau über den Weg laufen könnte, die ich beeindrucken will."
    "Okay, kann ich als stringente Argumentation akzeptieren“, antwortete der Elefant. “Da haben wir es also mit einer paradoxen Situation zu tun. So wie ich es sehe, können wir das Problem nur lösen, indem wir eine Frau finden, die einen älteren Mann akzeptiert, obwohl der mit einem Steifftierelefanten spricht. Nun, um dies zu erreichen, müssen wir hinaus in die Welt!"
    Und so geschah es. Am nächsten Tag machte sich Karl auf den Weg, die Medienstadt, die übrigens auch einen Hafen hatte, zu erkunden. Da er aber schon lange nicht mehr unter Leute gegangen war, wußte er absolut nicht, wo die Szene tobte und so geriet er eines Nachmittags in der Fußgängerzone in ein ziemlich langweiliges Allerweltscafé, wo es süße Teilchen und dünnen Kaffee gab.
    "Guten Tag, ich hätte gern eine Mandarinenschnitte und einen Kaffee", sagte er zu der etwas pummeligen, ungefähr 45-jährigen Dame hinter der Kuchentheke.
    "Aber gerne", antwortete diese, "sie haben da ja einen schönen Elefanten auf der Schulter sitzen. Ist der etwa aus der Original-Steiffserie von 1894?"
    "1892", korrigierte Karl, verschüchtert und geschmeichelt zugleich, "er heißt Bruno. Wir unterhalten uns gerne über goethische Lyrik und Zweite-Liga-Frauenbasketball."
    "Oh, das ist aber schön", entgegnete die Thekenkraft, "ich habe zu hause einen Goldfisch namens Annegret. Wir reden immer über Marquis des Sade und Marvel-Comics. Hier ist ihr Kaffee, den Kuchen bringe ich gleich."
    Und Karl setzte sich an einen kleinen Einzeltisch, gleich neben einer größeren Gruppe junger, schwarzgekleideter Damen und Herren, die sich dort angeregt unterhielten.
    Der Zufall wollte es nämlich, daß hier gerade Mitglieder einer ziemlich hippen Werbeagentur namens "Silberner Steinbock" ein Kaffeepäuschen einlegten. Als nun der Herr Karl nebenan Platz genommen hatte, stieß der Creative Texter den Art Director den Ellbogen in die Seite und sagte: "Ey, siehst du den komischen Kauz mit dem Filzelefanten auf der Schulter? Der wäre doch eine Superfigur für unsere neue, humoristische Zigarettenwerbung, oder wat meinste?" - "Ey, da knutsch´ mich doch ein Elch, Alta“, antwortete der andere, „du hast krassomat recht!"
    Und im Nu stürzten sie auf den schüchternen Karl ein und überredeten ihn, gleich in die Agentur mitzukommen, so daß der Arme noch nicht mal dazu kam, seine Mandarinenschnitte entgegenzunehmen.
    Und so kam es, daß Karl eine äußert erfolgreiche Werbefigur für eine "Light"-Zigaretten-Werbung wurde. Zunächst wurden nur Anzeigenmotive geschaltet; dann kamen City-Plakate; und schließlich wurde sogar ein Kinospot gedreht, der äußerst populär wurde.
    Und nicht nur Karl wurde populär: Auch die Werbeagentur profitierte von der Kampagne, und so war es folgerichtig, daß ihr der wichtigste Preis der Werbeszene zugesprochen werden sollte: Der sogenannte "Ekli".
    Anläßlich der Preisverleihung, die im Fernsehen landesweit übertragen wurde, sollte auch Karl aufs Podium geholt werden und erzählen, wie er denn zu einer Kultfigur geworden wäre. Als der Creative Texter dies hörte, nahm er Karl beiseite und sprach folgendermaßen auf ihn ein: "Ey Karl, du bist doch ´n dufte Kerl. Wie wäre es, wenn du nachher statt der Wahrheit einfach erzählst, du wärst ´ne reine Kunstfigur, superschlau ausgedacht von den total kreativen Leuten vom silbernen Steinbock und daß du ganz gezielt daraufhin gecastet worden bist. Du kriegst auch zusätzlich zu deinen 250.- pro Film noch mal zusätzlich DM 500.- cash auf die Knochen."
    Da wandte sich Karl an Bruno den Steifftierelefanten und fragte ihn: "Was sagst du, soll ich unsere Freundschaft wegen diesem Schleimfuzzi hier verleugnen?" Und Bruno antwortete: "Diese Frage ist total schwachsinnig, weil ich ja nur in deiner Einbildung existiere. Mach einfach, was de willst."
    Also sagte Karl zu dem Werbefuzzie: "Wissense, in den letzten Monaten ist mir die Werbeszene durchaus nicht sehr sympathisch geworden. Und sie sind auch keine Typ, mit dem ich mir vorstellen könnte über Goethe oder Frauenbasketball zu reden. Warum sollte ich wegen ihnen lügen?"
    Und so kam es, daß Karl auf dem Podium vor einem Millionenfernsehpublikum folgendermaßen sprach: "Wissense, ich halte mich nicht für ´ne Kultfigur. Ich bin eigentlich nur ein älterer Herr, der gerne mit seinem Stoffelefanten spricht und eine Frau sucht, die ihn trotz dieser Marotte liebt. In den letzten Monaten nun bin ich von der Agentur "Silberner Steinbock" ziemlich hoch gepuscht und ausgebeutet worden, auf eine Art und Weise, die mir gar nicht gefällt. Ich glaube, ich schmeiße den Job hin."
    Da ging natürlich ein Aufschrei durch die Medienlandschaft, der silberne Steinbock war blamiert und die Konkurrenz lachte sich ins Fäustchen.
    Und so kam es, daß Karl wieder zu seinem ruhigen, einsamen Leben mit Bruno zurückkehrte - bis eines Tages der Postbote klingelte und einen riesigen Karton Fanpost überreichte, die der Fernsehsender nach der Live-Übertragung erhalten hatte. Und siehe da, es schrieben fast nur alleinstehende Damen, die sich aufgrund der Sendung in Karl verliebt hatten und ihn gerne kennenlernen wollten. Da wandte sich Karl wieder an seinen alten Weggefährten und fragte ihn, ob er sich denn auf eines oder mehrere Angebote aus den Briefen melden sollte. Daraufhin verdrehte Bruno genervt die Augen, obwohl Stofftiere das gar nicht können und sagte: "In Gottes Namen, damit das Gejammere über "ich finde nie ne Frau" und "ich bin so einsam" endlich aufhört: Schnapp dir die nettesten Briefe, nimm dein Telefon und ruf an!"
    Doch Karl zögerte und hatte Zweifel: "Ach ich weiß nicht. Ich glaube diese Frauen sind gar nicht in mich verliebt, sondern nur in mein mediales Abbild. Würden sie mich so kennenlernen, würden sie mich verachten, wie andere Leute auch. Ich werde nicht anrufen."
    Da aber wurde Bruno stinksauer und rief: "Weißte was, Alta? Du gehst mir aufn Sack. Ich hab keine Lust mehr auf dein Gejammere, ab heute spreche ich gar nicht mehr mit dir!"
    Da war natürlich Karl sehr traurig, denn jetzt war er viel einsamer noch als je zuvor; hatte er doch nun gar niemanden mehr zum Reden. Da hielt er es aber gar nicht mehr zu hause aus und lief unruhig durch die einsamen Straßen der großen Medienmetropole, die übrigens früher Hansestadt gewesen war. Und so war es ganz unausweichlich, daß er eines Tages wieder in jenes unauffällige Café geriet, in dem er einst die Werbefuzzis getroffen hatte.
    "Na sie sehen ja traurig aus!" begrüßte ihn die Thekenkraft. "Und wo ist denn ihr netter Elefant? Stimmt was nicht mit dem?"
    Da erzählte Karl ihr die ganze Geschichte und warum Bruno nicht mehr mit ihm reden wollte.
    "Ja wissense: Das kenne ich", entgegnete die Bäckereifachverkäuferin, "mein Goldfisch Annegret will nämlich auch nicht mehr mit mir reden!"
    "Ja aber warum denn?"
    "Na, die hat sich nämlich darüber geärgert, daß ich damals, wie sie das erste mal da waren, nicht gleich die Initiative ergriffen und sie zu mir eingeladen habe. Sie meint, ich hätte da eine Inkonsequenz in meinem emanzipatorischen Verhalten; ich sei theoretisch ja schon ziemlich weit, aber in der Praxis würde ich dann mein feministisches Selbstbewußtsein verlieren und wieder in typisch weibliche Passivität zurückfallen."
    "Ja vielleicht sollten wir uns mal treffen und uns über unsere Probleme mit unseren Lebensgefährten austauschen!" rief Karl da spontan aus, "vielleicht macht es uns das beiden etwas leichter."
    Und so kam es, wie es kommen mußte: Vier Monate später waren die beiden verheiratet und lebten glücklich und zufrieden zusammen und unterhielten sich zu viert über Frauenbasketball im Comic, Gedichte von de Sade und die masochistischen Wesenszüge von Goethes Werther - bis eines Tages Bruno in das Goldfischbecken fiel und böse von Annegret angeknabbert wurde und sich das Liebespaar heillos zerstritt über die Frage, wer denn jetzt daran die Schuld gehabt habe - aber das ist eine andere Geschichte.
     
  6. Céline

    Céline Guest

    Werbung:


    :rollen: :rollen: :rollen: :rollen: :rollen:

    Pilou, vielleicht solltest du, "statt Seminare für Praktikanten abzuhalten", irgendwo um Asyl für die Weihnachtstage nachsuchen! Du Königsschlange!

    :guru:

    Robinchen, ich hätte nie im Leben gedacht und auch keinen Euro darauf gewettet, du weisst, dass bei Steiff alles mit Filz-Elefanten angefangen hat. Jetzt halte ich dich echt für Gott oder Messias! Das haste davon :zunge:
     
  7. Jérôme

    Jérôme New Member

    Registriert seit:
    9. Dezember 2003
    Beiträge:
    734
    Dringend gesucht!

    Leider weiss ich nicht, welche Spalte für Annoncen am besten geeignet wäre - darum inseriere ich gleich hier:

    Ausgerechnet für die Tage der Nächstenliebe wurde ich, bescheidene, friedfertige und handzahme Königsschlange, vor die Tür gesetzt. Suche dringend einen warmen Vivariumplatz zum Überwintern. Einzige Bedingung: möchte durch eine Maus gefüttert werden.

    Während ich auf die Millionen Angebote, die ich ganz einfach bekommen muss -grins, warte, fahre ich mit der Weihnachtsgeschichte fort.
     
  8. majanna

    majanna Guest

    Re: Dringend gesucht!


    Intellektuell tief verunsichert frage ich mich,wie ein Wesen schlangengleich, denn die Schlange an sich bleibt uns Irdischen verborgen, also ein Wesen das nur Mäuse fressen will,gerade zur Weihnachtszeit Obdach sucht.
    Sollte der Annoncierende sich als innerweltliche Reinkarnation dessen empfinden, auf den der ganze Rummel zur gerade herrschen Zeit veranstaltet wird? Da bitte ich doch um etwas präzisere Auskunft. Schlange wird ontologisch ganz ganz anders besetzt!


    Und ist der Mensch schon auf die Maus gekommen?


    Halleluja, Halleluja ....
    die Maus Marianne
     
  9. Jérôme

    Jérôme New Member

    Registriert seit:
    9. Dezember 2003
    Beiträge:
    734
    Persönliche Weihnachtsbetrachtungen - Teil 2

    Die Weniger-Nöchsten lieben Dich auch.

    Während also bei Karl und seiner angetrauten Bäckereifachverkäuferin die Fetzen fliegen, warten Bruno, Annegret und sämtliche Nachbarn in festlicher Stimmung ungeduldig auf das Eintreffen der örtlichen Polizei. Dies kann sich in die Länge ziehen, denn die Polizei hat die Hände voll zu tun. Es bleibt also noch genügend Zeit, weitere Aspekte der Weihnachtszeit zu erwähnen.

    Wie schon gesagt: die Weniger-Nächsten, also beinahe oder sogar ganz Fremde lieben uns auch. Wir merken das nur nicht immer. Aber es geschieht. Sie beschenken uns sogar.
    Unsere Privatversicherung schenkte uns z.B. schon zur Geburt der Kinder im vergangegen Jahr einen (oui, einen!) Strampelanzug. Zu Weihnachten gab's dann eine Familienpackung Heftpflaster. Und siehe da, dieses Jahr kam schon Mitte November eine neue. Wir verletzen uns zwar nicht so oft und auch Blasen an den Füssen blieben uns dank dem Jahrhundert-Sommer erspart, aber da sage ich nichts, es war sicher gut gemeint. Es gibt Schlimmeres: verschiedene Lieferanten haben uns einfallsreich mit etwa 20 Taschenkalendern - absolut unnützen Dingern - ihre guten Wünsche fürs Neue Jahr übermittelt. Von der Service-Garage bekamen wir drei Glasreinigungstücher (in drei frankierten Couverts!), dann noch einige Wandkalender - mit Tieren, mit Bäumen und mit entkleideten Mädchen. Den letzten wollte ich von der Decke im Schlafzimmer baumeln lassen. "Du Wüstling" war das Kommentar und noch einige hier nicht erwähnte Sätze.
    Mein "Dealer" weiss als Einziger, was gute PR ist! Schenkte er mir schon im November Eintrittskarten für Whiskyschiffe (eine Präsentation), toppt er's jetzt noch mit einem gefüllten(!) Flachmann für die Skisaison. Das ist wahre Nächstenliebe. Auch den Optiker, der mir kostenlose Sehschärfe-Bestimmung plus 20% Rabatt auf Kontaktlinsen oder Gleitsichtgläser+Fassung auf Weihnachten schenkt, mag ich.
    Viele meiner Klienten kennen meine Meinung und verschonen mich, einige unverbesserliche jedoch schicken ihre Produkte: Krawatten, die nicht zu mir oder meinen Anzügen passen, Kosmetika, Feldstecher, Pralinées und Schokolade, einen besonders üblen Kunstdruck, Opernkarten etc. etc.
    Ihr denkt jetzt bestimmt: Was beklagt sich der Idiot, viele wären froh, bekämen sie nur einen Teil davon. Eben! Das denke ich auch.
    Der Wirtschaft kann es gar nicht so schlecht gehen, kann sie sich leisten, so viele unnütze Präsente zu machen. Wieviele Millionen werden da überflüssigerweise verschenkt, die man sinnvoller hätte verwenden können?
    Ich will aber nicht nur nörgeln. Es gibt auch lustige Nächstenliebe. Davon erst später. Das ist dann das Finale!-grins

    Teil 3 - Der lustige Weihnachtshorror
     
  10. Mara

    Mara New Member

    Registriert seit:
    18. April 2003
    Beiträge:
    2.608
    das sind die schönsten weihnachtsgeschichten, die ich seit langem gelesen habe ... :)

    die werde ich später meinem sohn vorlesen !

    :haare: :p

    mara
     

Diese Seite empfehlen

  1. Diese Seite verwendet Cookies. Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies.
    Information ausblenden